Und dabei ist sie oft da oder könnte da sein – die Ruhe. Es gibt im Leben eine Menge an Wartesituationen, die wir gerne mit Ungeduld füllen. Die rote Ampel, der Arztbesuch, das Warten im Restaurant – all das sind Situationen, die sehr gerne mit einer gewissen Nervosität erduldet werden. Macht man sich im Gegenzug klar, diese Situationen nicht verändern zu können, ist es eine schöne Übung, sich der auferlegten Ruhe einfach mal hinzugeben. Welchen Sinn macht es an der roten Ampel wütend mit der Hand auf den Sitz zu schlagen? Verkürzt sich die Wartezeit beim Arzt, weil noch ein dringender Termin ansteht? Wird im Restaurant schneller gekocht, weil keiner warten möchte? Wohl kaum.

  • An der roten Ampel gibt es vielleicht einiges zu sehen. Da gehen Menschen über die Straße, sie sind gebeugt oder aufrecht, sie eilen vorüber oder lassen sich alle Zeit der Welt. Betrachte sie – in Ruhe und mit innerer Gelassenheit.
  • In der Arztpraxis Gesprächen zu lauschen oder nur die Unruhe der anderen wahrzunehmen, völlig neutral, macht deutlich, ein Mensch unter anderen Menschen zu sein.
  • Im Restaurant könnte man sich doch einfach darauf freuen, dass heute jemand anders kocht und man nur das Essen genießen darf, ohne jede Eigenarbeit. 

Es gibt Menschen, die wenig sprechen, die sich nicht dauerhaft in den Mittelpunkt stellen und die trotzdem eine sehr angenehme Ausstrahlung haben. Im Gespräch wird klar, dass sie zuhören können. Sie überlegen, bevor sie antworten. Sie geben ein Gefühl von Ruhe, weil sie tatsächlich ruhig sind und daher die Fähigkeit besitzen, bei dem Gegenüber zu sein.

Ruhe ist etwas sehr Wesentliches.

In Ruhe lassen sich Dinge völlig anders beleuchten. Sie verlieren ihre Dringlichkeit und können neu bedacht werden.

Wer seinen wankenden Emotionen das Ruder überlässt, fährt im übertragenen Sinn auf einem reißenden Fluss durch das Leben. Da gibt es viele kleine Felsbrocken im Wasser, die gefährlich herausragen. Emotionen schießen sehr schnell noch ehe bewusste Prozesse, die Chance erhalten, rechtzeitig einzugreifen.

Mit negativen Emotionen werden Beziehungen vorschnell beendet. Mit negativer Emotion wird anderen Menschen der Raum genommen, adäquat auf eine Situation zu reagieren. Wut ist eine Emotion, die sehr zerstörerisch wirken kann. Ein Grund, negative Emotionen zu zügeln und das gelingt mit Ruhe.

Das Problem mit der Ruhe ist, sie stellt sich nicht auf Knopfdruck mal eben so ein. Sie braucht eine Vorlaufzeit. Sie muss bei den meisten Menschen tatsächlich erlernt werden, obwohl sie eigentlich von Natur aus da ist oder besser da war.

Jeder Säugling reagiert mit Geschrei, wenn er nicht zur Ruhe kommt. Es ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen bei Überforderung zur Ruhe zu kommen. Ein Leben im Dauerstress ist wie eine schnelle Zugfahrt. Die Ereignisse rasen an einem vorüber. Nichts kann in aller Tiefe wahrgenommen, erlebt oder genossen werden, denn die Zeit eilt.

Ein Leben mit und in Ruhe 

Aber was ist das für ein Leben, das von Außenfaktoren bestimmt ist? Ein Leben nach Plan, nach den Bedürfnissen des Arbeitgebers, ein Leben, das mit dem eigenen Selbst in Konkurrenz steht?

Wer ist heute noch bereit wirklich zuzuhören, sich die Zeit zu nehmen, den anderen zu Wort kommen zu lassen? In Zeiten von facebook und anderen sozialen Medien, sind wir gewohnt dargebotene Eindrücke schnell aufzunehmen und im besten Fall mit einem like zu versehen. Wir werden geflutet mit Informationen, die oft nur die Oberfläche des Denkens erreichen.

Bei der Firma gibt es jeden Tag zahlreiche Mails zu beantworten und abends geht es weiter. Da ruft das Netz, auch der private Bereich ähnelt immer mehr einem Arbeitstag und ist voll von Erledigungen, die noch gemacht werden müssen. Und sei es nur ein like für einen Freund, dem man sich verpflichtet fühlt – ein bisschen Aufmerksamkeit darf es schon geben.

Das Einzige, was selten oder nie vorhanden ist, ist Ruhe. Im schlimmsten Fall geht es nachts so weiter. Und die Verwunderung bleibt: Wieso kann ich nicht schlafen? Warum komme ich nicht zur Ruhe?

Wie auch? Das ist vollkommen unmöglich, weil die Ruhe sich zur Ruhe eben nicht zwingen lässt. Sie ist wie ein Freund, für den man sich nie Zeit genommen hat, und der jetzt mal eben, weil es langweilig ist, vorbeikommen soll. Das lässt sich wohl von niemandem erwarten.

Und überhaupt: Langeweile? Kann es die geben? Gibt es irgendeinen Moment im Leben, der es nicht wert wäre, gefüllt zu werden? Sind die geselligen Momente wesentlicher als alleine zu sein? Aber wer will schon alleine sein?

Wie oft werden Beziehungen beendet und ehe man sich versieht, steht die nächste Beziehung an. Zeit lassen? Fehlanzeige. In sich zu gehen, die alte Beziehung zu verarbeiten, eigene Fehler zu erkennen, um sie nach und nach zu begreifen und auszuräumen – das erfordert Ruhe, nur so ist Erkenntnis möglich.

Warte auf Ruhe und versuche dich zu freuen, wenn sie unverhofft in dein Leben kommt. Begegne ihr gelassen, lass sie da sein und wirken. Sie vermag nämlich viel. Sie sorgt dafür, dass sich viel an Aufregung relativiert, sie stärkt den Selbstwert, weil dauernden Zweifeln und Unsicherheiten die Kraft genommen wird. Und sie schützt außerdem den Körper, verbessert die Schlafqualität.

Ruhe ist eine Rettungsinsel im Sturm. Sie ist ein Rückzugspunkt, ein Schutz gegenüber Angriffen welcher Art auch immer. Sie erdet den Menschen, damit er nicht davon fliegt.

Ich hatte nie Ruhe in mir und war oft auf der Flucht. Witzigerweise hat meine Spastik verhindert, dass ich noch fliehen konnte. Es ist immer noch nicht möglich, einfach in das Auto zu steigen und ein paar Runden zu drehen, wie ich es früher so gerne gemacht habe, wenn ich wütend war und einfach weg wollte. Mein Bedürfnis zu fliehen ist nicht mehr vorhanden und Ruhe ist eingekehrt, zumindest deutlich mehr als früher. Weglaufen war noch selten die richtige Entscheidung, Gefahrensituationen ausgenommen. Meine Spastik hat mich gezwungen, zu bleiben, bei mir zu bleiben und den Dingen, die kamen, ins Auge zu sehen.

Die Ampel steht auf rot? Wie schön. Betrachte sie als Signal für dein eigenes Anhalten, das hin und wieder einfach erforderlich ist, damit die Ruhe sich in dir entfalten kann, um all die Aufgaben anzugehen, die das Leben dir vor die Füße wirft.

Der Alltag kann kommen.

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