Der Nebel ist der Bruder der Stille. Dort, wo er sich über die Landschaft legt, scheint sie wie in tiefem Schlaf. Alles um uns herum entzieht sich unseren Blicken und strahlt eine ganz besondere Ruhe aus. Momente, in denen auch wir zur Ruhe finden…

Zu meinen schönsten Erinnerungen gehören meine Sommertage am Wasser. Jahr für Jahr habe ich meine Ferien im Sommerhaus meiner Eltern verbracht. Später dann den Urlaub, mit den Kindern oder allein. Und immer waren das Tage, die nicht nur von der Wärme der Familie getragen wurden, sondern auch davon, dass ich zur Ruhe kommen konnte und das Gefühl hatte, die Uhren gingen langsamer, in einem ganz angenehmen, wohltuenden Sinne.

Ein leiser Morgen

Schon in meiner Jugend habe ich den Unterschied nicht nur gespürt, sondern auch genossen: Der Stress der mit Schule und Terminen vollgestopften Tage konnte von mir abfallen, die Gedanken konnten zur Ruhe kommen. Lange Zeit war ich derjenige in der Familie, der die Ferien auch dazu nutzte, richtig auszuschlafen. Während mein Vater und meine Geschwister sehr früh auf waren, um zum Angeln aufs Wasser zu fahren, hab ich mich im Bett nochmal umgedreht und habe mich in den Tag geträumt. Es war für mich eine Horrorvorstellung, quasi mitten in der Nacht aufzustehen, nur um den Fischen aufzulauern und auf das Glück zu hoffen, einige davon mit nach Hause zu bringen.

Aber irgendwann hatte es dann auch mich erwischt. Und Schuld daran war der Zauber der sommerlichen Morgenstunden, der mich mehr und mehr in den Bann zog. Es war für mich ein wundervolles Gefühl, quasi gemeinsam mit dem Tag wach zu werden, die ersten Vögel zu hören, deren Gesang in der Stille des Tagesanbruchs so deutlich und nah klang, als säßen die Sänger auf meiner Schulter. Die Luft war herrlich frisch, der Sonnenaufgang stand noch bevor und kündigte sich bereits an: Der dunkelblaue Himmel bekam schon einen orange-roten Rand, dort, wo bald die Sonne aufgehen würde. Und dann war da noch der Nebel …

Wie in den Wolken

Ein Morgen, der sich mir besonders eingeprägt hat, begann wie viele dieser Angelmorgen. Wir packten unsere Utensilien zusammen, schmierten wie jedes Mal unsere Brote, erinnerten uns gegenseitig daran, die Sonnencreme nicht wieder zu vergessen. Denn es sollte ein prächtiger Sommer- und Sonnentag werden. Als wir dann am Boot waren und auf das Wasser blickten, war dieses kaum zu sehen – eine dichte Nebelbank lag direkt vor der Hafenausfahrt, und das spiegelglatte Wasser schien sich förmlich in Nebel aufzulösen.

Langsam fuhren wir mit dem Boot hinaus, unseren gewohnten Weg, ohne ihn wirklich zu sehen. Der Nebel verbarg jede Markierung, die Bojen waren vom Nebel verschluckt, das Ufer der gegenüberliegenden Insel unseren Blicken entzogen. Je tiefer wir in den Nebel eintauchten, desto faszinierender wurde es. Ich hatte einen solch dichten Nebel noch nicht erlebt gehabt – wenn man seinen Arm in Richtung Wasser ausstreckte, begann die eigenen Hand im Nebel zu verschwinden. Es war, als führe man durch eine dichte Wolke. Und je weniger zu sehen war, desto eigentümlicher wurde die Stille um uns herum.

Selbst das Tuckern des Motors schien Teil dieser besonderen Atmosphäre zu sein. Es war überdeutlich zu hören, aber irgendwie schien es dennoch leiser zu sein als sonst, so, als gäbe sich der Motor Mühe, diesen magischen Moment nicht zu stören. Als wir ihn dann ausstellten und den Anker warfen, wurde die Stille beinahe absolut – das akustische Grundrauschen, das uns durch die meisten Tage unseres Lebens begleitet, war verschwunden.

Ab und an durchbrach ein kurzes Plätschern die Lautlosigkeit, wenn ein kleiner Fisch für einen klitzekleinen Moment an die Wasseroberfläche kam. Von ganz weit weg war ein einzelner Traktor zu hören, auch dort waren Frühaufsteher unterwegs. Mit der Zeit wurde der Nebel lichter, und spätestens als die Sonne in voller Größe über den Horizont gestiegen war, begann er sich ganz aufzulösen. Aus dem faszinierend „nebulösen“ Sommermorgen wurde ein wunderbarer Sonnentag.

