Angeln wird oft als eher schrulliges Hobby verschrien, doch am Uferrand lässt sich weit mehr finden als nur etwas Leckeres zum Abendessen. Denn wer sich darauf einlässt, kann sich selbst auf ganz neue Weise begegnen.

Wenn es um das Thema Angeln geht, geht es meist nur um eines: den Fang. Hat man etwas an Land gezogen? Und wenn ja: Wie viel? Wer hatte den größten Fisch am Haken? Es schwingt immer ein Hauch von Wettkampf mit, es ist ein Sport, dem vor allem Männer mit Feuereifer nachgehen. Denn er gibt ihnen die Chance, die Natur in einem ganz persönlichen Wettstreit zu bezwingen. Wissen und Erfahrung legen den Köder aus, am Ende entscheiden Kraft und Ausdauer, wer den Kampf gewinnt. Mensch oder Tier. Ich oder der Andere. Als könnten wir auch nach all den Jahrhunderten der Evolution nicht davon lassen, uns als Bezwinger fühlen zu wollen.

Angeln hat aber auch eine andere, eine ruhigere und sogar meditative Seite, die allerdings unter dem nur allzu schnell in unserem Kopf erscheinenden Bild zweier älterer Herren (natürlich mit typischem Hut und Weste) in einem Ruderboot überlagert wird, das das Wort „Langeweile“ geradezu in Neonschrift vor sich herträgt. Doch wer sich einmal aufmacht, hinter das Klischee zu schauen und sich darauf einlässt, einem neuen Pfad zu folgen, kann am Uferrand mehr als nur einen möglichst tollen Fang an Land ziehen. Denn mit ein wenig Zuversicht findet man auch zu sich selbst, wie man es vorher gar nicht konnte.

Angeln braucht Geduld

Sitzt man erst einmal am Uferrand, hat man vor allem eines: Zeit. Denn Angeln ist eine Frage der Geduld. Ob und wann etwas beißt, haben wir nicht in der Hand. Es heißt warten – simpel eigentlich, und doch fällt uns gerade das Nichtstun heute oft so schwer. Weil wir es gewohnt sind, immer in Bewegung zu sein. Ist die Angel erst einmal ausgeworfen, ist der aktive Part vorbei. Dann gibt es nur noch dich und den Flecken Natur, den du dir ausgesucht hast.

“Mit den Fischen ist es wie mit dem Leben: Man braucht Geduld und manchmal geht man auch mit leerem Korb nach Hause.”

Wie von selbst wandert der Blick weg von der Schnur und der Hoffnung, ob sie sich nicht gleich bewegen wird, hin zu all dem, was sich fernab dieser beinahe durchsichtigen Sehne befindet. Umgeben von der fast schon betörenden Stille, die die frühen Morgenstunden mit sich bringen, schärfen sich die Sinne für neue Eindrücke. Blätter, die leise im Wind rascheln, die Sonne, die ihre warmen Strahlen durch das Schilf spitzen lässt, die gleichmäßigen Wellen, die plötzlich übers Wasser ziehen und davon zeugen, dass wirklich etwas unter der Wasseroberfläche ist. Dass es mehr gibt als das, was man im Moment sehen kann, und das wir es finden können, wenn wir unsere Angel nur mit dem richtigen Köder zur richtigen Zeit auswerfen.

Nur all zu oft sind wir auch im Leben auf der Suche nach dem großen Fang, nach Antworten oder Veränderungen, fischen dabei im Trüben ohne Gewissheit, was wird. Wer schon einmal wirklich am Uferrand stand, kennt das Gefühl. Wie mit den Fischen ist es auch im Leben so, dass wir Geduld haben müssen, bis sich die Schnur irgendwann bewegt und manchmal müssen wir auch mit leerem Korb vom Angeln nach Hause gehen.

Mit Kinderaugen

Während wir Erwachsenen oft zweifeln und mit uns hadern, ob sich Aufwand, Zeit und Ergebnis lohnen, haben Kinder einen ganz anderen Blick. Für sie ist es ein Spaß, am Ufer zu stehen, die Angel auszuwerfen und die reine Vorstellung, dass wirklich ein Fisch daran hängen könnte, unbeschreiblich. Voller Zuversicht blicken sie aufs Wasser, staunen über die für uns oft banalsten Dinge und lassen sich von uns Großen alles ganz genau erklären. Sie sind wissbegierig und abenteuerlustig. Nur die Geduld fehlt noch. Denn wenn nach ein paar Minuten nichts passiert, richten sie ihren Blick auf andere Dinge, auf Dinge, die jetzt passieren und interessant sind, und nicht in die Ferne.

