Macht Liebe blind? Wie sehr sind wir von unseren Gefühlen abhängig, lassen uns leiten und gar täuschen? Liebe kann schön sein. Aber auch pures Gift.

Liebe wird oftmals mit verliebt sein verwechselt, mit einem kurzweiligen Hochgefühl von Glück, das wie ein Adrenalinschub durch Geist und Körper wallt, bis du glaubst, die ganze Welt liege dir zu Füßen, so toll ist es hoch oben auf Wolke Sieben. Doch die anfängliche Euphorie weicht früher oder später der Routine. Kummer und Sorgen machen sich breit. Zweifel entstehen, Vertrauen gerät ins Wanken.

Und was einst wie ein Märchen begann, endet nicht bei „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“, sondern beim Streit um das Geschirr, wer die Kinder zum Training fährt, wie die Schulden zu bezahlen sind und warum keiner gut genug mehr für den anderen sei.

Wahre Liebe überwindet solche Krisen, doch auch sie ist nicht immer stark und mutig. Hin und wieder gerät jede Liebe ins Wanken, wird schwach, krank, im schlimmsten Fall zu einer toxischen Beziehung, deren Heilung einer langen Therapie bedarf. Wenn nicht gar einer Amputation im Sinne einer Trennung.

 

Liebe ist …

Es gibt eine Reihe sehr starker Emotionen: Hass, Verzweiflung, Panik, Euphorie, Gier und eben auch Liebe. Nicht selten hängen sogar viele dieser Gefühle zusammen und wirken gleichzeitig auf deine Seele ein. Dem Hass geht meist eine zutiefst verletzte Liebe voraus, die Gier nach Anerkennung kann sich wie Liebe anfühlen und selbst in der Verzweiflung steckt sie – als Trennungsangst von einem geliebten Menschen zum Beispiel.

Es stellt sich also die Frage, ob dieses Gefühl der Liebe wirklich so durchweg positiv ist, wie immer alle behaupten. Und die Antwort ist erschreckend simpel: Ohne Leid, gäbe es keine Freude. Denn nur wer Schmerz und Trauer kennt, weiß Zuneigung wirklich zu schätzen. Entscheidend ist, wie du mit dieser Kombination aus Gefühlen und Erfahrungen umgehst. Lässt du dich überrumpeln, brauchst du immer die Kontrolle oder kommst du jedes Mal aufs Neue komplett durcheinander? 

Vor allem wenn die Phase des Verliebtseins „überwunden“ ist, entwickeln sich viele Beziehungen in die falsche Richtung. Dabei waren die Differenzen von Anfang an da, du hast sie höchstwahrscheinlich nur nicht gesehen. Weil du nicht wolltest. Weil Liebe blind macht. Vielleicht aber auch, weil nicht alles auf den ersten Blick so ist, wie es scheint. Das gilt auch für Beziehungen.

 

Liebe ist … mit unüberbrückbaren Differenzen verbunden

Wenn du eine Weile dich und deinen Partner als Eins gesehen hast, untrennbar gegen den Rest der Welt, wird es schwer die individuellen Bedürfnisse wieder separat zu berücksichtigen. Sowohl seine/ ihre als auch deine eigenen.

Je mehr ihr euch kennenlernt, desto mehr Differenzen stellt ihr fest. Klar heißt es „Gegensätze ziehen sich an.“ – aber kann das dauerhaft gut gehen? Immer häufiger trennen sich Paare, weil sie meinen, ihre Differenzen seien unüberbrückbar. Das stimmt womöglich sogar. Aber konnten sie das denn nicht schon vorher kommen sehen?

 

Liebe ist … eine Kommunikationskatastrophe nach der anderen

Aus Liebesschwüren und treuherzigen Versprechungen werden Streit und tagelanges Anschweigen. Auch hier stellt sich die Frage, was wohl schief lief und warum die Kommunikation derart gestört sein kann, wo doch zunächst alles so unkompliziert war. Der Grund sind die Themen. Die wenigstens Paare reden gleich bei den ersten Dates über schwerwiegende Probleme. Stattdessen plaudern sie über Belangloses, scherzen, träumen von der Zukunft und sehen sich verliebt in die Augen.

