Dauerstress in der Firma und der Freizeit rauben uns die letzte Lebensqualität. Ich weiß nur eins: Ich will und kann nicht mehr! Alles zurücklassen, abschalten, wieder Kraft und Energie finden. Das brauche ich. Thomas nimmt endlich eine Auszeit im Kloster. Nicht, weil es Trend ist, weil es andere machen. Sondern weil es nötig ist. Ein Experiment zur Selbstfindung. Meine Auszeit im Kloster.

Wohin soll ich?

Ich erinnere mich, irgendwann mal etwas im Fernsehen über das „Ruhe suchen im Kloster“ gesehen zu haben. Es gibt heute viele Klöster, die Gäste aufnehmen. Meine Wahl fällt auf das Benediktinerstift Kremsmünster in Oberösterreich- meine persönliche Auszeit im Kloster. Ich werde verständigt, dass ich in der Klausur untergebracht werden soll. Also dort, wo auch die Klosterbrüder und Patres wohnen. So hätte ich die beste Gelegenheit jene Ruhe zu finden, nach der ich so dringend suche. Nach meiner religiösen Zugehörigkeit wurde ich nicht gefragt. Im Kloster weiß man, dass man auch ohne Konfession ein Hilfe suchender, aufrechter Mensch sein kann.

Ankunft

An der Kloster-Pforte werde ich von einem sehr sympathisch wirkenden Pater in Empfang genommen. „Ich bringe Sie jetzt zu Ihrer Zelle“, meint er nach dem Willkommensgruß. „Sie können sich bei uns frei bewegen und wenn Sie wollen, an unseren Gebetszeiten teilnehmen.“ Was? Keine Verpflichtungen? Nicht einmal das Handy wird mir abgenommen? Weiter überrascht mich die Offenherzigkeit, die mir entgegenströmt. Ich darf sogar mit den Patres die Mahlzeiten im Refektorium, dem Speisesaal im Kloster, einnehmen. Während meines Aufenthaltes nimmt man mich voll und ganz in die Klostergemeinschaft auf – sofern ich das will.

Meine „Zelle“ ist ein Raum von rund 35 Quadratmeter Größe! „Um innere Ausgeglichenheit und Ruhe zu finden, braucht es auch eine weiträumige Umgebung“, meint der Pater. „Eine beengende Zelle wäre dafür ein denkbar ungeeigneter Ort.“ Fasziniert bin ich auch von der Möblierung! Echtes Biedermeier. Geräumige Dusche, WC, Waschbecken, alles da. Sogar ein Telefon steht auf dem Tisch.

Selbstdisziplin

Telefon neben dem Bett und Smartphone im Koffer – wie soll ich dabei meine Ausgeglichenheit finden? Meine erste Erkenntnis in diesen ehrwürdigen Mauern: Es kommt alleine auf mich selbst an, darauf, was ich zulasse. Ruhe finden kann ich nur, wenn ich dazu auch wirklich bereit bin. Freilich könnte ich auch im Kloster auf Teufel komm raus weiter telefonieren. Ich gebe mir also einen Ruck, schalte mein Smartphone aus und lege es ins Nachtkästchen. So, nun bin ich für die Welt nicht mehr erreichbar. Nun gehöre ich nur noch mir selbst! Anfangs ertappe ich mich immer wieder, wie ich in meine Hosentasche greife, um einen Blick auf mein Smartphone zu werfen. Habe ich einen Anruf überhört? Habe ich eine SMS oder Mail bekommen? Das ist es, was ich ständig wissen will, ja wissen muss! Doch nun im Kloster greife ich in die leere Hosentasche. Ich spüre, wie mir das kleine Elektronikbündel mit dem bunten Bildschirm so richtig fehlt. Irgendwie raubt mir das die Ruhe, nach der ich ja eigentlich suche. Mir fehlt die vom Handy ausgehende Hektik.

Endrückende Ruhe?

In meiner Zelle ist es ganz still. Kein Radio, kein Fernseher, kein Lärm von den Nebenzimmern. Nichts tun – das ist so richtig ungewohnt für mich. Ob ich nicht doch mal nachsehen soll, ob mich jemand angerufen oder mir eine SMS geschickt hat? Ganz kurz? Nein! – Ich bleibe standhaft.

