Einmal die Welt von oben sehen – fliegen – was für uns dank moderner Technik heute jederzeit möglich ist, war vor 500 Jahren noch ein gewagtes Hirngespinst. Doch dann fing die Menschheit an zu träumen und ließ sich Flügel wachsen.

Wie es wohl sein muss, sich einfach mit den Füßen vom Erdboden abzudrücken, die Arme auszubreiten und in den Himmel aufzusteigen? Wenn der allgegenwärtige Straßenlärm und selbst größte Hochhäuser einfach hinter uns zurückbleiben? Wenn die uns so vertraute Kulisse, zu der wir die meiste Zeit des Tages aufblicken, immer kleiner wird? Details zur Unkenntlichkeit verschwimmen und der Mensch zu einem stecknadelkopfgroßen Punkt im Gesamtkunstwerk schrumpft?

Was Vögel jeden Tag erleben ist mittlerweile auch für uns Menschen in vielen Punkten realisierbar. Der Fortschritt und moderne Technik haben es möglich gemacht. Wie die Welt von oben aussieht, zeigen uns nicht nur Fotos, Filme und sogar Satellitenbilder. Sondern das ist auch für jeden selbst erlebbar. Wir müssen nur in ein Flugzeug steigen und schon zieht die Welt an uns vorbei. Die etwas wagemutigeren gehen Fallschirmspringen oder Drachenfliegen. Dafür werden sie mit dem Gefühl belohnt, dass ihnen der Wind tatsächlich um die Nase weht. Wir haben die Schwerkraft überwunden. Und auch wenn wir nach wie vor Hilfsmittel brauchen, so ist der Himmel für uns doch keine unerreichbare Sphäre mehr.

Den Göttern vorbehalten

Vor einigen hundert oder gar tausend Jahren sah das allerdings noch ganz anders aus. Zu Zeiten der Römer und Griechen etwa, gehörte der Himmel allein den Vögeln, den Wolken und vor allem den Göttern. Sie waren es, die nach damaliger Vorstellung in luftiger Höhe auf dem Olymp thronten. Alles im Blick hatten, was auf der Erde vor sich ging. Dem Mensch stand es gar nicht zu, in diese Höhen aufzusteigen. Einzig großen Helden wie Herakles hatten überhaupt eine Chance, sich durch ihre Taten als würdig zu erweisen.

Und ihm gelang es. Herakles wurde für seine Tapferkeit und seinen Heldenmut belohnt und der Sage nach von den Göttern in den Olymp aufgenommen. Für Normalsterbliche war das unerreichbar. Übermenschliche Kräfte, diverse Monster und Fabelwesen, die es zu bezwingen galt. Die Chance, all das zu erreichen war doch ziemlich gering. Dennoch eiferten die Menschen diesen Idolen nach, ganz so wie Kinder es heute so gern bei Superhelden tun.

Doch träumten die Menschen damals wirklich schon davon, eines Tages wie ein Vogel fliegen zu können oder blieb diese Vorstellung doch den Mythen und Sagen vorbehalten? Das lässt sich heute vermutlich kaum noch beantworten. Und selbst wenn es so war, wenn die Römer und Griechen sich gern in die Lüfte erhoben hätten, so mussten doch noch viele Jahrhunderte vergehen bis die Menschheit wirklich dazu bereit war.

Unerhört!

Wirklich Gestalt nahm der Traum vom Fliegen erstmals im Skizzen- buch eines der berühmtesten Künstler aller Zeiten an: Leonardo da Vinci malte nicht nur die Mona Lisa oder studierte den menschlichen Körper sondern betätigte sich auch als Ingenieur. Er entwarf Geräte, die die Arbeit der Menschen einfacher machen sollten. Und unter diesen Entwürfen finden sich eben auch Zeichnungen von Fluggeräten, mit denen der Mensch den sicheren Erdboden verlassen könnte.

