Viele Phrasen verlassen tagein, tagaus unsere Lippen und beeinflussen ganz unbemerkt unser Leben. Dabei verhindern sie nicht nur, dass wir uns selbst bewusst wahrnehmen, sondern stehen auch der Erfüllung unserer Bedürfnisse im Weg.

Gestern am Telefon: „Ich sehe das genauso wie du, aber eigentlich muss ich das tun und vielleicht finde ich ja noch eine Alternative für mein Problem.“ Ein verstecktes „Nein“, ein unsicheres „Vielleicht“, ein vages „Eigentlich“, ein einschränkendes „Müssen“, ein offenes Hintertürchen und – wie so häufig – der Fokus auf ein Problem. Ich beende mein Telefonat mit einer Freundin und falle unbefriedigt in meinen Sessel zurück. Schon wieder nicht deutlich gesagt, was ich gemeint habe. Schon wieder die Botschaft zwischen den Zeilen schwingen lassen, anstatt sie direkt auszusprechen. Schon wieder vermeintlich der Meinung eines Gegenübers zugestimmt und doch etwas anderes gedacht. Mich mittlerweile zum unzähligen Male für ein offenes Hintertürchen entschieden, statt endlich eine Entscheidung zu treffen.

Und wieder einmal hat ein „Wischiwaschi“ meinen Kommunikationskanal verlassen, statt klar zu adressieren, was ich denke, fühle und was da in meinem Kopf so vor sich geht. Und obwohl ich von mir behaupten mag, ganz genau zu wissen, was ich fühle und denke, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich im Kontakt mit meinen Mitmenschen Informationen zurückhalte, galant um den heißen Brei rede, mich mit besänftigenden Phrasen durchs Gespräch schummle und mich in weiche Worthülsen schmiege, die zwar meinen Gegenüber für einen kurzen Moment in Schach halten werden. Aber mindestens einer wird sich gewiss gleich noch einmal melden. „Verarschen kannste dich selber“, tönt die Stimme aus dem Off. Und da war er wieder. Mein Bauch.

Punkt statt Schnörkel

Wie oft uns eigentlich etwas auf der Zunge liegt, das wir dann aber doch nicht aussprechen. Und da waren sie wieder. Dieses nutzlose „Eigentlich“ und das verfluchte „Aber“. In unserem Alltag zeichnen wir unzählige Schnörkel um unsere Sprache. Schwer hingegen fällt es uns, die Dinge wirklich zu benennen. Gerade wenn es darum geht, unsere Meinung zu äußern und uns für unsere Bedürfnisse stark zu machen, drehen wir lieber noch einmal ein paar Extrarunden mehr, bevor wir wirklich auf den Punkt kommen. Das klingt zwar weicher, bringt aber in der Regel wenig: Der unreflektierte Gebrauch unserer Worte baut eine Mauer, die die direkte Kommunikation mit unseren Mitmenschen blockiert. Mit der verschleiernden Funktion indirekter Worte nehmen wir uns selbst nicht bewusst wahr, erzeugen Missverständnisse und Konflikte, werden nicht gehört und nicht richtig verstanden und schaffen letztendlich Räume der Interpretation anstelle des Verständnisses.

Unser Aber-Glaube

Kaum ein anderes Wort wird in unserer Gesellschaft so sorgsam gepflegt und regelmäßig formuliert wie unser „aber“. Werfen wir also mal einen Blick auf dieses kleine, entscheidende Wörtchen mit großer Wirkung: „Ich würde ja gerne, aber…“, „Mir geht es gut, aber…“, „Ich verstehe dich, aber…“, „Ich will dich nicht verletzen, aber…“ Na, ertappt? Unser Aber-Glaube hat sich längst als regelmäßiger Gast in unseren Sprachschatz eingenistet. Wir sind so eifrig dabei, ein „Aber“ zu glauben, dass wir den wesentlichen Dingen unserer Aussage immer weniger Raum geben. Wir wissen: Unser Glaube an etwas folgt der inneren Überzeugung, ein Ziel erreichen zu können. Unser Aber- Glaube hingegen setzt uns als destruktives Pendant ein unüberwindbares Hindernis vor die Nase. Alles, was dem „Aber“ folgt, fügt unserer vorangehenden Aussage nicht mehr Wahrheit hinzu, sondern radiert sie aus. Oder, um es in anderen Worten zu sagen, alles, was vor dem „Aber“ steht, ist eine umschmeichelte Lüge.

Das gefühlte „Aber“

Man mag nun meinen, dass das Wörtchen „aber“ unserem Glauben oder Denken entspringt. Vielmehr sitzt die Quelle in unserem Gefühl. Wer „aber“ verwendet, dem fehlt etwas. Was dabei fehlt, ist jedoch nicht das, was wir verbal nachliefern, sondern die bewusste Wahrnehmung dessen, was vor dem „Aber“ steht. „Ich will ja, aber ich kann gerade nicht“ – wie sehr will ich denn wirklich? Oder entspricht mein Wollen dann doch mehr einer Wunschvorstellung, die es leider nicht in die Realität geschafft hat? Kein noch so aussagekräftiges Aber-Argument kann bewahrheiten, was wir nicht bewusst wahrnehmen, weil unser Verstand unser Bewusstsein nicht ersetzen kann.

