Luftballons sind ein Hauch von Nichts umgeben von einem Hauch von Nichts. Sie sind Begleiter der Höhepunkte des menschlichen Lebens und haben viel Menschliches an sich. Folgen Sie mir auf eine kleine, luftige Reise durch die fragile Welt der Luftballons, zwischen Puste und Peng.

Es ist erstaunlich, wie oft im Alltag ein Ding ins Auge fällt, mit dem man sich in Gedanken beschäftigt. Gerade jetzt, als ich über den sonnenbeschienenen, katzenübersähten Innenhof blicke, kullert ein mit Erde bepuderter, roter Luftballon vorüber. Er ist ein Überbleibsel der letzten Nacht. Unter Ballons und Lichterpünktchen wurde gelacht, gesungen und getanzt. Weingläser und Kuchenreste sind mittlerweile einer reichlich gedeckten Frühstücktafel gewichen. Die Ballons schaukeln noch am Holunderbusch.

Sie erdulden klaglos, abgehängt zu werden oder als Fußball zu dienen. Ihr Ableben beschließen sie als knittrige Greise oder mit einem lauten Knall. Ein Luftballon hat viele menschliche Schwächen: dünnhäutig, aufgeblasen, unentschlossen und wankelmütig, beim leisesten Lüftchen in Aufruhr. Vielleicht finden wir die bunten Accessoires deshalb so sympathisch.

Luftballons überall

Kaum eine Festivität, die ohne Ballon auskommt. Sie steigen auf Hochzeiten mit Tauben um die Wette, fungieren als Pufferzone beim gewollt erotisch-komischen Ballontanz und werden bei Kindergeburtstagen um die Wette aufgepustet. Mächtig viel Spektakel für so eine dünne Hülle, in der sich meistens nur Luft befindet: Eine Blase, die Gas enthält. Im Einfachen liegt in diesem Fall die Vielfalt. Die Verwendungsmöglichkeiten des Ballons sind ebenso breit gefächert wie seine Metaphorik. Der Luftballon symbolisiert die Sehnsucht nach dem Emporstreben, der Freiheit – und dem unverhofften Verlust.

Wie oft passiert es im Leben, dass man aus vollen Lungen pustet und das mit Hoffnung prall gefüllte Spielding zerplatzt an einem Kaktusstachel? Und dann landet das Glück wieder aus heiterem Himmel als bunter Bote mit Zettelchen im Vorgarten. Je weiter ich zurückdenke, desto mehr wird mir die Bedeutsamkeit des Luftballons in meinem Leben bewusst …

Gänsehaut
Luftballone haben neben ihrem optischen, einen hervorragenden akustischen Wert. Sie pfeifen, floddern, furzen, quietschen und dommeln. Manche Menschen peitscht bei diesen Geräuschen der Ekel. Andere empfinden ein angenehmes Prickeln auf der Kopfhaut, das sich als Wohlgefühl über Nacken und Rücken ausbreitet. Autonomous Sensory Meridian Response, kurz ASMR, heißt das Phänomen, das auch durch sanfte Berührungen oder visuelle Reize ausgelöst werden kann. Das Internet bietet entsprechende Videos zum Lauschen. Die eintretende Entspannung kann beim Einschlafen helfen.

Luftballon-Momente

Meine erste Brieffreundschaft entsprang einem losgelassenen Heliumballon. Sie hielt, in ordentlich geschriebener Schnörkelschrift und gespickt lange Zeit. Ich erfuhr voller Faszination, dass es tatsächlich Mädchen auf der Welt gibt, die ein Pony ihr Eigen nennen. Die beigelegten Fotos bewiesen es. Mein Liebster beschenkte mich zu einem meiner ersten adoleszenten Geburtstage mit einem Rudel weißer Ballons, die in den Himmel aufstiegen. So viel Freude und so viel Wehmut im selben Augenblick!

“Der aufwärts strebende Ballon an der Leine ist ein treffendes Bild für die Ambivalenz der menschlichen Wünsche.”

