Berufsverkehr am Morgen, die Bahn ist rappelvoll. Die Haut sehnt sich fröstelnd nach dem Bett. Gegen die Ansagerstimme helfen Kopfhörer. Eine kleine belanglose Melodie vor dem Arbeitsbeginn. Und dann passiert es. Da ist dieses ganz spezielle Lied in die Playlist gerutscht und plötzlich startet das Kopfkino: Abende am Lagerfeuer, Mücken über dem Wasser, der Aufgang des Mondes, nach der zweiten Flasche Wein möglichst beiläufig die Eltern anrufen und fragen, ob man „bei der Freundin“ übernachten darf. Es ist bei Weitem kein Liebeslied, es ist Progressive Metal, der aus dem Lautsprecher direkt über das Gehör ins Herz geht: Tool.

Und auch wenn der damalige Angeschwärmte schon so lange vergessen ist wie der alte Discman, auf dem die CD in jener Nacht sich drehte, erweckt es das ganze Gefühlsspektrum der ersten, reißenden Verliebtheit wieder zum Leben. Die Bahn rast voran, und man blickt an sich herunter. Ich bin jetzt anders und doch erkenne ich mich wieder in dem Lied. In diesem ungewöhnlichen Liebeslied. Ich regle die Lautstärke nach oben.

“Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein Liebeslied. Ein Lied, das ihr liebt! Also hört zu. Werdet verliebt!”
Absolute Beginner; Liebeslied

Liebeslied – das klingt im ersten Moment nach Kitsch. Nach Kuschelrock-CDs und Rosenblütenblättern auf einem weiß bezogenen Bett mit Spitzenkissen. Es klingt nach einem Entertainer mit pomadisiertem Haar, der mit gekünstelter Ergriffenheit im Gesicht zum Millionsten Mal auf einer Verlobungsfeier George Michaels „Careless Whisper“ zum Besten gibt und das Paar sich im richtigen Moment mit zur Seite geneigtem Kopf küsst. Es klingt nach Pralinen und Duftbad zum Valentinstag, es klingt nach zerknüllten Taschentüchern und dem Film „Bodyguard“, es klingt nach selbst zusammengestellten Mixtapes und Radiowunschsendungen, es klingt nach Engtanz beim Schulball, Knutschen und Celine Dion.

“Ich wollte dir ein Liebeslied schreiben, eines, das nur von dir erzählt, in dem nicht die Triebe die Liebe vertrieben und das nicht unter die Schnulzen fällt. Es sollte Dir einfach Ich liebe Dich sagen, mit ein paar Worten und Tönen dazu. Doch ist’s gar nicht so einfach, es einfach zu sagen, mir fehlen ganz einfach die Worte dazu.“
Reinhard Mey; Fast ein Liebeslied

Herzschmerz, Sehnsucht, Vergleiche der oder des Angebeteten mit wahlweise dem Sternenhimmel, dem Ozean oder der Welt der Flora, Verniedlichungsformen und schmachtendes Timbre, wohin das Gehör reicht – willkommen im Reich des Pop-Liebesliedes, dem Banalitätenkabinett, das dem erlebten Gefühl in etwa so nahe kommt wie Barry Whites „You’re My First, My Last, My Everything“ dem Zauber des ersten Kusses. Ein so mächtiges, individuelles Gefühl wie die Liebe ist schwer in Worte zu kleiden.

“Es ist nicht das, wonach es aussieht. Schon aus Prinzip sing ich kein Liebeslied. Denn dieses Lied ist nicht gut genug und die eigen klingen schief. Dieses Lied ist gar kein Liebeslied.”
Kraftklub; Kein Liebeslied

Doch es gibt sie, die guten Liebeslieder. Sie treffen mit einem Schlag und man fühlt sich verstanden und ertappt im selben Moment. Gute Liebeslieder sind schrecklich schön. Sie erfassen die Liebe in ihrer Komplexität, ihrer Tiefe. Sie greifen Alltägliches auf, die kleinen Gesten, die eigene Überwältigung. Und natürlich den Schmerz, die Zurückweisung, die Brutalität der Liebe.

