Warum ist es eigentlich so schwierig, den Zauber der ersten Monate einer Beziehung in eine dauerhaft glückliche Beziehung einzubringen? Der Psychologe und Freud-Schüler C.G. Jung sagte einst: „Die Begegnung zweier Persönlichkeiten ist wie der Kontakt zweier chemischer Substanzen: Wenn irgendeine Reaktion erfolgt, werden beide umgewandelt.“ Und diese beiden „neuen“ Persönlichkeiten versuchen nun aus ihrer Schmetterlingszeit eine glückliche Beziehung zu formen.
 
Jeder sagt es. Es heisst, Chemie ist ein Muss. Wir glauben es, weil es wie eine allgemeine Weisheit klingt. Doch warum sagen wir das? Zunächst wollen wir wissen, wass genau ist diese „Chemie“, und ist sie wirklich der beste Indikator für einen guten Partner?

Denn oft sind für uns gerade die Personen schädlich, mit denen man die meiste oder beste Chemie hat. Sie behandeln einen schlecht, kümmern sich nur um die eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle. Vielleicht wussten Sie es schon vom Tag Ihres Kennenlernens, als diese Person durch die Tür trat und Sie mit einem Lächeln von Ohr zu Ohr angrinste. Sie sagten schon damals zu sich selbst: „Diese Person wird mein Herz brechen.“ Obwohl Sie es vorhersehen konnten, und trotz der Behandlung durch diese Person, bleiben Sie dennoch ein paar Jahre mit ihr zusammen. Und natürlich bricht sie Ihnen bei der Trennung das Herz. Vielleicht haben Sie es nicht nur einmal getan, sondern öfter oder gar regelmäßig.

Wie gelingt eine glückliche Beziehung auf Dauer?

  • Warum bewerten Sie Ihre Gefühle für Ihren Partner und Ihren Wunsch, mit dieser Person zusammen zu sein, niedriger als Ihre eigene Vernunft, Ihre Sicherheit und Ihre Bedürfnisse?
  • Weshalb tun Sie es immer und immer wieder?
  • Warum bevorzugen wir Chemie gegenüber Fürsorge?

Was ist also Chemie? Eine anthropologische Sichtweise auf die Chemie beschreibt sie als eine Mischung aus Hormonen (Testosteron und Östrogen) und Neurotransmittern (Dopamin und Serotonin). Demnach gibt es vier verschiedene Persönlichkeitstypen, die jeweils aus unterschiedlichen Verhältnisse von Hormonen und Neurotransmittern bestehen.

Die vier Persönlichkeitstypen der anthropologischen Chemie

Der Entdecker ist definiert durch eine hohe Dopaminaktivität. Er ist abenteuerlich, ständig auf der Suche nach neuen Erfahrungen, und kreativ. Der Erbauer, mit hoher Serotonin-Aktivität, ist vorsichtig, konventionell und wenig risikofreudig. Der Direktor ist mit Testosteron vollgepumpt und daher aggressiv, zielstrebig und analytisch. Der Vermittler wird hauptsächlich durch Östrogen beeinflusst und ist einfühlsam, idealistisch, und denkt in großen Zusammenhängen. Aber, dieser biologischen Chemie liegt eine psychologische Chemie zugrunde; diese befiehlt und, jemanden zu suchen, um den Schaden zu heilen, der uns in unserer Kindheit zugefügt wurde. Bei dieser Art von Chemie kommen unsere wahren Probleme zum Vorschein.

Die meiste Zeit wissen wir nicht, dass wir diese elterliche Figur zu uns ziehen, in einem Streben, sie dazu zu bringen, es diesmal richtig zu machen, um dadurch unsere verwundeten Herzen zu besänftigen. Manchmal wissen wir es, aber wir fahren trotzdem fort.

Bei manchen Menschen wissen Sie es sofort. Sie spüren Ihre Vermeidungsstrategien und ihre emotionale Nichtverfügbarkeit. Ihre Intuition sagte Ihnen, sie sollen weglaufen, als sie diese Person trafen. Leider erzählten Ihnen Ihre Hormone, Ihre Seele und Ihr Herz etwas anderes, und Sie setzten das bekannte Muster von Liebe und Verachtung erneut fort. Nicht gerade die besten biologischen Voraussetzungen für eine glückliche Beziehung.

Also, ist es eine Alles oder Nichts Entscheidung?

Selten nehmen sich Menschen die Zeit um festzustellen, wie sie von ihrem Partner behandelt werden. Ebenso selten nehmen sie sich die Zeit, um das Verhalten und die Bereitschaft des Partners, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, zu beobachten. Sie lassen Chemie und Gefühle den gesunden Menschenverstand überschreiben. Damit soll nicht behauptet werden, diese Menschen wären selbst schuld an ihrem Schicksal, oder dass es schlechte Menschen wären.

Es gibt diese besondere Art von Menschen sehr oft. Sie haben alle die gleichen Eigenschaften. Sie sind freundlich, ehrlich, eigentlich gute Menschen. Doch sie scheinen sich einfach nicht um die Bedürfnisse anderer zu kümmern, zumindest nicht in dem Maße, wie sie es für ihre eigenen tun. Im Leben geht es immer um ihre Bedürfnisse und Wünsche, und die Partner sollen es einfach akzeptieren. Leider tun dies viele regelmäßig. Sie tun es so lange, wie sie können, bis sie schließlich irgendwann den Schlussstrich ziehen.