Die meisten von uns haben diese Gabe längst vergessen. Wir wälzen lieber die Wenns und Abers hin und her, wägen die Mühen und die zu erhoffende Ausbeute ab, statt einfach das Jetzt richtig wahrzunehmen. Die Natur mit ihren wundervollen Farben, die frische Luft, die Ruhe, das eigene Ich. Denn wer nicht gerade mit Freunden oder der Familie unterwegs ist, findet beim Angeln vor allem Zeit für sich selbst.

Ob am Ende etwas anbeißt oder nicht, wird zur Nebensache. Wenn du es zulässt, gibt es nur dich und den Moment. Schaust du auf die glatte Oberfläche, zeigt dir das Wasser dein Spiegelbild, dein Jetzt, und zugleich die undurchdringliche Tiefe, eine Verheißung auf alles, was noch sein kann. Was sein wird, wenn wir die Geduld aufbringen zu warten, wenn wir jeden Fang als Gewinn ansehen können und auch einen glücklosen Versuch so wahrnehmen, dass er gut war.

Immer in Bewegung

Auf andere Art intensiv ist das Fischen am Fluss, der sich seinen Weg in selbstsicherer Ruhe durch die Landschaft bahnt, mal reißend, mal ganz entspannt. Das stete Murmeln des Wassers lädt geradezu dazu ein, die Gedanken mit ihm fließen zu lassen. Zwischen engen Steinen hindurch, hinab in die Tiefe oder um zahllose Biegungen und Kurven. So wie der Fluss steht auch das Leben niemals still. Eigentlich wissen wir das und doch bedarf es manchmal eines Bildes direkt vor Augen, um es richtig zu verstehen. Wer im Fluss angelt, stemmt sich bewusst gegen den Strom, muss darauf achten, dass weder er selbst noch sein Ziel einfach fortgespült wird. Eine Versicherung der eigenen Stärke und Kraft. Fest im Leben stehen.

Nicht nur man selbst ist diesem Sog ausgesetzt, sondern auch die Rute. Der Haken wird vom Wasser umspühlt, muss gelegentlich aus Ufergras und Schilf befreit werden und wird beim Fliegenfischen sogar stets in der Luft und in Bewegung gehalten. Das rhythmische Kreisen der Schnur, die nur für einen kurzen Moment dabei die Wasseroberfläche berührt, hat wahrhaft etwas Meditatives an sich. Ist es doch stets die gleiche Bewegung, im Einklang mit dem Wasser und dem eigenen Körper, der den Rythmus dafür vorgibt und irgendwann wie von selbst übernimmt, ohne dass man noch darüber nachdenken müsste.

Am Ziel

Für manchen Angler ist genau dies das eigentliche Ziel: Den eigenen Körper spüren, sich seiner selbst im Strudel des Lebens bewusst sein und mit sich eins werden. Ruhe und Abgeschiedenheit finden, um im allzu durchgetakteten Alltag durchzuatmen, der wunderbaren Einfachheit der Natur zu begegnen und dabei auch einen veränderten Blick auf sich selbst zu gewinnen. Und wenn dann auch noch ein gut gefüllter Korb fürs Abendessen mit rausspringt, hat sich der Ausflug in mehrerlei Hinsicht gelohnt.

Der Fluss des Lebens
Das Leben steht niemals still, auch wenn es uns mitunter so vorkommen kann. Manchmal fühlen wir uns regelrecht gefangen im Jetzt, oft ungewollt. Und manchmal werden wir einfach davongespült, obwohl wir noch nicht bereit sind zu gehen. Doch auch wenn wir nicht alles verstehen können, irgendetwas wird sein. Auch das Wasser wird auf seinem Weg immer wieder gestaut, unwissend, ob es den Damm überwinden kann. Und so heißt es in Robert Redfords tiefsinnigem Filmepos „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ berührend und metaphorisch zugleich:
„Am Ende fließen alle Dinge ineinander und aus der Mitte entspringt ein Fluss. Der Fluss wurde bei der großen Überschwemmung der Welt begraben und fließt aus dem Keller der Zeit über Steine. Auf einigen der Steine befinden sich zeitlose Regentropfen. Unter den Steinen sind die Wörter, doch einige Worte wird man nie verstehen.“

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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