Während unser Denken unsere intellektuelle Intelligenz in Bewegung setzt, aktiviert unser Bewusstsein unsere emotionale. Unser Bauch lässt uns meist vorurteilsfrei wahrnehmen, was wir fühlen, uns wünschen oder brauchen. Unser kopfgesteuerter Verstand hingegen liefert uns Argumente, warum etwas nicht funktionieren kann, zieht Vergleiche, zeichnet Ausreden, sieht Hindernisse und steuert unser Boot mit Sicherheit nicht in jene Richtung, in die wir wollen. Oft glauben wir, dass wir mit unserem Denken schneller und leichter an unser Ziel kommen. Doch besser ist lediglich unsere Gewohnheit zu denken. Der laute, trainierte Kopf unterdrückt das leise Fühlen. Was auf der Strecke bleibt, ist unser gegenwärtiges Empfinden. In unseren Aber-Momenten sind wir ausschließlich damit beschäftigt, einen Teil zu bekämpfen: Unser eigenes Empfinden oder die Meinung eines anderen.

Die „Aber“-Blockade

Unsere Sprache ist der Zugang zu unserem Bewusstsein, unser Bewusstsein bestimmt unser Sein. Dabei kann schon eine kleine Instanz, ein einzelnes Wort wie „aber“, eine starke unbewusste Wirkung auf uns und andere ausüben. Es wäre ein gewinnbringender Akt, dies nun einfach abzustellen und unsere Worte in Zukunft achtsamer zu wählen, wäre da nicht die altbekannte Gewohnheit. Mit unserer Sprache verhält es sich nicht anders als mit anderen Verhaltensmustern: Sie wurde akribisch über Jahre hinweg einstudiert. Wege, die wir in unserem Kopf zu einer breiten Autobahn ausgebaut haben, lassen sich nicht so einfach verlassen.

„Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung“, sagt dazu der Volksmund. Je mehr wir also unsere Worte auf ihre wirkliche Aussage hin überprüfen, umso mehr werden wir unseren Blick für uns selbst schärfen können. Verwenden wir beispielsweise häufig „aber“, lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen, wie klar wir in uns selbst sind. Entspricht das, was ich sage, wirklich meiner inneren Überzeugung? Das Wort „aber“ ist ein sehr mächtiges Wort. Perfektionisten beispielsweise verwenden es mit Vorliebe, weil es Positives in Frage stellt.

Heute mal A wie anders

Wer „aber“ sagt, liefert sich selbst zwar keine befriedigenden Ergebnisse aber immerhin Entschuldigungen, warum er etwas tut. Oder eben auch nicht. Manchmal sind diese vier Buchstaben auch ein kleiner versteckter Hinweis darauf, mit sich selbst nicht ganz ehrlich zu sein. Wie würde es sich also anfühlen, wenn wir einen Tag lang komplett auf unsere Aber-Nachsätze verzichten würden? „Ich möchte das machen.“ – Wie fühlt es sich an, unserem Gesagten einmal den nötigen Raum zu geben, um nachzuspüren ob das, was wir sagen, auch wirklich so für uns stimmt? Wie mag es sein, einmal die Stille auszuhalten, die sich nach unseren Worten breit macht und die bisher mit einem aber-Argument übertönt wurde?

Vielleicht werden wir merken, dass uns die nötige Pause danach viel mehr Antworten und Lösungen liefert als bisher. Vielleicht werden wir mit der Zeit erstaunt feststellen, dass wir endlich gehört und besser verstanden werden. Ja, vielleicht kann der Verzicht auf ein „Aber“ auch dazu führen, dass wir uns selbst besser erkennen. Welcher Weg fühlt sich besser an: geglaubte Zweifel, die unser Empfinden auslöschen oder Ehrlichkeit mit uns selbst? Und wem wollen wir ab heute mehr Aufmerksamkeit schenken? Dem Teil vor oder hinter dem Komma?

„Und“ statt „Aber“

Wir alle kennen das: Wir haben ein Ziel vor Augen, wenn es aber darum geht, den ersten Schritt zu gehen, stehen wir uns oft selbst im Weg. Ein Professor der renommierten US-amerikanischen Stanford Universität hatte einmal einen simplen Tipp für alle, die ihren Inneren Schweinehund überwinden wollen. Für eine Extraportion Motivation sollten diese aus seiner Sicht lediglich das Wort „aber“ aus ihrem Sprachschatz verbannen und durch „und“ ersetzen. Denn wer häufiger Letzteres verwendet, schickt sein Gehirn los, um einen Lösungsweg zu finden. Im Gegensatz zu „aber“, das mehr destruktiv als konstruktiv ist, beinhaltet „und“ die Annahme, dass es eine Lösung gibt! Das Gehirn denke dann automatisch darüber nach, wie es mit beiden Teilen des Satzes umgehen kann. Und meist findet sich dann tatsächlich eine Lösung.

 

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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