Doch jede Beziehung muss Höhen und Tiefen überwinden. Wer auf dem Level der Belanglosigkeit bleibt, verpasst es, eine reale Kommunikation zum Partner aufzubauen. Streiten will gelernt sein, ebenso Vergebung und Einsicht. 

 

Liebe ist … am Ende das schönste Gefühl überhaupt

Viel zu schnell haben sich manche Generationen verlieben müssen, vor allem in Zeiten arrangierter Ehen und ohne die Option auf Scheidung. Dagegen scheut sich die neuste Generation zu oft vor der Verantwortung, hat Bindungsschwierigkeiten und geht lieber den vermeintlich leichten Weg der Trennung, anstatt zu kämpfen. Die Folge: Paare und Familien, die sich ein Leben lang in Liebe zur Seite stehen, werden immer seltener.

Zu spüren ist dies unter anderem am Wohnungsangebot überwiegender 2-Raum-Wohungen, am Identifikationskonflikt alias Gendering, an der wachsenden Zahl von Scheidungen und Trennungen, an der Nachfrage nach sozialer Unterstützung für Alleinerziehende und im Alter. Wo ist die große Liebe, wenn du sie brauchst? 

Keiner will am Ende allein dastehen. Allerdings ist der Weg dabei das Ziel: Die Liebe ein Leben lang über alle Hürden hinwegzutragen und was einst auf Wolke Sieben begann im Lebensabend gipfeln zu lassen.

 

Stimmt was nicht mit uns?

Erst im Laufe einer Beziehung fangen die meisten Paare an sich zu fragen, woher diese toxischen Gedanken und Gefühle kommen, die zu Konflikten und Kommunikationsschwierigkeiten führen. Dem entgegen stehen die unrealistischen Erwartungen der Gesellschaft: Werbeplakate fröhlicher Großfamilien, der fantastische Familienurlaub, der zweite Frühling zur Rente, die liebevolle Beziehung zwischen den einzelnen Generationen und natürlich sind Männer wie Frauen immer gesund und munter guter Dinge.

Die Frage ist nun mehr nicht nur: „Macht Liebe blind?“, sondern halten wir uns absichtlich die Scheuklappen vor oder wird uns dieser Tunnelblick sogar unbemerkt aufgezwungen? Das Stichwort Liebe wird nämlich immer wieder verfälscht beziehungsweise falsch interpretiert:

 

Wo die Liebe hinfällt: Alles nur ein Zufall. Ganz leicht, ohne große Anstrengungen, ohne Verantwortung.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht was Besseres findet: Es gibt kein gut genug, alles ist möglich und das ohne feste Bindung.

Alte Liebe rostest nicht: Wer es einmal geschafft hat, muss sich nicht mehr anstrengen.

 

Kein Wunder, dass so viele Beziehungen schief gehen, wenn wir solchen Floskeln glauben. Viel lieber hören wir auf Zitate von Promis und Sprüche mit Einhörnern und Lamas, anstatt unserem Partner zuzuhören. Nicht die Marketingleute oder Social-Media-Kontakte wissen, wie deine Beziehung funktionieren kann, sondern nur du und dein Partner.

 

Die Kann-es-wirklich-Liebe-sein-Checkliste für das erste Date

Den ultimativen Test für die einzig wahre Liebe gibt es natürlich nicht. Doch schon im Songtext des berühmten König der Löwen Klassikers „Kann es wirklich Liebe sein“ stehen Kommunikationsschwierigkeiten am Anfang einer noch zaghaften Beziehung:

„Wie soll ich’s ihr erklären, ob sie es auch versteht? […] Wer weiß, ob sie dann geht?“

„Was will er nur verbergen? Er tut’s die ganze Zeit.“

Und so werden viele wichtige Themen beim ersten Kennenlernen verschwiegen. Aus Angst, dem anderen nicht zu gefallen, abschreckend zu wirken oder sich gar lächerlich zu machen. Insbesondere so ein Schamgefühl kann bereits die erste Injektion zu einer toxischen Beziehung sein.

Daher gilt: Aufrichtige Kommunikation von Anfang an. Nur dann merkst du, ob es klappen kann.


