Sie lieben sie die meiste Zeit. Doch hin und wieder können Sie sie nicht ausstehen. Aber am Ende ist Familie eben Familie.

Ich habe es nie gern zugegeben, aber ich bin genau wie mein Vater. Wir sind beide risikofreudig, leidenschaftlich und abenteuerlich, lustig und witzig. Das ist positiv. Es gibt jedoch auch negative Muster, wenn man sich die andere Seite der Münze anschaut. Wir haben beide die Fähigkeit, schnell wütend zu werden, ziehen uns dann zurück und sind süchtig nach Drama; wir beide versuchen, es allen recht zu machen und verschmähen andere wegen ihrer Unsicherheiten.

War es Zufall, dass Sie in Ihre Familie geboren wurden?

Ich neigte dazu, mein bissiges Verhalten durch die Ähnlichkeit mit meinem Vater zu entschuldigen, sei es bei der Arbeit, bei Freunden oder in anderen sozialen Umgebungen. „Es sind meine Erziehung und die Gene“ war meine Entschuldigung, die ich mir vorhielt. Genau das ist es nämlich – eine Entschuldigung. Bei näherer Selbstreflexion fand ich mich immer wütender und wütender darüber, dass ich wie mein Vater war und immer mehr wie er wurde. Obwohl er ein toller Kerl ist, würde ich in einem frustrierenden Moment oder wenn ich meine Beherrschung verlor, automatisch ihm die Schuld geben. Ich zeigte keinerlei Bereitschaft dafür, Verantwortung für meine Überzeugungen und Handlungen, oder die Entscheidungen zu übernehmen, die mich überhaupt erst in meinen Zustand gebracht haben.

Dadurch wurde meine Wut nur noch größer, weil ich begann, mich auch über mich selbst zu ärgern. Ich liebte mich nicht als ein „Ganzes“. Ich wollte nur die positiven Sachen sehen, aber das wurde immer schwieriger, solange ich die Schatten nicht als einen Teil dessen, der ich bin, anerkennen, verstehen und verarbeiten wollte. Diese Vernachlässigung behinderte meine Fähigkeit, die positiveren Aspekte meines Charakters zu genießen. Aus meiner Sicht weckte mein Vater mich auf, und machte mir klar, meine Wut anerkennen zu müssen. Er half mir dabei zu erkennen, wie mir diese Wut von Nutzen sein konnte. Der entscheidende Moment geschah in einem Supermarkt, als ein Angestellter mir auf eine Frage mit einem Kommentar antwortete, durch welchen ich mir blöd vorkam, überhaupt erst gefragt zu haben. Nun, so habe ich es damals zumindest interpretiert. Ich hatte die Zeichen nicht gelesen, wie die Selbstbedienungskassen zu benutzen sind, und der Angestellte erinnerte mich in einem herablassenden Ton daran, die Tafel zu meiner Rechten zu lesen.

Das war genug für mich, um auszuflippen. „Was zur Hölle haben Sie mir gerade gesagt?“, raunzte ich ihn an. Ich ging von null auf tausend in einem Augenblick und schrie wie eine verrückte Person herum. Ich konnte fühlen, wie mein Kopf kochte. Plötzlich rief mich ein Bekannter auf dem Handy an. Ich verlies den Laden, während die Augen des Angestellten mir mit einem Blick aus Verlegenheit und Staunen folgten.

Den selbst erschafften Teufelskreis durchbrechen

Ich nahm den Anruf an und sagte unterbewusst zu mir selbst: „Kein Problem, nur ein kleiner Ausraster. Liegt an meinem Vater.“ Wieder einmal weigerte ich mich zu akzeptieren, dass ich es war, der sich so benommen hat. Ich neigte dazu, mich auf meine entspannte Natur als Persönlichkeit zu konzentrieren, also das Positive zu betonen. Dabei ignorierte ich das Negative jedoch völlig. Die Idee, dass ich mit meinen Worten und meinem Verhalten in einem Teufelskreis steckte, vernachlässigte ich ebenso. Es erinnerte mich zu viel an meinen Vater und wie ich es nicht mochte, als er mich mitten in einem Satz unterbrach oder sich unaufhörlich weigerte, die Dinge aus meiner Perspektive zu sehen. Es war seine Schuld, dass dies ein allzu vertrautes Ereignis war und zu meiner Standardentschuldigung wurde.

Zum Glück war mein damaliger Freund am Telefon auch ein Berater, so dass er mich daran erinnerte, dass es an der Zeit war, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Mein Freund sagte zu mir: „Wenn dein Vater die ständige Konzentration deines Ärgers ist, was will er damit in Ihnen aufwecken? Kannst du sehen, dass er dich unbewusst beschwört, einen Teil von dir selbst zu erforschen, der dringend Aufmerksamkeit braucht? „, fragte er mich. Es ist schwer sich selbst im Spiegel zu betrachten, wenn es einen Aspekt Ihrer Persönlichkeit gibt, den Sie leugnen. Aber um meinen Zorn zu verstehen, musste ich mich mit ihm vertraut machen und Verantwortung übernehmen. Durch das bewusste Anerkennen der positiven Seite meiner wütenden Ausbrüche konnte ich aufhören, mich selbst zu verurteilen, und endlich den Ärger über meinen Vater loswerden, der mich so lange beeinflusst hat.

