Es sind selten Dinge, sondern meist Erlebnisse, die uns langfristig glücklich machen. Momente mit besonderen Menschen, die uns begeistern und Erfahrungen, die uns inspirieren. In diesem Bewusstsein verliert materieller Konsum an Bedeutung.

Ich sitze an einer kleinen Bucht im Süden von Koh Lanta, einer Insel in der Andamanensee vor der Westküste Thailands, und grabe meine Füße in den weißen Sand. Der Strand ist menschenleer, an den Felsklippen stehen sieben kleine Holzhütten. Die Hütte ganz links direkt neben dem Felsvorsprung ist unser Schlafplatz für die Nacht – zusammengenagelte Holzbretter mit einem Bambusdach. Die Hütten sind einfach, aber sauber, eine kleine Dusche mit WC und Waschbecken, zwei Betten und zwei Hängematten: Das war’s.

Die Sonne steht tief, ihre letzten Strahlen glitzern auf dem Meer. Es ist immer noch sehr warm. Das Meerwasser kühlt meine heißen Füße. Vor einer der Hütten am anderen Ende der Klippen presst eine ältere Dame frische Mangos und reibt Papayas in eine Salatschüssel. Das macht sie jeden Abend. Sie richtet einfache frische Speisen in großen Holzschalen an. Mein Freund kommt lächelnd mit einem Krug Mangosaft auf mich zu.

Ich schaue zurück aufs Meer und spüre, wie ein Glücksgefühl in mir aufsteigt. Eine andere Art von Luxus – der Luxus des Einfachen, der Sorglosigkeit, der Unbeschwertheit und Freiheit. Der Moment brennt sich mir ein. Er ist so schön, innerlich bitte ich ihn, zu verweilen.

Der Konsum-Overflow

Was macht uns langfristig glücklich? Welche Entscheidungen und Aktivitäten steigern nachhaltig unser Wohlbefinden, welche verringern es? Letztlich kann diese Frage nur jeder Mensch für sich selbst beantworten. Die Antworten hängen mit den individuellen Lebenserfahrungen, Persönlichkeitsmerkmalen, Wertesystemen und Bedürfnisausprägungen jedes Einzelnen zusammen.

Wagen wir dennoch den Versuch, uns Gedanken über potenziell glücksfördernde und glücksverringernde Denk-, Handlungs- und Lebensweisen zu machen. Betrachtet man verschiedene Glückstheorien von der Antike bis heute, so haben sie zumeist eines gemein: Sie vertreten die Ansicht, dass uns positive soziale Beziehungen, ein moralisch wertvolles, sinnstiftendes Handeln, inspirierende Erlebnisse und eine ausgeglichene innere Haltung zumeist langfristig zufriedener machen als kompetitive Leidenschaften, die oftmals zu Neid, Missgunst, Selbstzweifeln und Habgier führen können.

Des Weiteren fühlen sich heutzutage viele Menschen von der Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft überfordert – zu viele Informationen prasseln ungefiltert auf sie ein, zu viele Alternativen machen eine Auswahl schwierig. Der starke Trend der Individualisierung und Selbstdarstellung führt zu Unsicherheiten und einem Selbstoptimierungszwang.

Diese Unsicherheit versuchen wir durch Konsum auszugleichen. Wir konsumieren oft viel mehr, als wir für die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse brauchen – meist unbewusst neben anderen Tätigkeiten: Auf dem Weg zur Arbeit holen wir uns schnell noch etwas zu essen oder trinken „to go“; in der Bahn shoppen wir auf dem Smartphone schnell ein paar neue „Must-haves“, und abends auf der Couch läuft der Fernseher, unser Laptop ist angeschaltet und wir tippen nebenher noch eine WhatsApp auf dem Handy.

Konsum als Ersatz

Warum konsumieren wir eigentlich so viel? Oft steckt hinter unserem Konsumverhalten der Wunsch, uns zu belohnen oder von etwas anderem abzulenken. Wir erhoffen uns Zeitersparnis, eine Leere zu füllen, Unterhaltung, mehr Wohlbefinden oder eine Steigerung unseres Selbstwertgefühls. Konsum gibt uns ein impulsartiges, kurzfristiges Hochgefühl. Wir belohnen uns zum Beispiel mit schöner Kleidung, einem neuen technischen Gadget, süßen und fettigen Snacks oder lassen uns über einen oder mehrere Medienkanäle berieseln.

Das Problem bei diesem Konsum-Overflow: Nach dem Hochgefühl kommt die Leere. Der schnelle Konsum führt zu einem Völlegefühl statt zum bewussten Genuss, und die Freude nach einer Shoppingtour hält nicht lange an. Manchmal setzt sogar ein schlechtes Gewissen wegen unnötiger Geldausgaben ein. Der übermäßige Medienkonsum führt oftmals zu einer Reizüberflutung und kann Konzentrationsprobleme, Unruhe und schlechten Schlaf zur Folge haben. Der eigentliche Wunsch nach Wohlbefinden, Selbstbestätigung und Belohnung erfüllt sich häufig nicht, ganz im Gegenteil.

Erst fragen …Im Alltag ist es manchmal gar nicht so leicht, unbewusst ablaufende Gewohnheiten zu ändern, lang antrainierte Impulse zu hinterfragen und bewusste Entscheidungen zu treffen. Stellen Sie sich dafür im Moment des Impulses folgende Fragen:

Warum möchte ich jetzt konsumieren (versteckte Ersatzbedürfnisse)?

