Ich mag gegrilltes Fleisch, zugegeben. Aber eigentlich ernähre ich mich trotzdem nicht ungesund, nicht völlig jedenfalls. Denn schon als Kind habe ich mit großer Begeisterung den Garten meiner Großeltern geplündert. Ich mag auch grüne Smoothies, und nicht nur, weil sie gerade angesagt sind. Und ich habe zu jeder Zeit eine ganze Ladung Obst und Gemüse auf die Schränke und Tische meiner Küche verteilt.

Auch auf meinem Redaktions-Schreibtisch stapeln sich die Bücher zur gesunden Ernährung: Rezepte für alles was grün ist, für alles, was gesund ist, für zahllose Methoden, den inneren Schweinehund auf dem Weg zum Kühlschrank zu besiegen … theoretisch zumindest.

Denn in der Praxis sucht sich dieser Schweinehund bekanntermaßen genau die Momente für seine Überfälle aus, in denen die Bücher weit weg, die Smoothies unerreichbar sind …

Gestern abend zum Beispiel. In der Einkaufstasche nach dem Büroschluss etwas Salat, Grapefruitsaft, Brot. Ich sitze in der Straßenbahn. Umsteigen am Bahnhof. Da ich am Salatstand nix Deftiges bekommen habe, schlägt mir der innere Schweinehund vor, am Bahnhof noch eine Grillhaxe zu kaufen. Zum Salat, quasi als Sättigungsbeilage. Ich werde weich und mache einen Deal mit meinem inneren Schweinehund: Wenn meine Anschlussbahn in weniger als 8 Minuten kommt, gibts keine Haxe, dann geht’s auf dem kürzesten Weg nach Hause, mit dem Salat.
Der innere Schweinehund nickt großzügig.
Dieser Schweinehund! Denn er weiß wohl genau, was kommt.
Ich steige am Bahnhof aus und sehe meine Anschlussbahn schon stehen. Ha, das sieht nach einem gesunden Abendbrot aus! Ich sprinte (ehrlich) zum anderen Gleis und will einsteigen. Vor meiner Nase geht die Tür zu. Das Drücken des Türöffners erzeugt ein rotes Blinken. Die Tür bleibt zu. Die ersten Wartenden an der Haltestelle schau’n zu mir herüber. Ich blicke abwechselnd auf den rot blinkenden Türöffner, den ich immer wieder drücke, und nach vorn, in Richtung Straßenbahnfahrer. Dann sprinte ich zur nächsten Tür und drücke. Rot. Die Bahn macht aber keine Anstalten, abzufahren. Ich drücke nochmal. Rot. Nochmal. Rot. Ich fange an zu fluchen wie Colin Farrell auf seinem Belgien-Trip. Die Wartenden geben erste Mitleidsbekundungen ab. Und dann fährt sie los, die Bahn. Ohne mich.
Ich schaue auf die Anzeigetafel – noch 15 Minuten bis zur nächsten Bahn. Tja, sagt mein innerer Schweinehund, dann eben Sättigungsbeilage.

Ich schlendere in den Bahnhof, zu „meinem“ Grillstand. Die Verkäuferin erkennt mich schon von weitem. „Zwei Haxen?“ fragt sie, lächelnd und laut. Ich will standhaft bleiben (ich schwör’s) und nur die Hälfte nehmen. Aber sie kommt mir zuvor. „Es sind die letzten beiden, da haben Sie aber Glück gehabt!“ Ich will mit dem Kopf schütteln, aber sie sagt: „Machen wir heut auch billiger!“ Ich setze weiter zum Kopfschütteln an. „Es sind nämlich nur zwei kleine.“ Sagt sie dann. Mein Kopfschütteln bleibt irgendwie im Ansatz stecken …
Ich hab’s versucht. Echt. Und ich werde es wieder versuchen, bestimmt …

Über den Autor

Was kommt hinter dem Horizont? Eine Frage, die schon die alten Seefahrer bewegte und die auch mich umtreibt. Nachdem ich in unserem Verlag schon die eine oder andere Zeitschrift auf den Weg gebracht habe, habe ich nun mit der "Auszeit" meinen Herzensweg gefunden, ein Heft, das auch diese Frage wieder aufgreift, zu neuen Wegen ermutigt und Brücken baut. Außer Chefredakteur bin ich auch - und das ebenfalls mit ganzem Herzen - Vater und (neuerdings) auch Großvater. Und wie die alten Seefahrer mache ich mich auf den Weg, denn wir alle wissen: Hinter dem Horizont geht es weiter ...

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