Da Vinci war seiner Zeit meilen- weit voraus. Seine Studien haben den Menschen ungeahnte Einblicke verschafft, wie der menschliche Körper zusammengebaut ist und wie er funktioniert. Seine Zeitgenossen, und vor allem auch die Kirche, sahen in ihm und seinem Werk dagegen vor allem einen Leichenschänder, der ein Sakrileg beging. Und auch die Vorstellung der Mensch könne fliegen, dürfte für die geistlichen Führer weniger Innovation denn unerhörter Frevel gewesen sein. In Gottes Plan waren fliegende Menschen sicher nicht vorgesehen, sonst hätte Gott dem Mensch doch von Anfang an die Vorraussetzungen dafür mitgegeben, oder?

Auch wenn da Vinci unter seinen Zeitgenossen nur bedingt Sympathisanten fand, die folgenden Generationen hat der Italiener nachhaltig geprägt. Seine Flugmaschinen wurden zwar nie gebaut und auf ihre Flugtauglichkeit untersucht, doch mit ihm war eine Idee geboren. Die Idee, die Grenzen der menschlichen Natur zu überwinden – und die entwickelte sich zu Zeiten der Aufklärung, als wissenschaftliche Erkenntnisse immer wichtiger wurden, allmählich zu einem richtigen Flächenbrand.

Der Durchbruch

Knapp zwei Jahrhunderte nach da Vinci gelang zwei Franzosen der Durchbruch: Die Gebrüder Joseph Michel und Jacques Etienne Montgolfier tüftelten an einer stabilen Hülle, die mit Hilfe eines Feuers und der dabei erzeugten warmen Luft in den Himmel steigen konnte. Der Heißluftballon war geboren. 1783 absolvierte die Erfindung der Brüder Montgolfier ihren ersten Flug. Zunächst kamen allerdings erstmal einige Tiere dazu, die neue Aussicht zu genießen. Da sich zunächst niemand sicher war, was den Mensch in diesen luftigen Höhen erwartet und ob er eine solche Spritztour problemlos überleben kann, wurden nämlich zunächst einige Probeflüge mit Schafen und Hühnern gemacht.

Doch lang hielt es den Menschen nicht auf dem Boden zurück: Ende 1783 unternahmen ein französischer Physiker und ein Gardeoffizier die erste bemannte Ballonfahrt der Geschichte. Nachdem die Menschheit ihre Beine erstmal vom Boden gelöst hatte, gab es kein halten mehr. Überall in Europa tüftelten Wissenschaftler an neuen Ideen, um durch die Luft fliegen zu können. Die Gebrüder Montgolfier hatten die Ketten des vermeintlich Möglichen aufgesprengt und gezeigt, dass es noch so viel mehr zu sehen und zu entdecken gab. Und dass es nur die richtige Idee braucht, um die Grenzen des menschlichen Körpers zu überwinden.

Tüftlergeist

So aufregend die Entwicklung des Heißluftballons auch war, es musste doch auch eine einfachere, kompaktere Möglichkeit geben, zu fliegen. Das große Tüfteln begann. Dabei richteten die Ingenieure ihre Blicke immer öfter in den Himmel, denn immerhin gab es dort bekanntlich kleine, gefiederte Flieger zu studieren, die in Perfektion beherrschten, was sie noch nicht begreifen konnten. Der Schlüssel waren die Flügel: Könnte man sie nachahmen, müsste doch auch der Mensch wie ein Vogel fliegen können, oder?

Während Albrecht-Ludwig Berblinger Anfang des 19. Jahrhunderts mit seiner selbstgebauten Flügelkonstruktion noch wortwörtlich Baden ging, gelang Otto Lilienthal gut 80 Jahre später das Unglaubliche: Er baute einen Gleiter aus Stoff und Holz und glitt damit tatsächlich durch die Luft. Seine ersten Flüge trugen ihn nur wenige Meter weit, doch schon bald waren es mehrere hundert Meter, die der Deutsche mit seiner Konstruktion zurücklegen konnte.

