Er steht auf fast jeder Fensterbank, punktet mit großer Formenvielfalt und wird doch oft nur belächelt: der Kaktus, eine für viele Menschen unscheinbare Pflanze, die mit unerwarteten Talenten zu überraschen weiß.

Lange haben wir auf ihn gewartet, nun ist er da: der Sommer. Und mit ihm kommt wieder die Zeit, in der sich unser Leben zu großen Teilen an der frischen Luft abspielt. Doch wenn die Temperaturen dauerhaft über die 30-Grad-Marke klettern, sind wir oftmals nur noch auf der Suche nach Schatten und einer Erfrischung, die unseren aufgeheizten Körper wieder etwas runter kühlt. Uns Menschen geht es dabei verhältnismäßig gut, müssen wir doch nur kurz zum Kühlschrank oder zum nächsten Supermarkt laufen, um unser Begehr zu stillen.

Pflanzen haben es da schon viel schwerer. Dabei haben sie genauso Durst wie wir. Auch sie brauchen Flüssigkeit zum Überleben, besonders dann, wenn die stechende Sonne genug Kraft hat, um den Boden binnen weniger Stunden völlig auszutrocknen. Doch sie können nicht einfach die Wurzeln aus der Erde ziehen und mal eben schnell selbst zum Wasserhahn oder nächsten Fluss gehen. Sie müssen warten. Auf den Regen oder uns Menschen, die mit der Gießkanne in der Hand für Linderung sorgen.

Doch selbst bei menschlicher Betreuung mussten sich viele Pflanzen etwas einfallen lassen, wollten sie die heißen Tage überstehen. Denn nicht jeder Zweibeiner hat einen grünen Daumen und denkt auch immer daran, seine Schützlinge regelmäßig zu gießen. An dieser Stelle tritt meist ein ganz besonderer Grünling auf den Plan: der Kaktus. Er wird oftmals als Scherzgeschenk belächelt, überlebt er doch auch auf den unwirtlichsten Fensterbrettern und sorgt selbst da für einen grünen Akzent in der Wohnung, wo es keine andere Pflanze lange aushalten würde. Doch damit tut man dem kleinen Gesellen eigentlich Unrecht, denn er hat die vermutlich größten Anstrengungen in der Flora unternommen, um extremen Witterungsbedingungen standhalten zu können. Und dafür verdient er unseren Respekt.

Heiß, heißer, Kaktus

Kakteen sind typische Wüstenpflanzen. Sie lieben es warm, sonnig und nicht zu nass – alles Merkmale, mit denen die trocken-heißen Sandweiten punkten können. Kakteen sind dabei einige der wenigen Gewächse, die mit diesen Bedingungen umgehen können bzw. gelernt haben, mit ihnen zu leben. So haben sie zum Beispiel eine besonders dicke Haut, die verhindert, dass die Pflanze einfach austrocknet. Aus diesem Grund hat der Kaktus im Laufe der Zeit auch sein Blätterkleid aufgegeben, das er einst getragen hat. Kaum vorstellbar, oder? Ein Kaktus mit Blättern klingt erst einmal nach verkehrter Welt. Doch genau so war es. Die brennende Hitze und die Dürre zwangen den Grünling allerdings dazu, sich an das Klima anzupassen, wenn er überleben wollte.

Im Laufe der Evolution rollten sich die Blätter daher ein, sie wurden zu Dornen, die der Trockenheit besser standhalten und den Kaktus selbst besser schützen konnten. Denn sie wehren nicht nur hungrige Tiere ab, sondern schützen ihren Träger auch vor Sonnenbrand, indem sie das einfallende Sonnenlicht reflektieren. Des nachts halten sie die Kälte ab (wie eine Gänsehaut bei uns Menschen) und können aus Nebelschwaden Wasser aufnehmen. Zudem bleiben die Dornen, die wir gemeinhin fälschlicherweise als Stacheln bezeichnen, im Fell vorbeiziehender Tiere hängen und tragen dazu bei, dass an dem Ort, an dem sie wieder herausfallen, neue Kakteen wachsen können.

Ihr charakteristischstes Merkmal, die Dornen, sind für uns Menschen oft der größte Graus. Denn ganz gleich, wie sehr man aufpasst und sich bemüht, man sticht sich am Ende ja doch meistens irgendwo. Für den Kaktus selbst sind die Dornen dagegen seine wohl größte Raffinesse.

Bis zum nächsten Regen

Kakteen aalen sich zwar mit Vorliebe in der Sonne, doch sie sind deswegen keine reinen Wüstenbewohner. Im Gegenteil. Sie sind genauso in Tiefebenen und Hochgebirgen zu finden wie in Steppen oder tropischen Regenwäldern. Moment. Ein Kaktus im Regenwald? Das passt doch nicht zusammen, mag so mancher nun denken. Doch das tut es. Denn Kakteen leben an Orten, an denen das zum Leben notwendige Wasser nicht permanent sondern nur saisonal zur Verfügung steht. Das trifft auch auf den Regenwald zu, wo es monsunartige Regengüsse genauso gibt wie längere Trockenperioden.