Ein anderer Liebster schenkte mir in einem spanischen Park ein schwebendes rosa Pferdchen. Bei der Übergabe ließ er zu früh los und ich packte nicht fest genug zu und wir beide schauten dem Entflohenen nach, das der Sonne entgegenstrebte. Ich fuhr allein nach Haus, von diesem Besuch, und sollte es vorerst auch bleiben. Der Ballon hatte es mir vorausgesagt.

Mein nächster Freund schimpfte mit mir, weil ich den geschenkten Heliumballon in Polizeihubschrauberform, den ich einen ganzen Tag lang durch Zagreb spazieren geführt hatte, spontan an einen Straßenjungen weiterschenkte. Seine glänzenden Augen glichen die beleidigte Standpauke meines Begleiters aus. Wenn der Ballon einen Wesenszug in sich trägt, ist es die Flüchtigkeit. Trotzdem ist er nicht wegzudenken und jeder von uns hat seine ganz eigenen Ballon-Momente gehabt – oder wird sie noch haben.

Luftballon-Geschichte

Es ist der Experimentalphysiker Michael Faraday, dem die Welt die spaßige Gummi-Blase zu verdanken hat. In seinem Labor in London schnitt er im Rahmen eines Experiments zwei Kreise aus Rohgummi aus, bemehlte die Innenflächen, damit sie nicht aneinander klebten, drückte die Ränder fest und beobachtete, wie das wasserstoffbefüllte Gebilde, durch den Druck transparent geworden, zur Decke empor schwebte.

In seiner wissenschaftlichen Vierteljahresschrift berichtet er 1924 von seiner Entdeckung. Schon nach einem Jahr ging die Entdeckung als Set über die Ladentheke. Thomas Hancock verkaufte die Gummihüllen mit einer dazugehörigen Spritze zum Befüllen. Natürlicherweise ist Naturkautschuk bei Wärme sehr klebrig und weich und reißt bei Kälte. Die Entwicklung des Vulkanisierungsverfahrens brachte das Material in Form und machte es leichter händelbar.

“Ein Luftballon hat viele menschliche Schwächen: dünnhäutig, aufgeblasen und beim leisesten Lüftchen in Gefahr.”

Es gelang Charles Goodyear, dem Erfinder des Hartgummis, 1839 erstmalig Kautschuk zu vulkanisieren. Er versetzte Naturkautschuk mit Schwefel und weiteren chemischen Stoffen wie Katalysatoren und Stabilisatoren und erhitzte das Gemisch. So erhielt der Rohstoff Stabilität und blieb elastisch. Ballone müssen nicht zwangsläufig aus Gummi bestehen. Es gibt sie auch als Folien-Variante – bei diesen bleibt allerdings dieser wunderbare Moment aus, in dem die Lungen den Wendepunkt endlich überwinden und der Luftballon anzuschwellen beginnt.

Der Siegeszug den Luftballons war nicht mehr aufzuhalten. Auf Rummelplätzen und Jahrmärkten waren von da an Ballonverkäufer von quengelden Kindern geliebt und von Eltern gefürchtet. Luftballons gehören zum Volksfest, wie Zuckerwatte und Popcorn. Dabei begnügt er sich nicht mit seiner schnöden Birnenform.

Der Ballon in allen seinen netten Facetten
Ballone gibt es viele: Als Post-Ballon transportierte er Propagandamaterial, als Fesselballon bietet er Werbefläche, aus Glas beinhaltet er gärendem Wein Platz, als Seifenblase schillert er bis zum Zerplatzen. Seine Kraft wird genutzt, um Lasten zu heben oder die Stimmung auf Feten. Ein regelrechter Hype brach aus, als im 18. Jahrhundert die Idee kursierte, den Ballon als Kriegsmittel zu nutzen. Diese Träume hielten der Realität nur bedingt stand – heute geht eine geringfügige Gefahr von Wasserbomben aus. Die machen unfreiwillig nass. Und das reimt sich auf Spaß.

Es gibt Luftballons als Herzchen und Kringel, als Kleeblatt, Hase und Ente. Besonderes Schmankerl sind die langen Ballonwürste, die von fachkundigen Händen und unter erheblichem Quietschen kunstvoll zu Gebilden geknotet werden. Es gibt eigentlich nichts und niemanden, den man nicht aus Ballons knoten kann – vom Hut bis zum Hund.

