Sprechen war für mich immer etwas Leichtes. Etwas, worüber ich bis zu meiner Stimmband-Erkrankung nicht viel nachgedacht habe! Erst jetzt lerne ich, wie wertvoll die Stimme ist, wie sehr sie mit allem eins ist, womit Körper und Seele sich mitteilen.

In einer Zeit, die nicht nur schnelllebig, sondern auch laut geworden ist, hören wir uns selbst oft nicht mehr, geschweige denn die Menschen um uns herum. Mitunter befinden wir uns den ganzen Tag in einer extremen Geräuschkulisse, die uns unbewusst stresst. Zudem stressen wir uns selbst, indem wir von morgens bis abends kommunizieren. Auch
wenn wir dabei selbst nicht aktiv sprechen, so tun wir das eben über das Eintippen und am „einfachsten“ über WhatsApp, Facebook und Co. Wir alle sind also immer „ON“!

Sprecht miteinander!

Sich dann noch nach Feierabend mit dem Partner bewusst auseinanderzusetzen, zu reden, zu kommunizieren, dafür fehlt nicht selten dann die Kraft. Das hat oft fatale Folgen. Also lasst uns miteinander reden, solange wir es noch können! Reden, sprechen, miteinander kommunizieren ist wirklich etwas so Tolles. Solange man es ohne Probleme kann. Wir haben so die Möglichkeit uns und unsere Bedürfnisse anderen Menschen mitzuteilen. Zudem können wir unseren Emotionen Ausdruck verleihen und auch mal klar Stellung beziehen, wenn es denn sein muss. Hast Du einmal darüber nachgedacht, was wäre, wenn Dich morgen Deine Stimme verlassen würde?! Einfach so. Klar, wer denkt schon an sowas? ICH!

Stimmlos

Seit genau einem Monat jeden Tag mehrfach: Dann denke ich an mein linkes gelähmtes Stimmband. Denn genau seit dieser Zeit habe ich die Diagnose „Recurrensparese“. Es kam einfach so, aus heiterem Himmel, könnte man jetzt sagen. Doch nichts kommt einfach so und der Himmel war alles andere als heiter! Die Ärzte jedenfalls können bis heute nichts finden und so bleiben sie mir allesamt eine Erklärung schuldig. Doch vielleicht kann ich mir die Erklärung auch selbst geben. Wer nicht hören will, muss fühlen. Oder anders: Wer nicht hören will muss schweigen – und hat Zeit, seine Gedanken zu ordnen und aufzuschreiben …

Sprechen lernen

Sprechen war für mich immer etwas Leichtes. Dass Sprechen allerdings mit nur einem beweglichen Stimmband so anstrengend sein kann, hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Wie auch?! Nun trainiere ich jeden Tag mein noch bewegliches rechtes Stimmband und das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen. Am Anfang konnte ich nur sehr leise sprechen. Auch eine Kunst, sich damit Gehör zu verschaffen. Ich habe in dieser kurzen Zeit gelernt, dass viele Menschen sich selbst am liebsten reden hören, anstatt anderen auch mal zuzuhören. Hierzu fällt mir eine kleine Geschichte ein, die ich Dir gerne erzählen möchte.

Von Herz zu Herz

Vor vielen Jahren einmal war ich in das buddhistische Zentrum in Stuttgart eingeladen. Ein hoch angesehener buddhistischer Mönch war zu Besuch. Es gab an diesem Tag unterschiedliche Zeremonien und irgendwann dazwischen kamen wir miteinander ins Gespräch. Es ging um das Zuhören. Und so fragte er mich, ob ich ihm einmal erklären möchte, welches Symbol ich erkennen würde, wenn ich mir meine Ohren vom Kopf abnehmen und sie an den unteren Enden auf dem Boden vor mir zusammenlegen würde. Ich verstand erst nicht so recht, doch dann sah ich es bildhaft vor mir. Natürlich! Ein Herz! Daraufhin erklärte er mir, dass wir den Menschen, denen wir zuhören, denen wir uns zuwenden, auch unser Herz schenken. So braucht das gesprochene Wort auch ein offenes Herz. Demnach ist das Ohr das Tor zu unserem Herzen und das Wort der passende Schlüssel dazu. Sprechen, hören und fühlen bilden somit eine Einheit und sind untrennbar miteinander verbunden. Getragen von Einfühlungsvermögen, Hingabe, Achtsamkeit, Anerkennung, Aufmerksamkeit und Bestätigung. Allerdings scheint es oftmals eine große Herausforderung für uns Menschen zu sein, die passenden Worte zu finden, den richtigen Ton zu treffen oder auch die Zwischentöne herauszufiltern. Heute weiß ich, es braucht bereits schon körperlich sehr viel Energie, um einen kompletten Satz in einer vernünftigen Tonlage zu formulieren. Einem gesunden Sprecher fällt das sicher nicht auf. Doch mir fällt es auf. Mir fällt auch auf, dass ich mittlerweile sehr achtsam mit der Menge und der Wahl meiner Worte geworden bin.

