Wenn die ersten Schneeflocken fallen, ist es nicht nur höchste Zeit, Handschuhe, Schal und Mütze aus dem Schrank zu holen. Es ist auch die Gelegenheit, einen alten Freund wiederzusehen, der manche von uns ihr ganzes Leben begleitet: den Schneemann.

Im Laufe unseres Lebens schließen wir viele Freundschaften – manche nur flüchtig, andere so tief, dass wir uns kaum vorstellen können, wie wir jemals ohne sie zurechtkommen sollten. Dabei hat oftmals das Schicksal seine Finger im Spiel. Denn obwohl wir uns selbst aussuchen, wem wir näher kommen wollen und wen wir an uns selbst heranlassen, ist es doch meist Zufall, wem wir begegnen.

Hätte die Schulleitung die Klassen damals anders zusammengestellt, hätte die Kommilitonin ein anderes Seminar an der Uni gewählt, hätte die liebste Nachbarin sich für eine andere Wohnung entschieden – wer weiß, ob wir ihnen je begegnet wären, jenen Freunden, die uns unser Leben lang begleiten auch wenn wir sie vielleicht nur selten sehen.

Zurück in die Kindheit

Einer dieser Kameraden ist dabei etwas ganz Besonderes: Er ist nicht aus Fleisch und Blut, nur wenige Wochen im Jahr überhaupt anzutreffen und doch während dieser Zeit stets für uns da, wann auch immer wir uns seine Gesellschaft wünschen. Denn diese Begegnung haben wir selbst in der Hand. Wir brauchen nicht darauf warten, dass sie sich irgendwann von allein ergibt. Das wird sie nicht.

Wir müssen sie aktiv herbeiführen, denn außer uns selbst kann ihn niemand heraufbeschwören, diesen Zauber vergangener Tage, die seine Gestalt für viele von uns in sich birgt. Denn einen Schneemann zu bauen ist immer auch ein Schritt zurück in die Zeit kindlicher Freude und Begeisterung, in der kalte Hände und nasse Socken nur eine Randnotiz waren.

Ein Schneemann ist ein besonderer Freund: Er hat weder Vorurteile noch spielen für ihn Herkunft, Status oder Religion eine Rolle.

Die Grundzutaten sind denkbar einfach: Drei verschieden große Kugeln aus Schnee, übereinander gestapelt, eine Möhre als Nase und zwei dunkle Steine als Augen. Mehr braucht es nicht, um einem Schneemann die Form zu geben, die ihn ausmacht. Was danach kommt, ist persönlicher, denn ab diesem Punkt entscheidet jeder selbst: Knöpfe auf dem Bauch, vielleicht sogar eine richtige Jacke um den Schultern. Hände, in denen ein Zweig, ein Besen oder vielleicht eine Flasche Sekt steckt. Hut und Schal, eine flotte Damenfrisur mit Schleife im “Haar”. Ein breites Grinsen, ein frecher Blick oder ein liebevolles Lächeln im Gesicht – es gibt nichts, was sich dabei nicht auszuprobieren lohnt.

Gelebte Tradition

Wenn endlich der erste Schnee fällt, juckt es mich persönlich schon in den Fingern. Es sind die ersten Flocken, sie bleiben meist sowieso nicht liegen, doch sie schüren diese Vorfreude, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis wir einander wiedersehen. Und das werden wir – sofern es das Wetter zulässt. Denn für mich ist das Schneemann Bauen zu einer lieb gewonnenen Tradition geworden, von der ich auch als Erwachsene nicht lassen kann. Und auch nicht will.

So wie ich mich über die Jahrzehnte verändert habe, so haben es auch meine Männer aus Schnee und Eis. Konnten sie als Kind nicht groß genug sein, fielen sie in meiner Jugend deutlich kleiner aus. Als Teenager hatte ich andere Dinge im Kopf. Doch gerade die besinnliche Vorweihnachtszeit erinnerte mich jedes Jahr daran, dass es da einen alten Freund gibt, der auf mich wartet.

Geblieben ist über all die Jahre eines: Das warme Gefühl, wenn er endlich wieder vor mir steht.

Hinterm Haus. Im Park. Oder direkt auf dem Balkon der Dachgeschosswohnung meiner Eltern, der so manches Jahr förmlich im Schnee versank. Irgendwo fand sich immer ein Plätzchen, um ihn zu treffen. Geblieben ist dabei über all die Jahre eines: Das warme Gefühl. Wenn er endlich wieder vor mir steht. Und die Aufregung, am nächsten Tag zurückzukehren und zu sehen, dass er (hoffentlich) immer noch da ist. Und auf mich wartet. So wie jedes Jahr.

Heute nehme ich mir wieder mehr Zeit, diese Freundschaft zu pflegen. Führe die allzu vertrauten Bewegungen wieder viel bewusster aus. Das Formen der handgroßen Kugeln, die dann eifrig durch den frischen Pulverschnee gerollt und schließlich aufeinandergestapelt werden. Ehe die Phase des Dekorierens beginnt. Ich nehme meist, was ich gerade zur Hand habe. Nach all der Zeit kommt es nicht mehr so sehr auf Schönheit oder besondere Raffinesse an. Es ist die Begegnung an sich, auf die es ankommt.

Ein neues Band

In diesem Winter wird sich unsere Beziehung ein weiteres Mal verändern, wird in eine neue Phase übergehen. Denn wenn ich mich dieses Jahr im Schnee niederlasse und die eisige Masse mit meinen Händen in Form bringe, werden zum ersten Mal zwei kleine Füße neben mir stehen und neugierig verfolgen, was ich da tue. Lag er letztes Jahr noch selig schlafend im Kinderwagen, wird mein Sohn diesmal ganz bewusst miterleben, wie Mama einen kugeligen Turm baut, der dann ein Gesicht, Hände und vielleicht auch einen Hut bekommt.

Sie werden einander kennenlernen. Ein neues Band knüpfen, dass sich hoffentlich über all die kommenden Jahre durch sein Leben ziehen wird. So wie es das für mich tut, seit meine Eltern den ersten Schneemann mit mir gebaut haben. Und auch wenn er ihn vermutlich nur voller kindlicher Freude umstoßen und platttreten wird – das macht nichts. Denn sie werden sich wiedersehen. Im nächsten Winter.

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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