Der Kaktus hat sich daran angepasst: Wenn es regnet, nimmt der Kaktus so viel Wasser wie möglich auf und speichert es in seinem Stamm, um während der heißen Durststrecken davon zu zehren. Gleiches gilt für die Wüste. Auch dort regnet es, wenngleich auch seltener, und der Kaktus muss mit seinen Reserven dann bis zum nächsten Guss ausharren.

Übers Meer

Unser kleiner, grüner Freund von der Fensterbank kommt ursprünglich vom amerikanischen Kontinent, doch mit der Entdeckung der neuen Welt fand auch der Kaktus seinen Weg nach Europa. Die Seefahrer brachten den Kaktus – wie so viele andere Produkte auch – irgendwann mit in die Heimat. Ein Exot aus der Ferne, der die Europäer in Staunen versetzte. Mit der einsetzenden Sammelleidenschaft für Pflanzen, die sich im 17. und 18. Jahrhundert entwickelte, begann hierzulande der Siegeszug der Kakteen. Denn es galt als chic, möglichst viele verschiedene Exoten sein Eigen nennen zu können. Das galt auch für die stacheligen Gesellen, die es so gern warm haben. Und bei weit über 2 000 verschiedenen Kakteen-Arten gab es viel zu sammeln.

War der Kaktus vor 300 Jahren noch eine begehrte Rarität, hat er heute fast schon einen Kultstatus erreicht. In fast jeder Wohnung ist einer zu finden. Und selbst diejenigen, die mit Kakteen nicht viel anfangen können, bekommen doch im Laufe ihres Lebens meist irgendwann ein solches Pflegekind geschenkt.

Wappen-Kaktus
Für die Mexikaner ist der Kaktus ein ganz besonderes Symbol, das bis heute auf der Flagge des Landes zu sehen ist. Das Wappen beruht dabei auf einer Legende über die Gründung von Tenochtitlán, der einstigen Hauptstadt des Aztekenreichs. Auf der Suche nach ihrer neuen Heimat zogen die Menschen durchs Land und hielten nach einem Zeichen Ausschau, das laut dem Gott Huitzilopochtli den perfekten Ort für eine Siedlung markieren sollte. Sie sollten einen Adler suchen, der auf einem Kaktus sitzt und eine Schlange frisst. Diese Szene sollte sich zudem auf einem Felsen inmitten eines Sees abspielen. Es dauerte fast 200 Jahre, ehe die Azteken fündig und damit sesshaft wurden: Am Texcoco-See ließen sie sich nieder und errichteten ihre neue Heimat, die heute den Namen Mexiko-Stadt trägt.
 

Verborgene Talente

Der Kaktus hat Fensterbretter auf der ganzen Welt erobert. Und nicht nur die. So macht er auch als Durstlöscher von sich Reden. Denn Kaktuswasser, das aus den Früchten von Feigenkakteen gewonnen wird, gilt als neues Trendgetränk. Dank zahlreicher Vitamine und Mineralstoffe stärkt das Kaktuswasser unser Immunsystem, unterstützt die Regeneration der Haut und ist gut für die Sehkraft. Das in ihm enthaltene natürliche Taurin macht uns wach.

Zudem haben Kakteen eine musikalische Ader – oder zumindest ein Teil von ihnen. Denn große Dornen lassen sich auch als Nadel für ein Grammophon verwenden. Heute bietet die Industrie freilich technisch ausgereiftes Equipment, doch früher wusste man sich auch mit dieser natürlichen Ressource zu helfen. Selbst beim Möbelbau finden Kakteen, bzw. ihre verholzten Teile, Verwendung. Sie zeichnen sich durch eine mit Hohlräumen durchsetzte Faserstruktur aus, die das Holz zugleich stabil und trotzdem flexibel macht. Zudem entfallen die Probleme, die Astlöcher hervorrufen.

Hätten Sie ihm das zugetraut? Vermutlich nicht. Immerhin sehen wir in dem kleinen Kerl mit den vielen Dornen in der Regel nichts besonderes. Für jemanden, der nicht gerade eine Vorliebe für Kakteen hegt, ist er vermutlich auch nur eine Pflanze unter vielen, die lästigerweise auch noch sticht. Dabei hat der Kaktus Erstaunliches geleistet. Welche andere Pflanze kann schon unter den extremen Bedingungen überleben, denen sich der Kaktus stellen muss? Die wenigsten. Und dafür verdient er unsere Anerkennung. Auch auf unserer Fensterbank.

 

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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