Die Zeit anhalten

Mit meinen Eltern und Geschwistern wohnte ich am Rande einer kleinen Stadt. Lebendig genug, um ein angenehm sanftes Stadtgeräusch zu erzeugen, aber weit entfernt von der Geräuschkulisse einer Großstadt, vor der ich im Moment diese Zeilen schreibe. Dennoch hatte ich es damals geliebt, mich aufs Fahrrad zu schwingen und noch ein paar Kilometer stadtauswärts zu fahren. Mir den Kopf frei radeln, auf dem Weg zu meiner Lieblingsstelle: ein kleines Stück Wiese, in der Mitte eine große Buche und ringsum Rapsfelder – ein blühendes Gelb bis zum Horizont. Manchmal habe ich stundenlang dort auf der Wiese gelegen und in den Sommerhimmel geschaut. Ab und an hatte ich auch eine kleine Mundharmonika mit und spielte vor mich hin, ganz melodiös, wie ich fand. Aber es war ja auch niemand da, der mir darin widersprechen konnte.

Auch hier hat sich mir ein Bild eingeprägt, das für mich so typisch sommerlich, so typisch ruhig war. Und das war eine am Himmel stehende und trällernde Lerche. Die Lerchen stellen sich ja bekanntermaßen gegen den Wind, so dass es von unten scheint, als würden sie in der Luft unbeweglich an der Stelle stehen. Für mich erzeugte das ein Gefühl von angehaltener Zeit.

Ringsum weite Felder, von denen ab und an ein leises Bienensummen herüberwehte, über mir das sanfte Blätterrascheln der Buche und weit oben eine Lerche, die vor sich hin trällert. Das waren für mich Momente, in denen alles in mir zur Ruhe kam, jeder Druck, jede Hektik von mir abfiel. Ganz ohne, dass ich Begriffe wie „Achtsamkeit“ oder „Entschleunigung“ kannte, ganz ohne Atemübungen oder geführte Meditationen. Sondern einfach so. Und einfach schön.

Ruhe suchen

Klar, nicht immer hat man die Gelegenheit, sich dorthin zurückzuziehen, wo die Stille quasi naturgegeben ist. Nicht immer ist der Nebel so romantisch, wie bei einem Sonnenaufgang auf spiegelglatter See. Manchem Autofahrer erscheint der Nebel als genau das Gegenteil – nämlich dann, wenn der Nebel schwadenweise über die Autobahn treibt und den Heimweg verlängert, also eher Druck erzeugt. Und selbst inmitten weiter Felder ist es alles andere als still, wenn die Kolonnen der Mähdrescher rund um die Uhr ihre Bahnen ziehen.

Aber dennoch, wer sucht, der findet es auch, sein Stille-Refugium, und die Zeit, sich dorthin zurückzuziehen, um den Akku aufzuladen. Mal ganz nah, mal weiter weg, der eine spontan und beinahe überall, der andere nur, wenn er sich das in den Kalender einträgt und seinen Atemübungsbogen mitnimmt. Hauptsache man verliert es nicht ganz aus dem Blick, immer wieder zur Ruhe zu kommen, den Geräuschteppich einzurollen, um den Klang der Stille in sich aufzunehmen.

Am Ende des Tages

Ich habe immer einen ganz deutlichen Unterschied gespürt, zwischen der Stimmung zum Tagesanbruch und der zum Ausklang des Tages. Auch wenn die Fotos von Sonnenauf- und Sonnenuntergängen sich ziemlich ähneln, ist das Gefühl beim Erleben dieser Stunden schon jeweils ein ganz anderes. Während man die Frische des Sommermorgens förmlich riechen kann, so zieht der Sonnenuntergang einen Strich unter den Tag, dessen Staub und Lärm immer noch ein wenig in der Luft hängt. Und es ist jedes Mal auch ein kleiner Abschied, irgendwo zwischen Romantik und Melancholie, wenn die Sonne hinter dem Horizont versinkt. Ich habe diesen Anblick oft genossen, allein, oder auch zu zweit, meistens aber schweigend, lächelnd, mit den Gedanken weit weg.

Bis dann der Nebel wiederkam. Nicht der vom Morgen, den die aufsteigende Sonne dann wegzog, wie eine Bettdecke. Sondern der Nebel, der einen frösteln lässt. Kein wirklich unangenehmes Frösteln, sondern eines, das einen motiviert, sich in kuschelige Wärme zu begeben, also quasi zurück unter die Bettdecke. Ruhemomente ganz anderer Art, der Wechsel von den Tagträumen zu denen der Nacht. Bis dann der nächste Morgen einen neuen Tag bringt, der wieder ein wundervoller Tag sein kann, ob nun mit oder ohne Nebel.

 

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

 

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