Eine Lebenskrise trifft jeden einmal. Einmal am tiefsten Punkt angekommen, gibt es nur einen Weg: Bergauf – Neuanfang. Es wird mühselig und auch langwierig, aber zumindest wird es nicht schlimmer. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, ist es Zeit, sich weiterzuentwickeln und empor zu steigen als gereifter, gewachsener und weiserer Mensch.

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Inhalt

 


 

Schlimmer kann es nicht mehr werden: Die Talsohle im Leben ist erreicht

Lebenskrisen kommen selten allein. Kaum geht etwas schief, folgt der nächste Schlag, etliche Seitenhiebe … und dann das K.O. Vor wenigen Wochen oder Monaten noch standest du aufrecht, mitten im Leben. Auf einmal liegst du am Boden, zerstört, tieftraurig und mit zerschmetterter Hoffnung.
Und obwohl du womöglich in deinem Inneren durchaus weißt, dass du da nicht allein durch musst, fühlst du dich allein. Ein Teil von dir will sogar allein sein. Sei es um nicht weiter verletzt zu werden, aus Scham oder gar Furcht, andere zu verletzen.

Derartige Situationen sind zweifelsohne traumatisch, jedoch längst keine Seltenheit. Was du oder ein dir nahe stehender Mensch gerade erleben muss, kennen viele andere aus eigener Erfahrung. Darüber zu sprechen und sich einander anvertrauen ist dennoch schwer. Der Grund Krisen allein bewältigen zu wollen, als müssten wir uns etwas beweisen. Doch manchmal ist der Verzicht auf Hilfe erst recht der Genickbruch. Egal wie allein du dich auch fühlen magst – es gibt Menschen, die mit dir leiden und deinen Schmerz kennen.

 

Die Tiefe der Lebenskrise ausloten

Verschiedene Situationen im Leben erzwingen eine völlige Kehrtwende und somit einen Neuanfang. Doch nicht jede Krise birgt dieses Potential. Einige sind lediglich „marginal“ und können als Chance gesehen werden, wie etwa eine Kündigung. Andere dagegen sind ein wahrer Bruch in deinem Leben, beispielsweise der Tod eines geliebten Menschen, schwere Krankheit oder physische wie auch seelische Misshandlung. 

Nichtsdestotrotz ist jede Lebenskrise mit einer Art Demotivation verbunden. Kraft- und Ratlosigkeit sowie Verzweiflung machen sich breit. Je dramatischer die Situation desto mehr bestimmen solche negativen Gedanken und Gefühle nun dein Leben. Als wäre der Boden unter deinen Füßen weggerissen worden, und auf einmal steckst du in diesem unfassbar tiefen Loch mit einem winzigen Lichtblick in viel zu weiter Ferne.

 

Stefan | Auszeit.bio

SOS-Checkliste für Lebenskrisen

Natürlich gibt es keine offizielle Definition, ab wann die Mücke ein Elefant ist beziehungsweise ab wann der womöglich nur verletzte Stolz tatsächlich in seinem ganzen Ausmaß als Selbstbewusstsein in einer Krise steckt. Aber es gibt ein paar Grundideen, um sich in einer solchen Situation erst einmal kurz zu orientieren anstatt sich blind im Kreis zu drehen.

  1. Wer ist betroffen? 
    Außer dir selbst, hat es eventuell weitere Menschen in Mitleidenschaft gezogen, die nun ebenfalls verletzt sind und Hilfe brauchen. Sich gegenseitig zu unterstützen, lindert der Schmerz. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ trifft es vielleicht nicht ganz, aber du hast Ansprechpartner, die deine Situation sehr gut nachvollziehen können und denen du wiederum eine wichtige Unterstützung sein kannst.

  2. Was ist noch unversehrt? 
    Eine erste Begutachtung des „Schadens“ kann dir zeigen, was noch übrig ist, beziehungsweise wo du noch ein wenig Halt und Sicherheit finden kannst. An dieser Stelle spielen oftmals Familie und der Beruf eine große Rolle. Das eine kann eine Flucht aus dem jeweils anderen Umfeld sein.