Agiere ich aus einem Moment des Mangelgefühls heraus oder würde ich diese Konsumentscheidung auch in einem Gefühl der Zufriedenheit treffen?

Wofür kann ich heute dankbar und glücklich sein?

Was sind die Dinge (max. 3), die mir gerade in meinem Leben am allerwichtigsten sind und daher bei meinen Entscheidungen oberste Priorität besitzen (langfristiges Glück)?

Weniger kann mehr sein

Eine bewusste Reduktion unseres Konsums kann unsere Lebensqualität und unser Wohlbefinden steigern. Dabei ist unsere Perspektive entscheidend: Es geht nicht um einen strikten Verzicht, der uns als Mangelgefühl erscheint. Vielmehr kann ein Gefühl der Konsumzufriedenheit durch Reduktion und Fokussierung erreicht werden.
Um daraus keinen kurzzeitigen Trend, sondern eine nachhaltige Lebenseinstellung zu machen, müssen wir den Blick auf unser Leben grundlegend verändern. Erst wenn wir die Mangelperspektive verlassen, in der wir uns auf alles konzentrieren, was uns vermeintlich zum Glücklichsein fehlt, und aufhören, permanent zu versuchen, Ersatzbefriedigungen zu finden, ist ein nachhaltiges Zufriedenheitsgefühl möglich.

Aus dieser Einstellung heraus können wir unsere positiven Emotionen stärken, den Herausforderungen des Lebens mit Humor begegnen und gut für uns sorgen. Wir können einen bewussten Konsum pflegen, der uns Genuss ermöglicht und uns langfristig zufrieden macht.

Letztlich wollen wir uns bewusstem, uns bereicherndem Konsum gegenüber auch nicht komplett verweigern. Ein leckeres Essen mit Freunden, ein inspirierender Film mit unserem Lieblingsschauspieler oder ein wunderschönes neues Kleidungsstück können – bewusst gewählt – puren Genuss bedeuten. Einen Genuss, der seine Bedeutung vor allem durch erlebte Momente gewinnt, nicht allein durch den Besitz möglichst vieler Dinge.

Momente sammeln

Wenn Menschen gefragt werden, was sie in der Vergangenheit besonders glücklich gemacht hat, berichten sie fast immer von spannenden Momenten und Erlebnissen, innigen Beziehungen zu besonderen Menschen und Projekten, in denen sie mit Herzblut etwas erschaffen haben. Die wenigsten werden von materiellen Errungenschaften wie Immobilien, Autos, Bankkonten oder Ähnlichem sprechen.

Momente und Erlebnisse, die uns emotional berühren, die uns mit besonderen Menschen zusammenschweißen, die uns inspirieren und unser Innerstes mit beeindruckenden Erkenntnissen füttern, bleiben unvergessen und machen uns nachhaltig glücklich. Der Konsum materieller Dinge kann diese Gefühle nicht nachhaltig in uns auslösen. Das Hochgefühl direkt nach dem Konsum verfliegt so schnell, wie es gekommen ist.

Mut zur Reduktion

Der Mut zur Reduktion ist eine Entscheidung, die uns auch in anderen Lebensbereichen glücklicher und erfolgreicher machen kann. Im Berufsleben macht jeder Mensch irgendwann die Erfahrung, dass er in bestimmten Tätigkeiten besonders gut ist, diese Tätigkeiten ihm leichtfallen und ihn begeistern. Wer weiß, was er kann und was nicht und was ihn interessiert und was nicht, kann sich gezielt auf diesen Bereich spezialisieren. In diesem Bereich – sei er auch noch so klein – können wir richtig gut werden und haben damit die Chance, beruflichen Erfolg und Wertschätzung zu erleben und letztlich einer sinnstiftenden und nachhaltig zufriedenstellenden Tätigkeit nachzugehen.

Im privaten Umfeld gilt das Gleiche: Unsere Zeit ist begrenzt. Wer versucht, auf allen Hochzeiten zu tanzen, wird auf keiner richtig dabei sein. Wir können uns davon lösen, Dinge zu tun, nur weil man sie „gemacht haben sollte“ und sie abhaken möchte. Wagen wir den Schritt, Prioritäten zu setzen und uns durch gezielte Reduktion und Fokussierung glücklicher zu machen.

Und dieses Glück liegt zumeist in den kleinen Momenten und Erlebnissen unseres Lebens: Menschen, die uns inspirieren, authentischen Erlebnissen, die uns berühren, und Projekten, die uns begeistern und in denen wir über uns hinauswachsen können. Verbringen wir also mehr bewusste Zeit – mit den Personen, Aktivitäten und Erlebnissen, die uns glücklich machen. Und schreiben wir Geschichten, die wir später gerne erzählen.

Denke ich jetzt an die Zeit auf Koh Lanta zurück, erinnere ich mich nicht an teure Luxushotels, Shoppingmitbringsel oder Sightseeingtouren. Ich denke zurück an die warmen Nächte am Strand vor der Holzhütte und das unbeschwerte Gefühl von Sorglosigkeit und Freiheit. Und an den Geschmack von frisch gepressten Mangos.

 

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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