„Wir wollen ja, aber können jetzt nicht“ – manchmal läuft unsere Partnerschaft nicht so, wie wir uns das wünschen. Wie uns ein bewusster Schritt in die Distanz am Ende wieder einander näher bringen kann. Semikolon statt Punkt.

Es funktioniert einfach nicht. Das hier, mit uns beiden. Du und ich, jetzt zusammen. Wir möchten uns so gerne halten und gleichzeitig nur noch loslassen. Es kostet Kraft. Wir sind müde. Unser Jetzt ist anstrengend geworden. Unser Miteinander nur noch ein Ping Pong aus verletzen und verletzt werden. Actio und Reactio. Immer mehr drehen wir uns im Kreis. Immer weniger nehmen wir Anteil am Leben des Anderen. Und wandern mit leisen Schritten in Richtung Rückzug. Unsere Verbindung? Die ist irgendwo unterwegs abhanden gekommen. Dabei mögen wir uns. Und wollen doch eigentlich nur eines: zusammen glücklich sein.
So in etwa könnte ein Monolog kurz vor dem Ende einer Beziehung aussehen. Zwischen Abbruch und Loslassen. Jahr für Jahr entscheiden sich unzählige Paare für getrennte Wege. Allein in 2014 wurden 166 200 Ehen geschieden. Eine Trennung ist immer eine Enttäuschung für beide Partner. Zurück bleiben Gefühle von Scheitern, zerbrochene Illusionen, häufig Verletzungen. Vielleicht auch Brandmarkungen für weitere Begegnungen. Dabei ließe sich eine Trennung als letzte Konsequenz in vielen Fällen vermeiden. Wenn jeder zunächst einmal wieder nach sich selbst schaut.

Getrennt zusammen sein

Die Beziehungspause ist eine bewusste Auszeit vom Alltag innerhalb der Partnerschaft. Dabei sieht sich das Paar für einen bestimmten Zeitraum nicht und nimmt auch keinen Kontakt zueinander auf. Dadurch gewinnen beide Partner Abstand von belastenden Faktoren, Entscheidungsdruck und dem dringenden Bedarf, jetzt sofort eine Lösung parat zu haben, wodurch die gemeinsame Zeit zuletzt belastet wurde. Eine Trennung auf Zeit gibt den nötigen Raum, um in Ruhe über die Beziehung und die eigenen Gefühle für den Partner nachzudenken. Und um sich klar zu werden, ob man ihn vermisst oder besser ohne ihn leben möchte. Eine Pause ist kein Ende einer Beziehung. Sie ist vielmehr eine bewusste Entscheidung in die vorübergehende Distanz, eine beschränkte Zeit des Alleinseins, bei der sich beide Partner aber noch zusammengehörig fühlen und sich treu bleiben.

Nähe und Distanz

Die Verantwortung für sein Leben trägt in erster Linie jeder für sich selbst. Im Beziehungsalltag geht diese Ansicht allerdings häufig unter. Stecken wir in einer persönlichen Umbruchphase oder haben wir viel mit uns selbst zu tun, beschäftigen wir unbewusst auch unseren Partner damit. Eine berufliche Neuorientierung, das Aufrollen der eigenen Vergangenheit, unabgeschlossene Kapitel oder innere Konflikte – der Mensch, der uns emotional am nächsten steht, wird damit zum Blitzableiter unserer Gefühle und zum Rezipient unserer Probleme. Und das, obwohl er nicht immer etwas damit zu tun hat. Gegenseitige Anteilnahme? Auch eine Frage des richtigen Maßes. Wir stehen in Konfrontation mit uns selbst. Gleichzeitig belasten wir unsere Beziehung mit Themen, die eigentlich nur unter ein Dach gehören: unter unser eigenes. Der Anspruch, unseren Partner an all unseren inneren Prozessen teilhaben zu lassen oder selbst immer involviert zu sein, ist ambitioniert. Gegenseitige Teilhabe am Leben des Anderen gibt unserer Beziehung ein Gefühl von Tiefe und Verbundenheit, kann an manchen Stellen aber auch unnötig Schwere erzeugen. „Du bist mir wichtig, also ziehe ich mich nun ein wenig zurück“ – Beziehungen sind immer auch ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz. Wenn Zusammensein jetzt gerade nicht funktioniert, weil an anderen Baustellen gearbeitet werden muss, kann die Entscheidung für ein temporäres Alleinsein ein Paar am Ende wieder mehr zusammenrücken, als ein zwanghafter Anspruch, in allen Lebenslagen perfekt miteinander funktionieren zu müssen.

