Der Schnee breitete sich wie eine Decke über den moosigen Waldboden und die federnden Äste der Tannen hatten ein weißes Kleid bekommen. Die Tiere waren durch die Lüfte in wärmere Gefilde gezogen oder lagen eingekuschelt in ihrem Bau, wo der Schlaf sie über den Winter in Traumlandschaften führte. Ein paar von ihnen hinterließen weiter ihre Spuren, wenn sie durch den Wald zogen, doch im Großen und Ganzen und Allgemeinen war Ruhe eingekehrt in ihrer Welt.
Die Bäume, die jetzt Erinnerungen an Hunderte von Jahren in sich trugen, waren tief verwurzelt im Erdreich, aus dem im Laufe des Jahres beständig neues Leben erwachsen war. Glitzernd weiß wie gewebt, wärmten die eisig kalten Kristalle des Wassers alles, was darin schlummerte. Die Stille war durchdrungen von den leisesten Geräuschen, die nur der achtsame Wanderer hören konnte.

***

Eines Nachts plötzlich schallten laute Stimmen durch den Wald. Der Fuchs wurde aus dem Schlaf gerissen und der Waldkauz ließ unruhig sein Kji-wiik vernehmen. Das Eichhörnchen duckte sich hinter eine Astgabel, neben ihm hockte eine Krähe und zwei Rehe harrten in sicherer Entfernung dem Licht und den Stimmen, die immer näher kamen. Eine kleine Gruppe von Menschen hatte ihr vom Winter verzaubertes Reich betreten. Mit Licht und mit Lärmen, liefen sie immer tiefer ins Gehölz, trugen eine Kiste vor sich her und stellten sie vor einer wunderschönen Tanne in den Schnee. Ein Mann leuchtete mit einer Laterne den Kindern, die eifrig und mit freudigen Gesichtern begannen, die Zweige der Tanne mit allerlei buntem Zeug zu behängen. Die Tiere staunten nicht schlecht. Und der Fuchs traute sich etwas näher ans Geschehen. Die vielen kleinen Hände gingen flink an ihr fröhliches Werk und gaben dem Baum im Handumdrehen ein anderes Gesicht, ein neues Kleid. Bänder in allen Farben, im Kerzenschein leuchtende Kugeln und Spielzeug verliehen ihm ein strahlendbuntes Antlitz.

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Der Fuchs verlor seine Scheu und schlich heran, bis eines der Kinder ihn entdeckte… aufgeregt versuchte es dem Tier zu folgen, das zwischen den Bäumen hin und her lief, als würden sie fangen spielen. Als es ihn nach einer Weile im Unterholz nicht mehr sah, ließ es davon ab. Es ist ein Fuchs, den ihr gesehen habt, sprach der Mann. Wer in den Wald geht und ganz leise ist, der kann noch viel mehr sehen. Mit leuchtenden Augen bewunderte die kleine Gruppe die frischgeschmückte Tanne und dann… leise, ganz leise, fast wie auf Zehenspitzen, liefen die Menschen aus dem Wald heraus zurück in ihr Heim aus Stahl und Stein. Und der Fuchs – neugierig geworden – lief ihnen auf leisen Sohlen hinterher. Manchmal, vor allem in der Nacht, kann er auch dir in der Stadt begegnen. Dann sei ganz leise, verjage ihn nicht und erinnere dich daran, wie schön es im Wald gewesen ist.

 

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