Ich soll den Moment leben, heißt es. Im Hier und Jetzt ankommen. Dazu, wie ich das mache, finde ich überall die ultimativen Tipps – manchmal sieben, manchmal zehn, manchmal auch 30 auf einen Schlag. Wie hilfreich ist das Ganze wirklich?

Erst einmal: Ganz ohne Zweifel können diese Tipps eine große Hilfe sein, sich auf dem Weg zu sich selbst und damit zu einem tieferen und bewussterem (Er)Leben besser zurechtzufinden. Sie können helfen, sich auf wichtige Fragen und auf die entsprechenden Antworten zu fokussieren und sich dem Thema Schritt für Schritt anzunähern. Natürlich sind solche Tipps kein Allheilmittel und die vorgeschlagenen Regeln sind keine ehernen Gesetze, an denen man auf dem Weg zu sich selbst nicht vorbeikommt.

Und wer sich zu stark auf Tipps und Ratgebermagazine oder Coaching-Bücher verlässt, wird schnell merken, dass nicht jeder Coach das Gleiche empfiehlt und dass nicht jeder Tipp für einen selbst umsetzbar ist. Zu unterschiedlich sind unsere ganz persönlichen Erfahrungswelten, zu individuell unsere eigenen Methoden, mit Problemen umzugehen.

Dennoch: Es lohnt immer, in diesen Fragen nach der Essenz zu suchen, nach dem, was bei allen Unterschieden den Kern dieser Themen ausmacht, nach dem, was in all den verschiedenen Biografien und Schicksalen auch uns ganz persönlich Wege aufzeigen kann. Das bringt ein wenig Ordnung in das Fragen- und Gefühlschaos, das hilft, Schritte zu definieren, die gangbar sind.

Ein Hoch auf Schubladen

Der Versuch, so komplizierte Fragen in Checklisten und Tipp-Kästen zu beantworten, muss sich ab und an den Vorwurf gefallen lassen, dass hier ein ausgeprägtes „Schubladen-Denken“ praktiziert wird. Klar, man kann jede Denkstruktur, jede Zuordnung, jede Liste dahingehend in Frage stellen, dass die Wirklichkeit eigentlich viel zu komplex und kompliziert ist, um in „Sieben Schritten“ zur Lösung unserer Fragen zu kommen.

Aber genau diese Zweifel sind es oft, die verhindern, schon einen ersten Schritt zu machen. Wir haben nicht selten einen ausgeprägten Drang, viele Dinge so zu „zerdenken“, dass wir uns letzten Endes damit selbst im Wege stehen, praktikable Lösungen für unsere Probleme zu finden. Also keine Angst vor Listen und Schubladen! Zumindest so lange wir wissen, dass sieben Schritte auch mal zehn sein können, oder es von 30 Tipps gerade mal fünf sind, die uns ganz persönlich voranbringen, dafür aber so richtig.

Und so ist es auch mit den Ratschlägen, den in kurze Anekdoten gegossenen Lebensweisheiten. Sie sind nicht unnütz, nur weil sie verallgemeinern und nicht jedes Detail unseres Lebens widerspiegeln.

Jeder ist anders

Andererseits machen gerade diese Details unseres Lebens die sehr persönliche Art und Weise aus, mit der wir unsere Lebensfragen für uns beantworten. Diese Details schaffen Rahmenbedingungen, die für den einen oder anderen Ratschlag offener sind, als für andere, die den einen oder anderen Schritt eher möglich machen, als andere Schritte. Das gilt auch für das Umgehen mit den wertvollen Augenblicken unseres Lebens und für das Leben des Momentes im Hier und Jetzt.

Wenn man zum Beispiel ein gewisses Alter erreicht hat (und ja, ich darf das von mir schon sagen), dann geht man an diese Dinge meist deutlich anders heran. Schon allein der wertvolle „Vorrat“ an Lebenserfahrung, die Vielzahl erlebter Momente und ihrer „Umwandlung“ in beinahe zahllose Erinnerungen führt zu einer ganz besonderen Qualität, das Hier und Jetzt wahrzunehmen.

Mit dem Alter wächst das Potenzial, Momente bewusster und dennoch emotional viel intensiver wahrzunehmen. Weil man manchmal sehr genau weiß, was die Schönheit dieses Momentes ausmacht, weil man weiß, wie wertvoll genau diese Gefühle sind, die der Moment erzeugt. Dann lässt sich auch viel leichter loslassen, und man kann seinem Herzen sagen: Hey, jetzt ist der Moment, mach was draus!

Nach einem langen Weg

Wenn ich noch eine Generation weiter gehe, dann wird noch viel deutlicher, wie speziell das Umgehen mit den Momenten ist. Mein Vater, dessen achtzigsten Geburtstag wir dieses Jahr feiern werden, war Jahrzehnte lang Seemann. Immer wieder Wochen und Monate auf dem Meer, auf der Jagd nach dem Fisch, viel öfter Schiffsplanken unter den Füßen, als festen Boden. Er hat unglaublich viel erlebt und seine Spuren hinterlassen.

Jetzt, wo sein Alltag zwischen Arzt- und Familienterminen pendelt, sind es diese Erinnerungen, die ihn ausfüllen, mit denen er sich beschäftigt, die seinen Tagen einen motivierenden Sinn und ihm Kraft geben. Klar, wir Kinder kennen diese Geschichten meist schon und manchmal vergräbt er sich auch ein wenig in ihnen (sehr zum Leidwesen meiner Mutter). Aber es sind Erinnerungen an sein Leben, die aufrecht erhalten, was ihn ausmacht, die auch uns, seinen Kindern, immer wieder wichtige Dinge mit auf den Weg geben.

Und da ist noch etwas: Bis ins hohe Alter hat er mit uns jährlich einen Angelurlaub in Norwegen gemacht. Wenn wir dann auf dem Wasser waren, unter uns die Tiefen des Fjordes, um uns herum die Berge, dann war deutlich zu spüren, wie mein Vater diesen Moment förmlich in sich aufgesogen hat. Wie sich dieser Augenblick mit seinen Erinnerungen verband und wie sein altes Seemannsherz aufging.

Ich wünsche mir, dass ich in zwanzig Jahren auch solche Momente erleben werde. Aber da bin ich ganz zuversichtlich. Erinnerungen, die ich weiter tragen und die mich selbst auch tragen werden, sind schon genug da.

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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