Abstand als Chance

„Aber es war doch so schön, am Anfang“ – Haben sich destruktive Verhaltensmuster zwischen zwei Menschen eingeschlichen und in der Beziehung verfestigt, zeigt sich die Ursache meist erst mit ein wenig Abstand. Gab es einen konkreten Auslöser für die Kehrtwendung oder wurde fortgeführt, was bereits zu Beginn der Beziehung da war und nicht wahrgenommen wurde?
Eine Auszeit kann Raum und Zeit schaffen, das eigene Verhalten zu reflektieren und um sich bewusst zu machen, welchen Anteil jeder an der Situation trägt. Dabei kann ich mir auch noch einmal vor Augen führen, mit welcher Absicht ich diese Verbindung eingegangen bin und ob ich bereit bin, den gemeinsamen Weg fortzuführen. Kann ich meinen Partner so annehmen, wie er ist, oder verfalle ich dem Anspruch, ihn erst zu etwas zu machen? Erkenne ich meinen Partner oder versuche ich in ihm etwas zu sehen, das er nicht sein kann? Fragen, die man sich in dieser Zeit stellen kann. Sehen und erkennen – ein Partner ist immer auch ein Spiegel unserer Selbst.

Wozu Beziehung?

In einer Gesellschaft, wo grundsätzlich jede Frau ohne Mann und jeder Mann ohne Frau auskommen kann, stellt sich die Frage nach dem „Warum“ einer Beziehung. Menschen verlieben sich einfach, ohne bewusste Absicht. Je nach Konstellation führt das zu mehr oder weniger langen Verbindungen. Nur wenige machen sich grundlegende Gedanken über den Sinn einer Partnerschaft. Solange, bis eine Ansammlung an enttäuschenden Beziehungserfahrungen sie verbittert resignieren lässt oder sie förmlich aufwachen und im wahrsten Sinne des Wortes zu sich kommen. Der Bewusstseinscoach Frank Schaehfer erforscht seit über 25 Jahren das Potential von Menschen und begleitet diese durch unterschiedliche Lebensphasen: „Eine Beziehung mit Perspektive für langfristiges Wachstum braucht eine geklärte, beidseitig passende und freiwillige Absicht. Sie ist mehr als eine unbewusst zustande gekommene Bedürfnisbefriedigung. Sie braucht Liebesabsicht. Und die Liebe hat ja eingeladen.“

Liebe, Kind der Freiheit

Oft fühlen wir uns zu Menschen hingezogen, die etwas haben, das wir uns erst in unser Leben holen wollen. Wir erhoffen uns schlicht eine Bedürfnisbefriedigung. Grundsätzlich aber ist jeder für seine Vollkommenheit selbst verantwortlich. Wer die Erfüllung seiner Wünsche auf sein Gegenüber projiziert, übergibt automatisch eine Bringschuld und raubt der Liebe damit das, was sie am meisten braucht: Raum, um zu wachsen. Beziehungen sind damit nicht selten eine Reaktion auf ein bewusstes oder unbewusstes „haben wollen“, das erfüllt werden möchte. „Neben überschwänglichen Gefühlen tritt ein stillschweigender Handel ein, bei dem jeder etwas bekommt, das ihm zu fehlen scheint. Das funktioniert so lange, bis ein Ungleichgewicht spürbar wird. Reibereien tauchen auf, wenn einer von beiden mehr oder weniger haben oder geben möchte“, sagt Frank Schaehfer. Dann wird über Nähe und Distanz, über Geben und Nehmen diskutiert.

„Ich brauche dich nicht, aber ich will dich“ – eine bereichernde Beziehung setzt voraus, dass sich beide Partner bereits als ganz und vollständig betrachten. Eine Auszeit kann auch dazu dienen, sich über die eigenen Vorstellungen von Liebe einmal mehr Gedanken zu machen als bisher. Ja, vielleicht auch, um Liebe erst einmal für sich selbst zu erkennen und zu definieren. Weil sie kein messbares Gut ist, nichts will und alles hat, was sie braucht, gilt es hier ehrlich mit sich selbst zu sein. „Ich möchte lieben und geliebt werden“ – aber habe ich denn auch ein Bild vor Augen und bin ich bereit für den Schritt nach vorn? <

SABRINA LIEB

Dieser Text stammt aus dem Auszeit-Magazin

Über den Autor

Profilbild von Sabrina Lieb

Sabrina Lieb wurde 1984 in Reutlingen geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Streifzügen durch den Journalismus und mehreren Jahre in der Unternehmenskommunikation ist sie heute als freie Autorin und Fotografin tätig. Wo Worte versagen, lässt sie Bilder sprechen. Seit 2016 auch regelmäßig für die Auszeit.

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