„So braucht das gesprochene Wort auch ein offenes Herz!“

Alles sagen?

Meine Antwort lautet: NEIN! Es gibt Dinge, die müssen nicht gesagt werden. Vor allem dann nicht, wenn sie den anderen wohlweislich verletzen und verunsichern. Dann ist es auch mal gut, innezuhalten und still zu bleiben. Schweigen ist keine Niederlage. Im Gegenteil! Das musste ich auch erst einmal lernen. Es ist die Möglichkeit nochmals zu überprüfen und zu reflektieren und bewahrt uns unter Umständen davor, Dinge zu sagen, die uns im Nachhinein sehr leidtun könnten und die nicht wieder gut zu machen sind. Im Gegenzug allerdings gibt es Dinge, die unbedingt gesagt werden sollten. So zum Beispiel möchte ich meinen Kindern so oft wie möglich sagen, dass ich sie liebe und dass es gut und richtig ist, dass es sie gibt. Das sie wunderschön sind und ich jeden Moment mit ihnen genieße. Ich möchte meinen Freunden „Danke“ sagen, dass ich froh darüber bin, dass wir uns gefunden haben und dass ich sie liebe und wertschätze. Ich möchte mich gerne bei all den Menschen ehrlich und aufrichtig entschuldigen, denen ich weh getan und die ich verletzt habe und manches Mal einfach wortlos zurückgelassen habe, obwohl ich mit ihnen hätte sprechen können.

Den ersten Schritt tun

So habe ich zum Beispiel unlängst eine sehr liebe Freundin angerufen. Vier Monate haben wir nun kein Wort mehr miteinander ausgetauscht. Was auch immer dazu geführt hat, dass wir uns die letzten Monate ausgeschwiegen haben, es darf so keinesfalls bleiben. Ich habe sie angerufen, denn ich möchte, dass sie weiß, dass sie mir viel bedeutet. Dass ich sie vermisse und mir der Kontakt zu ihr fehlt. Ich möchte mich nicht in Schweigen hüllen und darauf warten, dass andere den ersten Schritt auf mich zugehen. Ich werde mir jeden Tag ein wenig mehr darüber bewusst, dass ich meine Sprache sinnvoll einsetzen möchte. Durch meine Erkrankung bin ich noch aufmerksamer geworden. Ich möchte mit meiner Stimme gerne Positives erzeugen, Gutes tun. Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen. So können wir uns die Zeit dafür nehmen, den Menschen, die wir
lieben, die wir begleiten, zu sagen und zu zeigen, wie wertvoll und wunderschön es ist, sie in unserer Nähe zu wissen. Wir können lernen ihnen zuzuhören, indem wir unser eigenes Ego hintenanstellen. Wir können ihnen mit Wertschätzung und Interesse begegnen. Wir können sie anschauen und ihnen damit signalisieren: Ich nehme Dich wahr, denn Du bist jetzt wichtig für mich! Wir treffen hierfür jeden Tag selbst und ständig alle Entscheidungen. So haben wir alle eine Wahl. Das Leben als solches meint es wirklich gut mit uns. Es liegt an uns selbst, was wir daraus machen.

Josefine Barbaric

Mehr erfahren Sie unter: https://www.auszeit.bio/magazin/die-neue-auszeit-sag-was-die-last-unausgesprochener-worte/

Über den Autor

Josefine Barbaric wurde 1975 in Frankfurt a. M. geboren. In ihrem ersten Band nimmt sie uns ganz persönlich an die Hand und begleitet uns behutsam auf dem schwierigen Weg der Selbsterkenntnis. Diesen Weg zu beschreiten, erfordert Mut, was die Autorin anhand eigener Erfahrungen auf anrührende Weise einfühlsam, klug und überzeugend darstellt. Josefine Barbaric ist selbst Mutter von zwei Kindern. Es ist ihr eine Herzensangelegenheit aufzuzeigen, was mit uns Menschen geschieht, wenn wir bereits als Kinder zu wenig Nähe, Liebe und Anerkennung erfahren.

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.