Ballon-Träume

So ein am Boden festgezurrter Fesselballon klingt ein bisschen verrucht und gleichzeitig nach Sicherheit. Der aufwärts strebende Ballon an der Leine ist ein treffendes Bild für die Ambivalenz der menschlichen Wünsche, irgendwo zwischen den Polen Größenwahn und Bodenständigkeit. Wenn ich ein Luftballon sein dürfte, wäre ich ganz eindeutig gern ein Freiballon, ein echter Luftikus. Dahintreibend im Wind, hinauf in höhere Atmosphären.

Rein praktisch gab es diesbezüglich natürlich Versuche. Allerdings trägt ein durchschnittlicher Heliumballon pro Liter etwa ein Gramm abzüglich der Ballonhülle. Es bedürfte also einer gewaltigen Ballon-Traube, um einen ausgewachsenen Erdling tatsächlich abheben zu lassen.

Es ist in diesem Fall sicherlich ratsamer auf seinen großen Bruder, den Heißluftballon, umzusteigen. Wem das immer noch nicht hoch genug ist, kann es Baumgartner gleichtun und sich von einem Stratosphären-Ballon hissen lassen. Stellvertretend kann man nur einen Ballon ins Universum senden und mitfiebern. Mit dem Fernrohr kann man die aufsteigende Kugel auf ihrem Weg ins All verfolgen, bis sie in tausend Teilchen zerplatzt.

Luftballon-Schicksal

Während ich so tippe und philosophiere, sind etliche Stunden vergangen. Einer, der jetzt den Hinterhof betritt, könnte meinen, der rote, schmutzige Luftballon habe auf der faulen Haut gelegen. Aber ich habe seine beschwerliche Reise beobachtet. Einmal um die Feuerschale, unter den Tisch, bedenklich nah an den Rosen vorbei in Richtung Hundehütte und das alles nur, um wieder am Ausgangspunkt herumzudümpeln.

Ach, du Ballon. Wie fühle ich mit dir. Ich hoffe, du hast auf deiner Reise viel gesehen. Ich habe gesehen, dass du sie gemacht hast. Wie neu wirst du nicht mehr werden, so sehr ich auch puste. Aber ich muss sagen, das steht dir gut. Ich sehe ab und an mal nach dir und gebe dir einen kleinen Richtungswechsel. Anbinden kommt nicht in Frage. Und wenn du alt und schrumpelig bist, klapp’ ich über dir den Deckel zu.

Luftballons im Rekord
Der bekannteste Massenstart der Geschichte endete trotz Weltrekordmarke tragisch. Beim Balloonfest 1986 starteten im Rahmen einer Fundraising-Aktion 1,4 Millionen bunte Ballons vom Public Square in Cleveland, Ohio, in den Himmel. Ein Unwetter bewirkte, dass die Luftballons von ihrer südlichen Zugrichtung abkamen, nach Norden umdrehten, nach unten gedrückt wurden und über der Stadt, ihrem Umland und dem Erie-See herab regneten. Sie verursachten Verkehrsstörungen und verhinderten, dass zwei Seeleute in Not gerettet werden konnten.
Für den Massenstart war ein spezielles Gerüst errichtet worden, über das ein Netz gespannt war. Schon Stunden vor dem Start befüllten freiwillige Mitarbeiter des Veranstalters die Ballons mit Helium. Insgesamt hatten die Vorbereitungen knapp ein halbes Jahr in Anspruch genommen. Aufgrund der bedrohlichen Wetterlage entschied man sich dafür, den Start vorzuverlegen. Das Bild der aufsteigenden Wolke war spektakulär – allerdings wurde die Aktion für Stadt und Veranstalter aufgrund der Schadenersatzklagen zum Verlustgeschäft.

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

Weiterlesen:
Im Reich der Wolken – Über einen Ort, an dem alles möglich ist
Stiller Zauber: Gedanken im Nebel