Zugegeben, die angenehmsten Träume erlebt man im warmen, kuscheligen Bettchen. Doch Träume haben nicht zwingend etwas mit schlafen zu tun. Denn manches Naturerlebnis kann schön sein wie im Traum. Das Nordlicht ist eines davon.

Um das Nordlicht gut sehen zu können, braucht es zwei Dinge: eine möglichst sternenklare Nacht und einen weiten, besonders nach Norden offenen Rundumblick. Geeignete Orte hatten wir uns schon im Zuge der Reisevorbereitungen ausgesucht. Unsere erste Jagd auf das Polarlicht hatten wir am Nordkapp vorgesehen. Während des Tags konnten wir uns perfektem Wetters erfreuen. Kein einziges Wölkchen war am Himmel zu sehen. Rechtzeitig mit der beginnenden Abenddämmerung schob sich aber eine dichte, vom Atlantik kommende Schlechtwetterfront über uns. Also kein klarer Himmel und keine Sterne. Stattdessen nur Kälte und Nieselregen. Außerdem merkten wir, dass es längst nicht so schnell dunkel wurde, wie wir vermutet hätten.

Der Weg zum Licht

Egal. Unser Weg führte uns langsam in Richtung Süden. Womit die Nächte etwas länger wurden und so auch die Zeit, in der Nordlicht auftreten könnte. Die Hoffnung auf besseres Wetter während der Nachtstunden erfüllte sich auch während der folgenden Tage nicht. Weder in Tromsø, noch im etwa 40 km entfernt an der Atlantikküste gelegenen Hillesøy.

Einen unserer letzten möglichen Nordlicht-Versuche starteten wir bei Uttakleiv auf den Lofoten. Das abgeschiedene Dorf ist unter Insidern wegen seiner malerischen Lage in einem kleinen, zum Meer hin offenen Talkessel und seinem weiten Sandstrand bekannt. Hier herrscht keine Hektik. Besonders jetzt nicht, wo kaum mehr Urlauber im Land unterwegs sind. Hier findet man Entspannung pur. Einfach die Aussicht auf sich wirken lassen, den Sonnenuntergang bei einem Picknick genießen und dem Rauschen der Wellen lauschen. Diesmal bleibt der Himmel klar. Mehr und mehr Sterne erhellen das Firmament. Die Abenddämmerung weicht der Dunkelheit. Es vergeht Stunde um Stunde. Doch von der Aurora Borealis fehlt nach wie vor jede Spur.

Inzwischen ist es 23 Uhr geworden und so richtig dunkel. Während eines letzten Spaziergangs durch die Nacht kommen wir zu dem Entschluss, hier unsere Zelte abzurechen. Denn ein Blick verrät uns, dass schon wieder dunkle Wolken aufziehen. Also nichts mit hell erleuchtetem Himmel.

Irgendwie verhält sich die Wolke aber anders, als gewohnt. Ist sie wirklich eine oder doch etwas anderes? Ich greife zur Kamera und schieße ein Foto. Auf ihrem kleinen Monitor wirkt die Wolke gar nicht mehr so dunkel. Stattdessen schimmert sie eindeutig dunkelgrün! Das ist also das Nordlicht? Mit freiem Auge hätten wir es nicht als solches erkannt.

Der Himmel träumt …

Jetzt aber sind wir wieder hellwach! Keine Zeit für Müdigkeit, keine Zeit, um sich wegen einer warmen Jacke Gedanken zu machen. Jetzt heißt es gespannt warten auf das, was noch kommen kann. Inzwischen haben wir unsere Kamera an einem Stativ montiert und den Fernauslöser angeschlossen. Allmählich schiebt sich die Wolke über die Berggipfel hervor. Zunächst bleibt sie nur schwer erkennbar. Sie verändert sich zu einem schmalen hellen Band, das senkrecht nach oben zeigt. Das Nordlicht wird intensiver und ist nun auch mit freiem Auge auszumachen. Inzwischen hat sich über dem Horizont, ähnlich eines Regenbogens, ein grüner Nordlichtbogen gespannt. In harmonisch gleitenden Bewegungen ändert die Aurora Borealis kontinuierlich ihr Aussehen. Lautlos gleitet sie über unseren Köpfen und kommt mal da, mal dort, zu einem Höhepunkt. Wir wissen gar nicht, wo wir hinsehen sollen. Denn egal, in welche Richtung wir unsere Blicke lenken, die Gefahr ist groß, gerade etwas hinter unserem Rücken zu übersehen. Denn inzwischen ist der ganze Himmel über uns voller grüner Schleier und Bänder. Gleichzeitig ragt ein breites Band aus dem Gipfel eines Berges. Gerade so, als würde er weit nach oben grüne Lava ausspucken.

