Wer hat an der Uhr gedreht!“, möchte ich mit Paulchen Panther einstimmen. Denn plötzlich geht alles ganz schnell. Und ja, es ist tatsächlich schon wieder so spät, bzw. so weit. Alle Jahre wieder das gleiche Bild: Die Blätter verfärben sich und ich kann den Sommer nicht loslassen. Verweigere mich dem Unumstößlichen. „In diesem Jahr ist es auch besonders“, findet auch meine Freundin Chrissie und stimmt in meinen Sommer-Abschiedsschmerz ein. Auf ihrem Balkon blühen Anfang November üppig die Margeriten und Rosen. Dazu rieselt malerisch das Laub herab und in den Geschäften hat der vorweihnachtliche Dekorationswahn die Macht über die Regale ergriffen. Bei mir dagegen hängen immer noch anziehbereit Sommerkleidchen herum. Parallel dazu muss ich morgens aber schon Schal und Handschuhe auf dem Fahrrad anziehen, weil es bereits fröstelt.

Aber ich fahre ganzjährig, täglich zur Arbeit durch Berlin. Ignoriere die Jahreszeit einfach. Radeln im Sommer kann ja jeder. Dabei ist es im Herbst und Winter fast schöner. Denn dann sind die vielen, in die Luft guckenden Touristen und Warmwetterfahrer weg. Und ich habe freie Bahn. Schon die 3. Saison, in der ich anstrebe, auch durch den Winter via Zweirad zu kommen. „Nur die Harten kommen in den Garten“, denke ich, wenn ich bei Nieselregen in den grauen Himmel schaue, denn die Chance auf etwas blau besteht ja immer. Zudem hat Berlin Continental-Klima und selten Dauerregen.

Gegen die abends plötzlich hereinbrechende Dunkelheit habe ich mich mit einer reflektieren- den Schutzweste gewappnet. Dazu noch einen neuen Hinterreifen mit entsprechendem Profil angeschafft, für mehr Bodenhaftung. „‚Marathon plus‘, quasi unkaputtbar und bei Schnee unabdingbar“, sagt der Verkäufer, als sich bei der Nennung des Preises meine Miene verfinstert. Dann denke ich kurz nach und lächle ihn an. „Dafür muss ich auch meine Schuhe weniger besohlen lassen und Winterstiefel brauche ich gar nicht mehr“, sinniere ich. Ein Set Spikes für die Reifen – falls es doch mal schneit – kriege ich vorsichtshalber geschenkt.

Ich brauche auch keine Umweltkarte für die S- und U-Bahn mehr. Und auch nervige Wartezeiten an Bushaltestellen mit schlecht gelaunten Fahrgästen fallen weg. Toll! Benzinpreise oder Parkplatzprobleme sind ebenfalls Vergangenheit. Weil ich so viel spare, könnte ich mir theoretisch jedes Jahr ein neues, gutes Fahrrad leisten… Aber ich hänge an meinem mintfarbenen 3-Gang-Rad mit dem feinen Namen „Grace“. Mit ihr gleite ich dahin. Sehe schon morgens die aufgehende Sonne, Eichhörnchen, Füchse und die erwachende Stadt. Dazu gestalte ich meine eigenen Stadtrundfahrten. Und weil unterschiedliche Geschäfte quasi am Straßenrand liegen, kaufe ich alles täglich frisch. Mein Fitnessniveau ist auf Dauerhoch umgestellt und ich bekomme durch die viele frische Luft einen klaren Kopf mit tollen Ideen. Der Titel für mein neues Buch ist mir so einfach eingefallen.

Wenn ich dann irgendwann anfange zu überlegen, ob all meine Uhren zurück oder vorgestellt werden müssen, ist es endgültig. Die Badesaison ist jetzt definitiv zu Ende! Die Kleidchen kommen in den Schrank. Es wird auf Winterzeit umgestellt. Ich überlege, wie viel Zeit das jeden einzelnen kostet, all diese Uhren umzustellen. Das geht ja nicht immer automatisch… Und einige, wie unsere Kühe und meine Katzen interessiert das Null. Sie verlangen gefüttert zu werden, wenn SIE wach sind und Hunger haben. So halte ich es auch. Ich stelle mich einfach langsamer um und nutze die kurzen Tage, bis ich selbst wieder an der Uhr drehe und die bald wiederkommende Sommersaison freudig einläute.

Über den Autor

Annette Behr ist Pädagogin mit tiermedizinischer Ausbildung.
Als freie Journalistin schreibt sie neben medizinischen Themen gerne über Natur, Umwelt, alles Schöne und Tiere.
Mit Kind und Katzen, über die sie bereits 2 Bücher geschrieben hat, lebt Annette Behr in Berlin. Dort arbeitet sie gerade an ihrem ersten Roman.
Über neue, interessante Angebote und Auftraggeber freut sich die kreative Autorin unter: blaubehr@gmx.net.

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