Fliegen nach Vorbild der Natur

Lillienthal landete dabei keinen Zufallstreffer, bei dem einfach alles stimmte. Der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Wissenschaftler studierte lange das Flugverhalten der Vögel. Dabei nutzte er seine gewonnenen Erkenntnisse, um seinem Gleiter die richtigen Eigenschaften mitzugeben. Also spannte er nicht einfach nur ein großes Stück Stoff über ein paar Holzlatten. Er achtete genau darauf, dem Vorbild zu folgen, dass ihm Mutter Natur quasi vor die Nase gesetzt hat. Er musste nur noch daraus lernen. Und das hat er über all die Zeit getan, denn Lilienthal tüftelte bis zu seinem Tod weiter daran, wie er seinen Gleiter noch verbessern konnte.

Seine große Bedeutung als Luftfahrtpionier erlangte der Deutsche dabei nicht nur dadurch, dass ihm der Gleitflug gelang, sondern vor allem auch dadurch, dass er ihn immer und immer wieder wiederholen konnte. Die Flüge wurden reproduzierbar, vergleichbar und vor allem auch stabiler. Es bedurfte immer weniger eines waghalsigen Abenteurers, der die Gefahr nicht scheut. Wenn Herr Lilienthal dutzende Flüge gut überstanden hatte, konnte das doch auch jeder andere. Zumal auch die Komponenten, aus denen sein Gleiter bestand, für große Teile der Bevölkerung zugänglich waren. Im Gegensatz zum Heißluftballon schuf Lillienthals Erfindung Raum für den Gedanken, dass Fliegen etwas für jedermann sein könnte.

Eine neue Ära

Trotz all seines Wissens konnte Lillienthal eine Hürde doch nicht nehmen: Er blieb Wind und Wetter ausgeliefert. 1896, also gut fünf Jahre nach seinem ersten Flug, wurde ihm genau das zum Verhängnis. Sein Gleiter wurde von einer Windböe erfasst und stürzte ab. Lilienthal erlag dabei seinen Verletzungen.

Doch sein Schicksal half dabei, binnen weniger Jahre auch dieses Problem zu lösen. Wilbur und Orville Wright aus Amerika entwickelten Lilienthals Ideen weiter. Sie konstruierten um die Jahrhundertwende das erste Flugzeug mit Höhen- und Seitenruder sowie einem elektrischen Motor. Durch den aus einigen hundert Metern Strecke plötzlich 100 Kilometer wurden, die der Mensch in der Luft zurücklegen konnte. Die moderne Luftfahrt begann – und mit ihr war der Mensch kaum noch zu bremsen.

Immer höher, immer weiter, immer schneller. Aus dem doch verhältnismäßig kleinen Doppeldecker der Gebrüder Wright wurden Passagierflugzeuge, Kampfjets, Helikopter und Lastenflugzeuge. Ohne Probleme konnten sie eine tonnenschwere Fracht um den ganzen Globus transportieren. Es galt nicht mehr die Frage, wie man die Füße vom Boden bekommt, sondern wie viele Füße man gleichzeitig abheben lassen konnte. Der technische Fortschritt macht dabei immer mehr möglich, von dem Otto Lillienthal vermutlich nicht mal zu träumen gewagt hätte. Mittlerweile haben wir auch die nächste Grenze übersprungen: Nachdem wir den Himmel erobert haben, sind wir in den Weltraum vorgedrungen.

Wie ein Vogel fliegen?

Wir steigen in ein Flugzeug und reisen im Urlaub um die ganze Welt, shoppen im Internet und lassen uns das Markengerät aus den USA kommen. Wir fliegen auf den Mond und werden nach einem Unfall mit dem Rettungshubschrauber in die nächste Klinik gebracht. Fliegen zu können ist für uns heute etwas selbstverständliches. Ohne Hilfsmittel geht es aber nach wie vor nicht. Wir brauchen ein Flugzeug, einen Drachen oder auch einen Fallschirm wenn wir durch die Lüfte gleiten wollen.

Ob wir uns jemals einfach nur vom Boden abdrücken und losfliegen können, so wie es ein Vogel tut? Momentan ist das vor allem den Superhelden aus den Comics vorbehalten. Doch es ist vermutlich auch nur eine Frage der Zeit, bis irgendein Genie auch dieses Rätsel löst.

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin , das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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