Es begann mit einem Zitat aus „Peter Pan“, das ich zufällig in einer Zeitung fand: „Wenn Erwachsenwerden bedeutet, es wäre unter meiner Würde, auf einen Baum zu klettern, dann werde ich nie erwachsen, nie erwachsen, nie erwachsen! Ich nicht!“ Es sind Worte, die Peter seinen jungen Freunden in einer seiner täglichen Lektionen vorsingt und die begeistert nachgeträllert wird. Denn wer will schon erwachsen werden?

Wir erinnern uns wohl alle noch an einen Moment in unserem damals noch recht jungen Leben, in dem wir uns vornahmen, niemals erwachsen zu werden. Bei mir war es in der großen Pause auf dem Schulhof, als man die Zeit noch nicht mit dem Smartphone in der Hand überbrückte, sondern mit Fangen spielen, Gummitwist oder die Bombe platzt. Von einem versehentlich angerempeltem Mitschüler erntete man dabei oft nur genervtes Stöhnen und die obligatorische Frage, ob man denn nicht gefälligst aufpassen könne. So wollten wir nie werden, haben wir uns geschworen. Wenn wir erwachsen sind, würden wir alles anders machen. Und dennoch sind wir genau so geworden.

Doch wann hat es eigentlich begonnen, das erwachsen werden? Wann wurde Gummitwist plötzlich etwas für Kinder? Wann war die Sorge nach dem richtigen Schuhwerk, einem möglichen Fleck auf der Hose oder gar einer Blessur wichtiger als das berauschende Gefühl, von Ast zu Ast zu klettern und die Krone eines Baumes zu erreichen, die ungeahnte Aussichten versprach? Früher war uns ein Fleck vollkommen egal, auf Schuhe konnte man im Zweifel auch ganz verzichten und ein blutiger Kratzer am Ellenbogen wurde stolz nach Hause getragen.

Angefangen hat es vermutlich irgendwo zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr, als man plötzlich zu alt war, um noch mit den anderen Kindern im Bälleparadies zu toben und man nun doch mit zum Einkaufen musste. Als der Spielplatz etwas für kleinere Kinder wurde und Mütter vorwurfsvoll den Kopf schüttelten, wenn man sich in Konkurrenz zu deren noch halb so altem Spross um den nächsten Platz an der Schaukel anstellte.

Der Spielplatz verschwindet in diesem Alter zunehmend aus unserer Welt, aber nicht weil wir seiner überdrüssig werden, sondern weil wir „langsam aus dem Alter raus sind“, wie mahnende Stimmen dann gern bemerken. Es wird Zeit, erwachsen zu werden. Doch schließt das eine das andere aus? Kann ich trotz zunehmender Verantwortung im Leben, Eigenständigkeit und dem plötzlichen Interesse am anderen Geschlecht nicht auch immer das Kind bleiben, dass ich in meinen ersten Lebensjahren war?

Ich kann, doch es braucht auch ein wenig Mut, denn viele Menschen werden darüber den Kopf schütteln. Nur weil ich älter werde heißt das nicht, dass ich nicht mehr auf eine Schaukel steigen, mich kräftig vom Boden abstoßen und das Gefühl von Freiheit genießen kann, wenn meine Beine in die Luft fliegen und es mir die Haare ins Gesicht weht. Auch als Erwachsener darf man sich über eine Lego-Figur oder ein Stofftier freuen, auch wenn man damit nicht mehr spielt wie damals.

Ich selbst habe versucht, mir das so gut es geht zu bewahren. Ich gehe noch heute gern im Tierpark ins Streichelgehege, um die kleinen Ziegen hinter den Ohren zu kraulen. Und ich klettere auch heute noch auf die Löwen-Statue, um ein witziges Foto zu machen. Wenn ich an einem Spielplatz vorbeikomme, setze ich mich auf die inzwischen viel zu kleinen Wippen, klettere auf die Rutsche oder schaukle der Sonne entgegen. Warum auch nicht?

„Weil du für solche Sachen viel zu alt bist“, lautet dabei häufig die Antwort. Aber das ist nur eine Ausrede, geboren aus der Angst, was Andere darüber sagen oder denken könnten, wenn sie einen Erwachsenen auf der Schaukel sehen. Denn immerhin bestimme ich doch selbst, für was ich mich zu alt fühle oder nicht. Und wenn man den richtigen Moment erwischt, sitzen selbst die größten Nörgler mit auf der Rutsche und lachen, weil sie sich plötzlich wieder in die eigene Kindheit zurückversetzt finden.

Auf einen Baum bin ich zwar auch lange nicht mehr geklettert, doch „Peter Pan“ hat mich inspiriert in die Buchhandlung zu gehen und mir die ganze Geschichte von James M. Barrie zu holen, nicht die Kinderversion, sondern das Original, und mich noch einmal auf eine Reise ins Nimmerland zu begeben. Dabei traf ich zufällig eine Freundin. „Willst du etwa immer noch nicht erwachsen werden?“, fragte sie schmunzelnd, als sie mich vor dem Regal mit den Kinderbüchern fand. Ehrliche Antwort? „Nein, eigentlich nicht.“

Über den Autor

Als Redakteurin in einem Technik-Verlag bin ich jeden Tag von den neuesten Elektronik-Spielzeugen umgeben. Um so wichtiger ist es daher für mich, auch mal abzuschalten, runter zu kommen und sich auf die Zeiten zu besinnen, als Fernseher, Facebook und Co. noch nicht den Alltag bestimmten. Dazu gehört für mich neben einem guten Buch auch der Wunsch, mich selbst zu entfalten, kreativ zu werden und mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen. Denn es gibt viele Dinge, die wir zwar fertig im Laden kaufen können, die sich aber auch ganz leicht selbst herstellen lassen, ganz individuell und mit viel Spaß – und die einen der Natur wieder ein Stück näher bringen.

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