Es gibt Tage, an denen kommt nach einem beschwerlichen Aufstieg der Sturz. Während du noch fällst, fragst du dich: „Wer fängt mich auf?“ Dann strafft sich das Seil und mit einem Ruck hängst du am Berge. Alles nochmal gut gegangen. Da oben.

Viele suchen in den Bergen Gefahr und Nervenkitzel. Andere sehnen sich nach der Ruhe und Gelassenheit der Gipfelwelt. Was die Menschen allerdings wirklich dorthin zieht und sogar dort hält, ist nicht immer fassbar. Berge haben etwas Ewiges und Unnahbares, das sich unserem menschlichen Vorstellungsvermögen entzieht. Als würde uns die Größe und Weite der Berge in die Schranken weisen wollen.

Die Magie der Berge

Kaum jemand entgeht der Anziehungskraft der Berge. Unzählige Gedichte, Romane, Lieder, Gemälde, Fotografien und Filme zeugen von der bezaubernden Wirkung alpiner Landschaften. Schon als Kinder lernen wir das Gebirge als mystisch und zerstörerisch, als deutend und heilend kennen. Schneewittchen findet Schutz hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Heidis Welt sind die Berge. Grizzley Adams ist der Mann aus den Bergen, und sicherlich hast du die Fernsehserie der 70er Jahre genauso geliebt wie Millionen andere. Maybe? Ja richtig, der Song von Thom Pace war ein echter Hit. Bibi Blocksberg? Irgendwie auch.

Nüchtern ausgedrückt ist ein Berg eine sich aus dem Gelände erhebende Landform, eine Bodenerhebung. Was aber sagen die wahren Experten dieser Welt? „Ein Berg ist oben spitz und unten glatt und rutschig wenn es regnet. Da gibt es jede Menge Bäume und ganz viele Blätter. Das ist ein Waldberg“, sagt Luisa, ein Vorstadtkind, erst vier Jahre alt. Tatsächlich ist die Biodiversität der Bergwälder enorm. Regen- und Quellwasser ist reichlich vorhanden.

Welcher Bergtyp bist Du?
Auf Wäscheberge oder einen Berg Arbeit können wir verzichten. Einen Berg Geld hätten wir alle gerne und an Andrea Berg scheiden sich die Geister. Die Geschmäcker sind eben verschieden.
Hierzu ein Quiz:
* Des Knaben Berglied von Ludwig Uhland oder Der Berg von Heinz Erhardt?
* Zauberberg oder Geier Wally?
*Morgen im Riesengebirge von Caspar David Friedrich oder lieber Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch von Beuys?
* Cliffhanger oder Brokeback Mountain?
* Bonusfrage: Was ziert deinen Bildschirmhintergrund? Alpspitze oder Mount Kinley, Elbsandsteingebirge oder Ayers Rock?

Mythen und Sagen

Die Symbolkraft der Berge spiegelt sich in zahlreichen Sagen und Legenden wieder. Wie hinreichend bekannt, horteten die Nibelungen ihren Schatz in einem Berg. Der griechische Berg Olymp war Sitz der antiken Götter. Die griechische Göttin der Berge hörte auf den Namen Artemis, Tochter der Leto und des Zeus. Die Römer nannten sie Diana.

Die Artemis der nordischen, germanischen und keltischen Mythologie war Skadi. Die Eisriesin lebte in den verschneiten Gebirgsformationen Skandinaviens und verlieh der nordeuropäischen Halbinsel ihren Namen. Auch sie war oft und gerne zur Jagd und schien darin ihre Erfüllung zu finden. Jedoch verliebte sie sich dermaßen in den Meeres- und Fruchtbarkeitsgott Njörd, dass sie auf die Enthaltsamkeit ihrer göttlichen Kollegin aus Griechenland pfiff und mit ihm an die Küste zog. Nur vermisste sie dort ihre Berge, und als beide zu ihr zogen, wollte er zurück ans Meer. Hätte Skadi doch bloß bei der Männerwahl nicht nur auf seine Füße geschaut. Denn Njörd hatte die schönsten und so entging ihr Baldur, die Liebe ihres Lebens.