  3. Womit genau hast du es zu tun? 
    Sich über die besondere Situation zu informieren, nimmt ihr den Schrecken und macht sie weniger undurchschaubar. Unfälle von absichtlichem Vorwand zu unterscheiden ist mindestens ebenso wichtig wie Krankheitsbilder verstehen zu lernen. Gib den Dingen einen Namen und du kannst sie fassen.

  4. Wie lassen sich Folgeschäden vermeiden? 
    Bei einem Verkehrsunfall könntest du ein Warndreieck aufstellen, um so andere vor zusätzlichem Schaden zu bewahren. In Krisensituationen musst du einfallsreicher sein. Kinder sollten natürlich besonders geschützt werden, verdienen es aber auch, die Wahrheit (altersgerecht) zu erfahren. Auf keinen Fall darf die Lebenskrise hohe Wellen schlagen und noch mehr Menschen ins Unglück stürzen. Ansteckungsgefahren, Drohungen und Aggressionen sind also zu meiden. Suche lieber ein klärendes Gespräch anstatt die geballte Ladung Vorwürfe dem Falschen entgegen zu schmettern. Klage an, wenn nötig.

  5. Wo stehst du? 
    Bei all dem, vergiss nicht, an dich selbst zu denken und an deine Bedürfnisse. Angefangen bei den Grundbedürfnissen wie Essen und Schlaf, nimm dir auch Freiraum für deine Gefühle. Du kannst nicht vor dir selbst weglaufen, geschweige denn dich vor dieser Krise verstecken. Finde deinen Platz in der Situation.

 

Stefan | Auszeit.bio

Der Blick zum Silberstreif am Horizont

Krisensituationen haben die überaus unangenehme Eigenart alles zu verdunkeln und schwarz zu malen. Farben scheinen trüber, Lachen aufgesetzt und jeder noch so gut gemeinte Rat fühlt sich wie ein Finger in der Wunde an. Kein Wort wirkt tröstend oder lindert auch nur annähernd den Schmerz. Womöglich machen dich all die Tipps und Vorschläge auch richtig wütend, weil du sie für unzulänglich hältst.
Und du hast Recht. Kein anderer Mensch kann in diesem Moment dein Leid so nachempfinden, wie du es gerade erlebst. Insofern, ja, du bist in einer gewissen Art völlig allein damit. Zumindest bist du bereit bist, wieder Hilfe zu zulassen. 

Bis dahin braucht es Zeit. Du wirst erkennen, wer dir wirklich zur Seite steht, denn diese Personen werden nicht aufhören, dir helfen zu wollen. Jene, die sich von deinen Problemen abwenden, haben dich nicht etwa aufgegeben, ihnen warst du leider nie wichtig genug, um auch in derart schweren Zeiten Flagge zu zeigen. Lass sie ziehen.

Du brauchst deine Kraft jetzt für dich selbst!

 

Augen auf, Blick nach vorn

Den „Schalter einfach umlegen“ ist so leicht dahingesagt. Nur weil die Lebenskrise unkontrolliert über dich hereingebrochen ist, wird sich nicht so mir nichts, dir nichts ein Ausweg direkt vor deiner Nase zeigen. Außer Zeit, brauchst du auch Geduld. Mit dir selbst allen voran, aber auch mit deinem Leben und den Menschen dazu.

Zeit wird es brauchen, um die Krise zu verarbeiten. Geduld, bis sich ein Weg auftut, der dir die Chance für einen Neubeginn bietet. 

Oftmals glauben wir irrtümlich, dass jene, die bereits eine Lebenskrise überwunden haben, sehr stark sein müssen oder zumindest stärker als zuvor. Stärke ist jedoch keineswegs das Allheilmittel schlechthin. Vielmehr kommt es auf zwei essentielle Faktoren an:

1. Diese Menschen hatten gar keine andere Wahl. Aufgeben kam überhaupt nicht in Frage, allein auf Grund der Verantwortung sich selbst und der Familie gegenüber.

2. Entscheidender als Stärke ist
Durchhaltevermögen im Sinne von Geduld. Aber auch Zuversicht und emotionale Reife, um mit eigener Schwäche umzugehen, ohne daran zu zerbrechen.

Kein Mensch verlangt von dir, diese Krise wie ein Profi zu meistern. Wie könntest du auch? Dir ist etwas widerfahren, dass du weder beabsichtigt noch heraufbeschworen hast. Aber du bist auch kein Opfer des Schicksals.

