Wie werden Socken gestrickt? Wie mache ich mein eigenes Sauerkraut? Oder sogar Bier? Und wie kann ich mir ein neues Bücherregal selbst bauen? Unsere Großeltern, Urgroßeltern und erst recht die Generationen davor wussten die Antworten auf diese Frage, denn für sie gehörte Selbermachen noch fest zum Alltag dazu, in dem es noch nicht alles in Hülle und Fülle zu kaufen gab. Socken bekomme ich heute im Zehnerpack bei C&A, Sauerkraut kostet ein paar Cent im Supermarkt, genauso wie Bier und das Regal bekomme ich baufertig bei IKEA, wo selbst das benötigte Werkzeug gleich mitgeliefert wird. Warum sich also selbst die Mühe machen?

Die Industrie hat unser Leben wesentlich einfacher in diesem Punkt gemacht. Sie liefert uns soweit es geht fertige Produkte, wir müssen uns um deren Produktion nicht mehr kümmern und haben stattdessen die Zeit, uns anderen Dingen zu widmen, Hobbys zum Beispiel. Grundsätzlich ist das keineswegs verkehrt, immerhin soll die industrielle Entwicklung unser Leben ja leichter machen. Doch leichter ist nicht zwingend besser, denn der neue Komfort lässt uns all zu schnell vergessen, wie unsere Welt eigentlich funktioniert.

Ich selbst habe vor etwa fünf Jahren mit dem Häkeln angefangen. Auslöser dafür war ein Geschenk, das ich unbedingt machen wollte, das es aber nirgendwo zu kaufen gab. Selbermachen war die Lösung – und so machte ich mich in einer nächtlichen Aktion auf, mir mit Hilfe von Youtube-Videos das Häkeln beizubringen. Für meine Hände waren die Bewegungen dabei gar nicht so fremd, denn als Kind hatte mir bereits meine Oma einige Grundschritte beigebracht, an die sich mein Kopf zwar weniger, dafür aber meine Hände zu erinnern schienen.

Doch nicht nur die Bewegungen kamen zurück, sondern auch ein Gefühl: die Begeisterung dafür, etwas selbst geschaffen zu haben, und der Stolz, als meine Mutter zum Kaffeetrinken nicht den gekauften Untersetzer sondern meinen aus dem Schrank holte, der zwar einige Fehler hatte und etwas schief war, aber eben selbstgemacht. Den gleichen Stolz verspürte ich, als ich besagtes Geschenk fertiggestellt hatte: Es hatte gedauert, ich hatte bei Leibe oft geflucht, wieso ich mir die ganze Arbeit mache, doch am Ende war ich unsagbar stolz es geschafft zu haben – aus eigener Kraft und mit den Stoffen meiner Wahl.

Einmal von diesem Gefühl berauscht, ging ich weiter auf Entdeckungsreise, wie einst als Kind, als man feststellte, dass all die Dinge des Alltags nicht einfach auf Bäumen wachsen, sondern auch von irgendjemandem hergestellt werden – und vor allem, wie das geht. Ich bekam einen neuen Blick auf die Dinge: Die Antwort auf die Frage, wo ich eine neue Wintermütze herbekomme, lautete nicht mehr einfach „aus dem Kaufhaus“. In meinem eigenen Zimmer konnte sie plötzlich entstehen, nach meinen Farb- und Musterwünschen. Und nachdem ich einmal selbst gesehen und gespürt hatte, wie viel Arbeit in einer hübschen Mütze stecken kann, betrachtete ich das 5-Euro-Angebot im Kaufhaus mit anderen Augen.

Ich lernte den Wert dessen besser schätzen, was ich in Händen hielt. So ging es mir auch in der Küche: Brot gibt es in jedem Supermarkt, beim Bäcker sowieso und eigentlich kann das selber backen ja auch gar nicht so schwer sein. Doch das war viel zu einfach gedacht. Meine ersten Versuche waren trotz Anleitung alles andere als perfekt: zu wenig Hefe, zu straff, zu harte Kruste. Es war eben doch mehr als einfach nur Wasser und Mehl zusammenwerfen. Und trotzdem war sie da, die unbändige Freude, wenn der frisch gebackene Laib aus dem Ofen kam und ich wusste, das ist meins. Der Biss hinein offenbarte zwar die Schwachstellen, doch er hinterließ auch ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit, das Abenteuer Brotbacken gewagt und – wenn auch noch nicht perfekt – gemeistert zu haben.

Denn Do it yourself ist ein Trend für Entdecker, die mehr vom Alltag wollen als nur fertig Waren aus Supermarkt oder Kaufhaus in die Tüte zu stecken. Wer dem DIY-Wahn verfallen ist, will hinter die Dinge schauen, verstehen wie sie funktionieren, sich kreativ ausleben und auch selbst verwirklichen. Do it yourself ist auch der Versuch, wieder mehr Individualität in unser Leben zu bringen. Und dafür braucht es nicht nur Mut, sich auch an schwierigere Projekte zu wagen, sondern auch Durchhaltevermögen, denn selbst die vermeintlich einfachsten Dinge werden sich mitunter als knifflig erweisen.

Für mich ist Selbermachen auch immer ein Ausflug zurück in meine Kindheit, als ich jeden Tag begierig war zu entdecken, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, wie Goethe es einst in seiner Tragödie „Faust“ so schön ausdrückte. Sei es Oma dabei zuzusehen, wie aus Beeren Marmelade wird oder die Erkenntnis, dass die Milch nicht per Knopfdruck in Pappkartons aus der Kuh kommt – es war ein Abenteuer, das im Erwachsenenalter keineswegs enden sollte. Denn durch den industriellem Fortschritt wissen auch wir heute von vielen Dingen nicht mehr, wie sie eigentlich hergestellt werden. Doch dank der Do-it-yourself-Welle fangen wir an, uns wieder dafür zu interessieren.

Über den Autor

Als Redakteurin in einem Technik-Verlag bin ich jeden Tag von den neuesten Elektronik-Spielzeugen umgeben. Um so wichtiger ist es daher für mich, auch mal abzuschalten, runter zu kommen und sich auf die Zeiten zu besinnen, als Fernseher, Facebook und Co. noch nicht den Alltag bestimmten. Dazu gehört für mich neben einem guten Buch auch der Wunsch, mich selbst zu entfalten, kreativ zu werden und mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen. Denn es gibt viele Dinge, die wir zwar fertig im Laden kaufen können, die sich aber auch ganz leicht selbst herstellen lassen, ganz individuell und mit viel Spaß - und die einen der Natur wieder ein Stück näher bringen.

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