An die Grenzen gehen

In den Bergen kommt jeder auf seine Art an Grenzen, die es zu überwinden gilt. Besonders die Besteigung der höchsten Berge dieser Erde zeugt vom Scheitern, Schmerz, Entbehrung und Tod. Es sind Berichte von Menschen, die sich von nichts und niemanden davon abhalten lassen, in unmenschliche Höhen aufzusteigen. Manche kommen nie, viele geläutert zurück.

Junko Tabei, erste Frau auf dem Mount Everest, sagte einmal: „Ich kann nicht verstehen warum die Männer so ein Getue um den Everest machen.“ Sie bringt damit zum Ausdruck, was die meisten Bergsteiger mit einer gewissen Ergebenheit zugeben: „In Wirklichkeit sind wir da oben nur geduldete Kreucher und Fleucher“. So jedenfalls machte es Reinhold Messner deutlich. Man muss jedoch keinen Achstausender besteigen, um am Berg eine Lehrstunde in Respekt und Demut zu erhalten.

Das Kieselsteinchen im Schuh, die Blase an der Ferse, der vergessen Regen- oder Sonnenschutz, schlecht ausgewählter Proviant, schlechte Ausrüstung oder falsche Selbsteinschätzung sind typisches Lehrgeld, das unzureichend vorbereitete Bergwanderer zahlen. Wer dann noch einen Schluck aus dem nur scheinbar klaren Bergbach nimmt und sich untrainiert beim Abstieg durch das ständige Abfedern einen ordentlichen Muskelkater in den Oberschenkeln zuzieht, dürfte fürs Erste bedient sein.

Heilige Berge
Berge sind den Weltreligionen wichtiges Sinnbild für Verbreitung und Verkündung des Glaubens. Moses stieg bekanntlich auf den Berg Sinai. Jesus hielt die Bergpredigt auf dem Berg der Seligpreisungen. Tabor and Hermon sind heilige Berge des Judentums. Mohammed erhielt auf dem nordöstlich von Mekka gelegenen Hira seine erste Offenbarung. Beide Religionen betrachten den Tempelberg als Heiligtum. Der Berg Kailash in Tibet ist eine der wichtigsten Pilgerstätten im Buddhismus, wie auch der Jiuhua Shan in Anhui, der Emei Shan in Sichuan, der Wutai Shan in Shanxi und der Putuo Shan in Zhejiang, China. Der weltbekannte Berg Fuji ist für Buddhisten und Shintoisten gleichsam bedeutend.

Kopf frei, Herz voll

Einmal kurz durchatmen. Einen Moment die Augen schließen. Sich fünf Minuten hinsetzen und aufschreiben, was ich an mir mag. Ein halbe Stunde meditieren. Sich abends im Fitnessstudio auspowern. All das sind Möglichkeiten, den Kopf frei zu kriegen. Manchmal braucht es allerdings mehr als den Appell an das eigene Ich.

Es braucht mehr, um sich von seinen überhöhten Ansprüchen loszusagen. Es bedarf einer äußeren Ursache, die sich der täglichen Reizüberflutung, Informationsflut oder Ermüdung der Entschlusskraft ausgleichend entgegenstellt. Vor allem, wenn die einfachen und wichtigen Dinge im Leben zur Last geworden sind: Dankbarkeit, Zuversicht, Frohsinn, Zufriedenheit, Selbstachtung, Mitgefühl, Zweisamkeit, Vergebung. Denn es gibt auch Tage, an denen niemand da ist, der dich auffangen muss, will oder kann. Da hilft auch kein „im Frühtau zu Berge wir zieh‘n, fallera“.

Dann ist es auch egal, ob sie „grünen, alle Wälder, alle Höh’n, fallera“. Trotzdem kommt der Tag, an dem du über den Berg bist. Den Gipfel hast du vielleicht nicht erreicht und dennoch bist du angekommen. Weil du gelernt hast, dich selbst und andere zu stützen. Denn das Vertrauen, das du in dir trägst ist ein Berg auf dem du sicher stehst.

In den Bergen lässt sich dies wunderbar spüren, ganz real und unverfälscht. Wenn du deinen Blick auf die steilen Felsformationen richtest und die klare Bergluft einatmest, werden dir viele Dinge klar, die sich zuvor noch in dichtem Nebel verborgen haben. Vor allem aber schenken sie dir ein Gefühl der Freiheit, das dich trägt.

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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