Bereits am ersten Abend stelle ich ferner fest, dass sich die Welt auch ohne „Tagesschau“ weiter dreht. An einem so geschichtsträchtigen Ort wird mir auch erst klar, wie nebensächlich das Tagesgeschehen eigentlich ist. Was alleine mögen diese Gemäuer seit der Gründung des Klosters vor über 1200 Jahren schon erlebt haben?

Einleben für die Auszeit im Kloster 

In unserer so schnelllebigen Zeit nimmt man oft nur am Rande wahr, wo man eigentlich gerade ist. Dabei gäbe es so viel spannendes, schönes, wissenswertes zu entdecken. Auch dies zählte zu meinen ersten Erkenntnissen, nachdem ich im Kloster Quartier bezogen hatte. Es ist einfach ungewohnt, mal keine Termine wahrnehmen zu müssen. Irgendwie fällt etwas von mir ab.
Die Größe der Klosteranlage erkunde ich in einem ersten Spaziergang. Mein Zimmerschlüssel erlaubt mir auch den Zugang zu den nur den Patres zugänglichen Parkanlagen. Ich spüre, wie die Ruhe Besitz von mir ergreift. Meine Auszeit im Kloster beginnt. Ich muss nicht in 5 Minuten irgendwo sein. Einfach nur etwas schlendern, mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und mich an ihrer Wärme erfreuen.

Kloster_Kremsmuenster_PraelatenhofAuerbach Verlag/Thomas Riegler

Gottesdienste

12 Uhr: Mittagshore in der Stiftskirche. Sie ist eines der Stundengebete, in der von den Patres gemeinsam hauptsächlich Psalmen vorgetragen werden. Gemeinsam mit den einstimmigen gregorianischen Gesängen sorgen sie für besonders tiefe Empfindungen.
Ich bin bei der Mittagshore nicht normaler Gast, der in den Kirchenbänken sitzt. Nein, ausgestattet mit einem Psalmenbuch stehe ich mitten unter den anderen Patres direkt beim Altar und feiere mit ihnen mit. Genauso, wie an den folgenden Tagen. Was auch ein Zeichen für mich ist, dass ich nicht einfach nur an diesem Ort bin, sondern auch alle Gelegenheit habe, ihn intensiv zu erleben. Auch das anschließende Mittagessen beginnt und endet mit einem Gebet.

Der Abend wird von zwei Gebetsterminen geprägt. Den Beginn macht um 18.00 Uhr die Vesper, ein liturgisches Abendgebet. Das Abend- und Nachgebet werden teils in weitgehender Dunkelheit abgehalten und hinterlassen einen besonders bleibenden Eindruck. Die größte Herausforderung stellt aber die Laudes, das Morgengebet, für mich dar. Sie wird bereits um 6.00 Uhr in der Früh abgehalten. Hier ist Selbstdisziplin gefragt! Mein Wecker klingelt um halb sechs Uhr. Hat das so frühe Aufstehen wirklich etwas mit Ruhe, mit Entspannung zu tun? Ich überwinde mich und werde mit einem besonderen Erlebnis belohnt – dem Anbrechen des Tages. Allmählich gelangt das erste Licht durch die Fenster – der Sonnenaufgang weckt auch in mir die Lebensgeister. Ich merke, wie die Gottesdienstzeiten helfen, dem eigenen Leben hier einen Rhythmus zu geben. Das ist sehr wichtig, denn die eigene Ruhe zu finden, hat nichts mit Schlendrian zu tun.

Inzwischen verspüre ich auch kaum mehr den Drang, nachzusehen, ob mich jemand auf meinem Smartphone zu erreichen versucht hat oder ob ich etwas Wichtiges versäumt habe. Ich beginne mich mit der Frage auseinanderzusetzen, was wirklich wichtig im Leben ist. Der ewige Stress, das Handy, der PC, all das gehört nicht dazu.

Auszeit im Kloster: Wege zur Selbsterfahrung

Ich habe mich darauf eingelassen, in einem Kloster abzuschalten und äußere wie innere Ruhe zu finden. Das Loslassen vom stressgeplagten Alltag ist mir leichter gefallen, als ich vermutet hätte. Die Auszeit im Kloster hat sich gelohnt. Das Smartphone blieb in der Schublade. Aber wie weit man bereit ist, die im Kloster gewonnene innere Stille und Ausgeglichenheit in den Alltag mitzunehmen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die das eigene Leben „draußen in der Welt“ wieder lebenswerter machen. Was man dafür ändern könnte, kann jeder für sich selbst während seines Kloster auf Zeit selbst ergründen. Man muss es nur zulassen.

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