 

Deine Checkliste:

1. Die Einladung zum ersten Date: Fühlst du dich umworben oder genötigt selbst den ersten Schritt zu tun? Zierst du dich, weil du noch Bedenken hast oder glaubst du etwas schuldig zu sein? Nimm die Einladung nur an, wenn du dich dabei absolut wohl fühlst, auch wenn es vielleicht bei einem Date bleiben sollte.

 

2. Das Outfit: Klar willst du dich chic machen, aber hältst du diesen Stil durch? Passt das Outfit wirklich zu deiner Persönlichkeit? Der äußere Eindruck zählt sehr wohl und verrät viel über Gewohnheiten. Wer sich ständig an der Kleidung zupft und sich sichtlich unbehaglich fühlt, trägt diese wahrscheinlich nicht sehr oft und gibt nur vor, so zu sein.

 

3. Was, wann und wo: Geh nicht mit jemandem Kaffee trinken, wenn du gar keinen Kaffee magst oder quäl dich in eine Disko, obwohl du nicht tanzen möchtest. Schon hier fangen die ersten Differenzen an und das ist auch völlig okay. Du musst nur klar zu deinen Vorlieben stehen und ihr werdet mit einer gemeinsamen starten können, anstatt euch zum Hochzeitstag zu fragen, was das alles sollte.

 

4. Die Themen: Wenn die Chemie stimmt, dann findet ihr gemeinsame Themen und auch unterschiedliche. Schließlich habt ihr verschiedene Erfahrungen gemacht und seid zwei komplett andere Persönlichkeiten. Nicht jedem Thema muss unbedingt auf den Grund gegangen werden. Aber über den Bezug zur Familie, Hobbys, den Job und Ähnliches lässt sich viel heraushören. Zum Beispiel ob dein Gegenüber eher der ehrgeizige Typ ist oder ein Genussmensch.

 

5. Wie fühlst du dich nach dem Date? Hinterher findest du eine andere Perspektive. Womöglich war dir das ungefragte Übernehmen der Rechnung ein Hinweis auf Kontrollzwang und wirkte gar nicht so zuvorkommend wie in dem Moment. Oder erste Anzeichen von Machtansprüchen waren deutlich, vielleicht aber auch eine allzu scheue Zurückhaltung, die an mangelnder Konsequenz grenzt.

 


Nach dem Date mit Freunden zu reden und dir eine dritte Meinung einzuholen, kann knifflig sein. Deine Freunde waren schließlich nicht dabei und kennen nur deine Version der Geschichte. Sie werden dir höchstwahrscheinlich einfach nur sagen, was du hören willst. 
Auch die neue Bekanntschaft in Suchmaschinen und auf sozialen Medien zu stalken, bringt dich nicht weiter. Womöglich werden so nur Zweifel gesät, es entstehen Missverständnisse und du urteilst vorschnell.

Ein richtiger Liebestöter kann ein Ratgeber in Sachen erste Dates sein, wodurch du nicht unbefangen hingehst, sondern schon von vornherein die Sache zerdenkst. Du würdest eventuell versuchen, dich anders zu benehmen, auf Details achten, die dir normalerweise gar nicht wichtig sind – und so das eigentliche Abenteuer versäumen: einen großartigen Menschen kennen zu lernen, Vertrauen zu fassen, dich zu verlieben.

Wenn daraus Liebe wird, dann denk hin und wieder an euer erstes Date zurück: Was hat dir damals so gut gefallen? Wie hast du dich gefühlt? Habt ihr beide nur eine Show abgezogen um einander zu imponieren – oder war „sie“ echt?

So ein Rückblick auf die Gefühle, die euch zusammen gebracht haben, kann ein erster Therapieansatz bei toxischen Beziehungen sein und regelrecht heilsam wirken: Kehrt zurück an den Ort, wo ihr euch getroffen habt, wiederholt euer erstes Date. Fühlt ihr sie noch, die Liebe? Wart ihr am Ende nicht blind vor Liebe, sondern irgendwann blind vor der Liebe und habt nicht mehr sehen können, was ihr da Tolles habt?

Mit einem Perspektivenwechsel, einem Blick in die Vergangenheit oder in die Zukunft, kann die Liebe in einem ganz neuen Licht erscheinen. Ja, vielleicht ist sie verblasst, vielleicht aber auch einfach nur zu oft aus den Augen verloren gewesen und wartet darauf, mehr Beachtung zu finden.

 

 


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