Aus Schwächen Stärken machen

Zu Hause setzte ich mich mit einem Stift und Papier hin, und notierte jeden wie auch immer gearteten Vorteil, den ich aus meinen Wutausbrüchen ziehen konnte. Einige Vorteile waren:

Wut hilft mir dabei, Maßnahmen zu ergreifen und aktiv zu werden. Das innere Feuer motiviert mich, dem nach zu gehen, was ich mir wirklich wünsche. Sie hilft mir, einen Tunnelblick zu entwickeln und alles oder jeden zu blockieren, was ich als Ablenkung von meinen Zielen empfinde. Sie gibt mir die Gelegenheit, meine Schattenseite zu akzeptieren. Ich brauche meine Wut nicht zu bekämpfen; Ich muss sie nur verstehen und achtsamer dafür werden, wie ich sie zu meinem Vorteil verwenden kann. Dies führt zu der Praxis, mich so zu akzeptieren, wie ich bin.

Als ich diese Übung beendet hatte, die schnell knapp zwei Din-A4 Seiten ausfüllte, fühlte ich, wie sich ein gewaltiges Gewicht von mir gelöst hatte. Je mehr Selbstbewusstsein ich bekam, desto weniger sprudelte mein Zorn an die Oberfläche. Ich glaube, dass kam, weil ich mich selbst vom Haken gelassen habe. Ich habe mir verziehen, dass ich wütend bin, und habe meinem Vater dafür verziehen, wie er war. Das an sich war schon ein riesiges Gewicht, um meine Brust zu heben. Das neu gewonnene Verständnis machte mich ruhiger und erlaubte mir, mich mehr auf die ruhigeren Aspekte meiner Persönlichkeit zu fokussieren. Dies ist es, so glaube ich zumindest, wozu mein Vater mich „aufwecken“ wollte.
Ich sage es noch einmal: Denken Sie, es ist ein Zufall, in welche Familie Sie geboren wurden? Denken Sie darüber nach. Angesichts der Dauer die wir mit unseren Familien zusammen sind, während wir aufwachsen, ist es keine Überraschung, dass bestimmte Familienmitglieder einfach genau wissen, welche Knöpfe sie bei uns drücken müssen.

Es gibt keine Zufälle, nur Herausforderungen

Warum drücken sie unsere Knöpfe? Um uns dabei zu helfen herauszufinden, was wir in diesem Leben verbessern sollen. Einfach ausgedrückt, um uns beim wachsen zu helfen. Sie sind unsere Lehrer, die uns helfen, Teile von uns zu beachten, die Aufmerksamkeit, Verständnis und in einigen Fällen Heilung benötigen. Wenn die falschen Knöpfe gedrückt werden, ist die Idee dahinter, uns zu ermächtigen, einen genaueren Blick auf uns selbst zu werfen und zu wachsen. Was wollen uns diese Knopfdrücker denn beibringen? Warum reagieren wir so, wie wir es tun? Welcher schmerzenden Punkt berühren sie? Sind wir bereit, dies zuzugeben und selbst in Frage zu stellen? Sind wir bereit, es auch mal nicht so persönlich zu nehmen? Ich glaube, dass es keine Unfälle gibt. Ich glaube, dass unsere Geburt in unseren einzelnen Familien nicht zufällig ist. Selbst wenn Sie diesen Glauben nicht teilen, können Sie immer noch wählen, Ihre herausfordernden Beziehungen als Chancen für Wachstum zu sehen. Ermächtigen Sie sich selbst, anstatt sich zum Opfer zu machen.
Die Einladung zum Wachstum kann uns helfen, empathischer, liebevoller, selbstbewusster und vertrauensvoller zu werden; außerdem werden wir weniger eifersüchtig, neidisch, unkooperativ, wütend und ungeduldig.

Sie denken sich jetzt vielleicht: „Nun, meine Mutter schikaniert mich“ oder „Mein Bruder hat mich missbraucht.“ Das mag alles wahr sein oder zutreffen, doch es lässt eine Sache außer Betracht, nämlich was wir über verletzte Menschen wissen. Sie verletzen andere. Versetzen Sie sich in die Schuhe des Angreifers. Stellen Sie sich vor, wie sehr diese Person verletzt wurde oder was für eine Krankheit sie in ihrem Körper hat. Sie haben keine Ahnung, wie es ist, in ihren Schuhen zu stecken. Das gibt diesen Personen zwar auch keinen Blankoschein für jegliche Verhaltensexzesse. Aber es gibt Ihnen die Möglichkeit, stärker und selbstbewusster zu werden, und sich ein tieferes Verständnis Ihrer eigenen Authentizität zu erschließen. Vielleicht ist der Familientyrann der Familie ja dazu da, Sie dazu zu bringen, endlich an sich selbst zu glauben. Ich könnte noch eine Million weiterer Beispiele für Familienbeziehungen gehen, aber der Punkt, den ich mache möchte ist, dass Ihre Familie dazu da ist, Ihnen bei Ihrem persönlichen Wachstum zu helfen. Wir können nur darauf  achten, was jeder von ihnen uns beibringen möchte.

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