Eine Katze müsste man sein. Man bräuchte keine Worte, um sich IHR anzunähern. Ein samtweicher Blick würde ausreichen. Um nichts in der Welt würde sie dich zurückweisen, dachte er bei sich. Es sei denn (schoss es ihm in den Sinn, so schlagartig wie ihm vor fünf Wochen das Rot ins Gesicht geschossen war) … es sei denn, sie hat eine Katzenhaarallergie. Aber das konnte er nicht wissen. Im Grunde wusste er gar nichts über sie, außer dass sie dieses unbeschreibliche Gefühl in ihm hervorrief. Vielleicht sollte er es ihr sagen. Warum nicht? Sein Kumpel hatte gut reden. Der würde die Blamage nicht einstecken müssen. Zentnerschwer wog so ein Korb (den man von jemandem bekam) auf einem Herz. Nichts war schlimmer als das. Warum sollte er diese Erfahrung wiederauffrischen? Wiederauffrischen. Auffrischen. Frisch, ausgeruht und erholt. Wann hatte er sich zuletzt so gefühlt? Mehrmals hatte er inzwischen vergessen, die Katze zu füttern. Sein Sofa bekam es zu spüren. Kannst du nicht aufpassen?, blaffte eine Kollegin ihn letzte Woche an, als er ihr die Tür ins Gesicht knallen ließ. Er hatte sie gar nicht wahrgenommen. Dass er seine Nachbarn nicht mehr grüßte, nahm ihm nur Herr Lehmann aus dem Erdgeschoss übel, weil der sich daran gewöhnt hatte, dass Toni kleinere Erledigungen für ihn übernahm seit seinem Unfall im Mai. Die Jungs aus der Mannschaft fragten mehrfach per WhatsApp, warum er seit drei Wochen unentschuldigt beim Training fehlte. Der Trainer hatte ihm unterdessen per Mail mitgeteilt, dass er ihn für die nächsten Wettkämpfe ersetzen wird durch zuverlässigere Leute. Eine ältere Dame äußerte sich pikiert in der Straßenbahn, dass die Jugend von heute keinerlei Manieren mehr habe. Er hörte dumpf jemanden von oben herab meckern, während er sich im Halbschlaf kaum aufrecht hielt auf seinem Sitzplatz. Ist doch was Schönes, sich zu verlieben, sagte sein Kumpel. Schön fand er selbst es längst nicht mehr, denn seit er IHR vor fünf Wochen das erste Mal begegnet war, konnte er keine Nacht mehr schlafen. Sie hatte ihm einen Kaffee verkauft, aber am Koffein lag es nicht. Einmal schwarz mit Zucker bitte. Offensichtlich war sie neu in dem Laden in der Nähe seiner Arbeit. Und wunderschön. Lächelte sie ihn offen an. Seitdem hatte er sich auch in der Mittagspause einen Kaffee To Go geholt und einen auf dem Weg nach Hause. Montags hatte sie frei, von Dienstag bis Donnerstag die Frühschicht, am Freitag begann sie um 18 Uhr. Das Koffein reichte längst nicht mehr, um ihn tagsüber wach zu halten. Wenn Sie sich nicht zusammenreißen, sehe ich mich gezwungen, Ihnen eine weitere Abmahnung auszusprechen. Sie wissen ja, so leid mir das tut, was das bedeutet. Und das in so kurzer Zeit, was ist denn los mit Ihnen?! Sein Chef hatte keine Miene dabei verzogen, obwohl er sonst recht humorvoll war. Seinem Chef davon zu erzählen befand er für absurd. Das warme Gefühl in seinem Bauch hatte schleichend begonnen, sich in eine zähe Masse zu verwandeln. Er konnte kaum noch richtig sehen, vergaß Termine und ständig fiel ihm irgendetwas aus den Händen. Seine Praktikantin freute sich über die unverhoffte Chance, Tag für Tag mehr und mehr Verantwortung übernehmen zu können, mehr als in allen bisherigen Unternehmen und das ganz ohne großes Bitten und Diskussionen. Nur dass er sie dauernd lobte, war auffallend unnormal. Inzwischen trug die Euphorie den schweren Umhang der Erschöpfung. Heute war Freitag. Wie jeden Freitag verließ Toni um 17:30 Uhr die Firma… Das scharfe Quietschen von Bremsen riss an seinem Trommelfell. Die wüsten Beschimpfungen des Fahrers prallten daran ab. Wie kurz ein Leben sein konnte… Ob es noch schlimmer kommen kann?
Henriette Licht

(Anmerkung der Redaktion: Die Geschichte „Freitag, 17 Uhr 34“ wurde in der AUSZEIT 01/2017 leider mit mehreren Druckfehlern veröffentlicht. An dieser Stelle die korrigierte Originalversion.)

 

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