“Die Liebe ist ein wildes Tier, sie atmet dich, sie sucht nach dir. Nistet auf gebrochenen Herzen, geht auf Jagd bei Kuss und Kerzen. Saugt sich fest an deinen Lippen, gräbt sich Gänge durch die Rippen.“
Rammstein; Amour Amour

Liebeslieder sind Verbündete. Sie bestärken und stützen, sie vermitteln und motivieren. Wer hat noch nie seinen Schmerz zu einem todtraurigen Lied ertränkt? Die Musik wird zu einer bitteren Medizin, die das innere Elend in Bahnen lenkt und ableitet. Und dann sind da die Lieder, die das überschäumende Glück einfangen, die Wortlosigkeit, die das Herz beinahe zum Bersten bringt. Die Euphorie des Verliebtseins, die stille, wissende Verbundenheit von Liebenden, die in einer eigenen Sphäre kreisen. Ein Lied ist eine gute Möglichkeit, gemeinsam zu schweigen.

“Die zwei Verliebten da zu sehn, wie sie engumschlungn da stehn, wie sie sich küssen. Wie wenig sie noch voneinander wissen und sich doch so nahe sind wie das Kornfeld und der Wind. Oh mann ich gönn es ihnen, was sind wir manchmal für Maschinen.”
Götz Widmann; Das Kornfeld und der Wind

Wie viele Generationen blickten sich schon zu diesen Liedern tief in die Augen oder saßen sinnend am Fenster? Kein Lied ohne Schicksal. Ungezählte Male „Unser Lied“. Zu dem man sich das erste Mal küsste oder auf einem Konzert Hand in Hand in die Höhe sprang. Oder das den heftigen Streit besänftigte, das als Schallplatte plötzlich vor der Tür lag oder eigens komponiert wurde. Vielleicht sogar eines, das man gemeinsam hasste. So viele Lieder, die erst zu Liebesliedern wurden durch die Liebe in ihrer Verrücktheit, ihrer Gnadenlosigkeit, ihrer sanften Gewalt. Wie viele Lieder man liebte, ohne den Text zu verstehen und dann plötzlich, in einem bestimmten Moment, die Tragweite erkannte und verstand …

“Und alles nur, weil ich dich liebe. Und ich nicht weiss, wie ich’s beweisen soll. Komm, ich zeig dir wie gross meine Liebe ist, und bringe mich für dich um.”
Die Toten Hosen; Alles aus Liebe

An der Chronologie der eigenen, geliebten Lieder hängt auch das eigene Lieben wie an einem persönlichen Zeitstrahl. In Sturm und Drang, in Verzweiflung, in Verzeihen und Neu-Orientieren. Ob Britney Spears oder Ronan Keating, Hildegard Knef oder Rosenstolz, The Fugees oder die Ärzte, Elvis Presley, Edith Piaf, Jeff Buckley oder The XX – immer gibt es ein Lied, das trifft und anrührt. Irgendjemanden, irgendwo. Das steht nun in der inneren Vitrine und wird in unregelmäßigen Abständen ergänzt. Gelegentlich ergibt sich ein Zufall oder eine Notwendigkeit, dann öffnet man die Vitrine und gibt sich einer musikalisch konservierten Erinnerung hin. Man blickt über die eigene Schulter zurück und seufzt. Oder lächelt. Oder weint ein bisschen. Je nachdem, woran man zurückdenkt.

Die Bahn ist fast da. Die Mitfahrenden wissen nicht, wohin ich gerade reiste. Sie sehen höchstens mein sinnendes Gesicht. Ich seufze und drücke auf Repeat. Tool ist ziemlich kitschig.

“I’ll disappear in your name, but you must wait for me. Somewhere beneath the sea, there’s the wreck of a ship. Your hair is like meadow grass on the tide and the raindrops on my window and the ice in my drink. Baby, all that I can think of is Alice.”
Tom Waits; Alice

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin.

Über den Autor

Schreiben ist Denken auf dem Papier - gemäß diesem Motto werfe ich mein Oberstübchen mittlerweile regelmäßig für das AUSZEIT-Magazin an. Spannend ist dabei jede Form des Perspektivwechsels. Es lohnt sich, unter immer wieder anderen Aspekten die eigenen Gedanken auf die Reise zu schicken, sie anecken und sich entfalten zu lassen. Das Magazin fordert meine philosophische Seite, die ich mit einem Studium der Germanistik und Geschichte möglicherweise etwas vernachlässigt habe. Aber im Leben ist es nie zu spät. Wie man sieht.

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