Du bist in einer Lebenskrise, und aus der gibt es einen Weg, den du finden wirst. Du musst „nur“ die Augen aufhalten und bereit sein, Neues zu zulassen. Gutes wie Schlechtes.

 

Ist die Lebenskrise endlich vorbei?

Mit dem Zulassen neuer Situationen, der individuellen Trauerarbeit sowie mit dem Neubeginn im Leben, wird es Rückschläge geben, den ein oder anderen Zweifel und auch ein paar Konflikte. Bergauf aus dem Lebenstief heißt schließlich nicht, dass von nun an alles schlagartig rosig und locker flockig wird.

Aber der Rückblick auf die vergangenen Wochen und Monate ist deine ganz persönliche Motivation. Im Prinzip entscheidest du, wann deine Lebenskrise vorbei ist. Und nur Schritt für Schritt kann dir dieser Weg gelingen. Große Sprünge sind natürlich nicht ausgeschlossen, sei dir allerdings bewusst, dass auch der ein oder andere Fehltritt und/oder Schritt zurück passieren kann.

Jedes Ende ist eine Chance für einen neuen Anfang.

Oder mit den poetischen Worten Winston Churchills:

Das ist nicht das Ende. Es ist auch nicht der Anfang vom Ende. Aber vielleicht ist es das Ende des Anfangs.“

Winston Churchill

 

Stefan | Auszeit.bio

Nach der Lebenskrise – Rückkehr der Seele in ihren ursprünglichen Zustand

Bevor die Seele geprägt wurde durch Eindrücke und Erfahrungen, war sie rein, wenn auch nicht vollkommen, denn eben jene Eindrücke und Erfahrungen profilieren sie erst zu einem Bewusstsein. Krisensituationen sind besonders prägend. Um die Tabula rasa – also den ursprünglichen Zustand – wieder herzustellen, müsste eine solche Krise komplett verarbeitet werden. Dann wäre das Glas weder halbvoll noch halbleer, es wäre komplett leer und ließe sich als Neubeginn mit neuen Eindrücken und Erfahrungen wieder befüllen. Am Computer würde man die Festplatte formatieren …

Am lebenden Subjekt ist das geringfügig schwieriger, dennoch ein oft erkorenes Ziel von Menschen, die eine Lebenskrise durchmachen und sich nach einem neuen Anfang sehnen. „Back to the roots“(sprich, zurück zu den Wurzeln) ist fast schon ein Trend. Natürliche Zutaten werden konsumiert, es wird selbst gekocht, eingelegt und konserviert, mehr gelaufen als gefahren, die Wohnungen werden uriger und flauschiger, die Hobbys zum Do-it-yourself-Mantra. Yoga und Mediation helfen bei dem Selbstfindungsprozess. Aus der Zerstörung (der Lebenskrise) keimt neue Hoffnung und mit ihr ein möglichst reines Selbstbewusstsein.

Leider zeigt sich immer wieder, dass die Vergangenheit einen einholen kann. Umso wichtiger ist ein wahrhaftiger Neubeginn. Besuche nicht halbherzig Selbsthilfe-Seminare, nur um dabei gewesen zu sein. Womöglich warten ganz andere, bisher klein gehaltene Träume, auf ihre Verwirklichung und können dir als Neubeginn weitaus mehr bieten.

 

 

Übung: Lebenskrise adé. Und wie geht es weiter?

Kurioserweise platzen Menschen nach einer überwundenen Lebenskrise nur so vor Energie. Dank dem gesunden Rückzug in die Einsamkeit, um zu regenerieren und sich der Trauerarbeit zu widmen, kann neue Kraft geschöpft werden, und sei es nur als Ablenkung. Dennoch ist der Blick zurück wichtig, um die richtigen Entscheidungen für einen Neustart zu treffen: 

Du hast jetzt die seltene Gelegenheit, dich völlig neu zu orientieren und eine Richtung einzuschlagen, die du dir womöglich nie zugetraut hättest, aus was für Gründen auch immer.

Halte dir ganz klar vor Augen:

  • Was ist beendet/vorbei/nicht mehr da?
  • Was bleibt und was davon muss anders werden? 