Wir haben keine Ahnung wie spät es inzwischen ist. Wir haben alle Konzentration auf das Geschehen am Nachthimmel gelenkt.
Wie auf einen Schlag wird es über uns plötzlich überall hellgrün, ja sogar weiß. Geheimnisvolle Gestalten scheinen zwischen uns und den Sternen zu tanzen. Im ersten Augenblick sehen sie aus wie langgezogene Wolken, die Bänder gleichend in alle Richtungen zerfließen. Daraus bilden sich lange Schleier, die Wind zu wehen scheinen. Da und dort leuchtet es derart hell, dass wir keine Sterne mehr durchschimmern sehen.

 

Nordlicht-Aberglaube
Heute wissen wir längst, dass das Polarlicht eine Naturerscheinung ist, die im hohen Norden zum Alltag gehört. In Mittel- und Südeuropa war und ist es nur äußerst selten zu beobachten. Meist sah man in seinem Auftreten den Vorboten unheilbringender Ereignisse. Dieser Aberglaube war in den Menschen bis in die jüngste Vergangenheit fest verankert. So erinnere ich mich an die Schilderungen meiner Großmutter, die im Januar 1938 Zeugin einer außergewöhnlich starken Aurora Borealis wurde. „Der ganze Himmel war rot wie Blut“, erzählte sie und fuhr fort: „Na, … und dann ist eh bald darauf der Krieg gekommen.“ Inzwischen wissen wir, dass das Polarlicht kein Unheil ankündigen kann.

 

… wir träumen mit

All die Pracht, all die Schönheit, all die Herrlichkeit lässt uns wissen, dass wir gerade jetzt einen jener Augenblicke erleben, die sich Zeit unseres Lebens fest in unserem Gedächtnis verankern werden. Bilder, die wir in Gedanken immer mit uns tragen werden. Momente, für die wir unendlich dankbar sind, sie erlebt haben zu dürfen. Nicht weniger vermag der Zauber des Nordlichts zu bewirken. Es ist wie große Musik am Himmel. In Licht gefasste Symphonien mit leisen und lauten Passagen. Mit leisen Flöten und dann wieder mit Paukenschlägen.

In seiner intensivsten Phase zeigt sich uns die Aurora Borealis sogar sanft von grün über weiß bis violett verlaufend. Darunter, hart am Horizont knapp über dem Meeresspiegel, noch immer ein Band aus dunklem Orange, als letzten Rest des Abendrots. Auf zwei vorgelagerten Inseln warnen kleine, blinkende Leuchttürme vor der nahen Küste.

Kein Augenblick gleicht dem nächsten. Das intensive hellgrüne Licht weicht sanften Schlieren, die unendlich weit ins All zu verlaufen scheinen. Sie wandern allmählich von West nach Nord während sie sich allmählich auflösen. Selbst währenddessen variieren sie noch ihre Formen vom weichen, sanften Linien bis hin zu kantig scharf.

Gegen 1 Uhr verblasst das nächtliche Schauspiel. Noch versuchen wir, seine letzten Zuckungen aufzusaugen. Und jetzt, wo sich die Anspannung und Aufregung gelöst hat, merken wir erst, dass uns ziemlich fröstelt und das die Augenlider so langsam schwer werden. Ans zu Bett gehen wollen wir dennoch nicht denken. Das Nordlicht hat uns voll angesteckt. Hat man es einmal gesehen, will man mehr von ihm. Immer mehr.

Am liebsten hätten wir den Himmel noch die ganze Nacht beobachtet. Einfach, weil man ja nie weiß, ob oder wann es noch einmal auftaucht und wie intensiv es noch werden kann. Und wirklich! Erst haben wir leichte, dunkelgrüne Fäden tatsächlich noch ausgemacht. Später zeigte sich das Nordlicht noch einmal in voller Pracht. Gegen 3 Uhr in der Früh, vor unserem Quartier.

Abschied nehmen

Auch unser letzter Tag in Nordnorwegen lässt eine gute Polarlicht-Nacht erhoffen. Doch wie schon so oft während unseres Nordlandaufenthalts, brechen mit der Dämmerung einmal mehr dichte Wolken herein. Wir harren aus und werden belohnt: Ein Stück nach Mitternacht schimmert durch die gar nicht mehr so dichte Wolkendecke, was ihm eine gespenstische, schaurig schöne Stimmung verleiht. Es wandert in meist dünnen, intensiv grünen, gelben und violetten Bändern gleichend zwischen den Gipfeln unseres engen Fjords. Sie ähneln Kreisen, gehen über zu Schlangenlinien und stoßen dann wieder scheinbar aus den Bergrücken hervor. Nur das plätschern der Wellen durchdringt die Stille der Nacht. Wieder wohnen wir dem Schauspiel bei. Wohl wissend, dass es dieses Mal unser letztes Nordlicht sein wird. So mischen sich zur Freude, es noch einmal erleben zu dürfen, Wehmut und stilles Abschied Nehmen.

Aurora Borealis lässt keine Zeit zum Schlafen und Träumen im kuscheligen Bett. Dennoch ist es nicht weniger, als ein wahr gewordener Traum. Was bleibt, sind gemeinsame Erinnerungen und der Wunsch, es wieder sehen zu wollen. Und zwar möglichst bald.

 

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin , das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

 

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