Die Lebenskrise muss noch nicht einmal als Vorwand herhalten, du könntest jederzeit dein Leben neu gestalten. Und doch sind gewisse Situationen eben ausschlaggebend, weil sie dich tief bewegen – und verändern.

Geh in dich, hör in dich hinein und versuche ganz genau zu ergründen, was dich so sehr an dieser Krise bewegt hat. Dann weißt du, was dir wirklich wichtig ist im Leben und worauf es dir allein ankommt. Ist es Abenteuerlust oder der Wunsch nach einer liebevollen Familie? Karriere oder Freizeit? Selbstverwirklichung oder der Wunsch für andere da zu sein?

Was auch immer es ist, du hast jetzt die Chance, dies wahr werden zu lassen.

 

 

Infokasten: Lebenskrise, Trauerarbeit & Krisenmanagement

Eine Lebenskrise kann viele Formen haben und ganz unterschiedliche Ausmaße annehmen:

  • Verlust: von geliebten Menschen, von Sicherheit und Halt sowie von Abhängigkeiten
  • Krankheit: schwer und gar unheilbare Erkrankungen, extreme Schmerzen bis hin zu langanhaltenden Behinderungen
  • Verrat: durch Menschen, denen man vertraut hat, durch das System oder durch eigene, falsche Erwartungen

Das Potenzial für einen Neuanfang ist von Krisenart zu Krisenart aber auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich, meistens jedoch darauf zurück zu führen.
So werden Menschen nach einer schweren Krankheit entweder vermehrt auf ihre Gesundheit achten, weil sie sich verpflichtet fühlen, für andere da zu sein, oder erst recht alle Bedenken in den Wind schlagen, und das Leben im Moment genießen ohne Rücksicht auf gesundheitliche Folgen.
Vergleichsweise entwickeln viele nach dem Tod eines ihnen nahe stehenden Menschen massive Verlustängste und klammern sich an fragwürdige Beziehungen, andere schwören jeglicher Art von tiefgehender Beziehung ab und werden Reisende mit flüchtigen Bekanntschaften.

Hier spielt die Trauerarbeit bei der Krisenbewältigung eine große Rolle. Zwischen Loslassen und nie überwinden gibt es nämlich unzählige Zwischenstufen. Letztlich hat wohl jeder sein „Päckchen zu tragen“, bei manchen sind es halt ganze Wagenladungen.
Die 5 Stufen der Trauer (Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz) sind dabei nur Teil eines lebenslangen Prozesses. Denn nur wer gänzlich vergessen kann, kann auch völlig loslassen. Sobald jedoch die Erinnerung zurück kommt, sei es durch ein bestimmtes Lied, einen Namen oder einen Ort, kommt auch der Schmerz zurück. Wie stark er dann ist, hängt von der Trauerarbeit ab. Mitunter müssen die Phasen mehrmals durchlaufen werden, bis sich Linderung einstellt. 

Um dieses Krisenmanagement, vor allem für „Wiederholungskrisen“ zu bewältigen, gibt es Hilfe. Angefangen bei der Telefonseelsorge, über spezifische Beratungsstellen bis hin zu begleitenden Therapien und Selbsthilfegruppen. Sobald der Punkt erreicht ist, nicht mehr allein sein zu wollen, solltest du dir derartige Hilfe suchen. Auch Freunde, Verwandte und Kollegen sind Ansprechpartner, manchmal scheint es jedoch leichter, sich einer neutralen Person gegenüber zu öffnen, um sich selbst nicht so verletzbar zu fühlen. 

Entscheidend ist, die Lebenskrise für sich selbst zu erkennen und anzunehmen, als Herausforderung, als Chance, als Initiation, als Muss – vor allem aber als überwindbar.

Zum Autor:

Stefan Goedecke teilt seine Gedanken mit zehntausenden Menschen als Herausgeber und Kraftquelle der AUSZEIT und der ICH BIN. Sein Newsletter gehört zu den beliebtesten wöchentlichen Inspirationen für Menschen, die sich selbst entdecken wollen. Stefan ist Autor zahlreicher Essays, Artikel, Kurse, Blogs und Ratgeber-Bücher. Sein neues Buch “Alles wird gut” ist schon vor Veröffentlichung ein Bestseller. Finde Stefan bei Instagram: @stefan.auszeit