Dies ist jedoch keine gesunde Art, in einer Beziehung zu interagieren. Sie sind selbst dafür verantwortlich, dass Sie sich nicht dazu entschlossen haben, Ihre Gedanken und Bedürfnisse auszusprechen. Vielleicht waren Sie dankbar und glücklich, die spärlichen Krumen der Aufmerksamkeit Ihres Partners aufsammeln zu können. Und wenn Ihnen Ihr Partner sagte, dass er Sie liebt, war es für Sie genug. Doch das war es in Wirklichkeit natürlich nicht.

Hormone arbeiten gegen den Verstand

Chemie kann unseren gesunden Menschenverstand überschreiben, und sie kann uns dazu bringen, mit jemandem zusammen zu bleiben, der für uns nicht richtig ist oder uns nicht gut behandelt. Chemie kann die erstaunlichste Sache auf dem Planeten sein. Die stimmungsmäßigen Höhen, die Sie bewirken, sind erstaunlich. Leider gehören zu jedem Hoch auch Tiefs, und diese sind in ihrer Wirkung genauso extrem.

Sie werden irgendwann zu der Erkenntnis gelangen, dass Sie sich immer chemisch zu einer gewissen Art von Mensch hingezogen fühlen. Emotionale Ambivalenz fühlt sich zunächst sicher und normal an. Es fühlt sich an wie Liebe und es fühlt sich wie zu Hause an. Leider ist diese Art von Liebe für Erwachsene überhaupt nicht erfüllend, und Sie müssen herausfinden, wie Sie Ihr Gehirn neu verdrahten können.

Was macht die glückliche Beziehung aus?

Fast alle Dating-Experten behaupten die gleiche Sache: Beziehungen sind auf gegenseitigem Vertrauen aufgebaut, auf Intimität und auf der Bereitschaft jedes Partners, die Bedürfnisse des anderen zu erfüllen.

Für eine berühmte Studie wurden Paare zusammen in ein Zimmer gebeten; dort sollten Sie auf irgendeine Form miteinander interagieren. Die Studie beobachtete die Paare über mehrere Jahre. Das Ergebnis war die Erkenntnis, dass jeder Mensch sich seinem Partner zuwendet, um eine emotionale Verbindung herzustellen. Dieses Bedürfnis wird als emotionales Gebot bezeichnet.

Die Forscher fanden heraus, dass die Paare, die eine glückliche Beziehung führten und in ihrer Ehe blieben, die emotionalen Gebote ihres Partners zu achtzig Prozent erfüllten. Die Forscher identifizierten neun emotionale Gebote: 

1. Aufmerksamkeit
2. Interesse
3. Zuneigung
4. Tiefgründige Gespräche
5. Emotionale Unterstützung
6. Humor
7. Enthusiastisches Engagement
8. Spieltrieb
9. Selbstoffenbarung

Was hat dies mit persönlichem Fortschritt zu tun oder mit der Wahl eines Partners auf der Grundlage von Fürsorge statt Chemie? Es bedeutet, dass Sie die Gebote beobachten müssen. Sie haben keine Eile. Wählen Sie keinen Partner, nur weil Sie die Person so sehr mögen oder Sie eine gemeinsame Verbindung mit ihnen haben.

Wenn Sie versuchen eine Verbindung herzustellen, wie reagiert Ihr Partner darauf? Reagiert Ihr Partner auf Ihr Gebot oder kommt es zur Ablehnung? Es spielt keine Rolle, ob die Reaktion bewusst oder unbewusst erfolgt; worauf es ankommt ist die Art, wie Ihr Partner reagiert.

Natürlich ist es Ihre Verantwortung, Ihre Bedürfnisse und Wünsche mitzuteilen, und wenn Sie dies nicht tun, können Sie die Schuld nicht allein Ihrem Partner geben. Doch wenn Sie sie mitgeteilt haben, und Ihr Partner Ihre Gebote trotzdem nicht erfüllt oder beachtet, dann ist Ihre Beziehung wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.

Was sind Ihre Auswahlmöglichkeiten?

Es ist irrelevant, ob die Person, für die Sie sich entscheiden, das physische Aussehen, den Beruf, einen Sinn für Humor oder die Art von Persönlichkeit hat, zu der Sie sich hingezogen fühlen und die Sie begehren. Wenn diese Person Ihre Gebote für emotionale Verbindung nicht erfüllt, werden Sie sich am Ende miserabel fühlen und es wird nicht funktionieren.

Also, nehmen Sie sich Zeit, um zu notieren, was es ist, dass Sie in einem Partner suchen. Was sind Ihre nicht verhandelbaren Gebote? Dazu sollten natürlich nicht solche Dinge gehören wie die Größe, die Haarfarbe oder der Körpertyp eines potenziellen Partners.

Nicht verhandelbar sind dagegen Dinge wie Ehrlichkeit, Aufmerksamkeit für Ihre Bedürfnisse sowie die eigenen, Egoismus, Humor, Kommunikationsfähigkeit, ein Kinderwunsch etc. für eine dauerhafte, glückliche Beziehung.

Das Herz will, was es will

Dies ist eine grundlegende Liste einiger zu beachtender Dinge. Bevor Sie Zeit in neue Verabredungen investieren, müssen Sie Zeit in sich selbst investieren. Finden Sie heraus, was Sie brauchen und auf was Sie verzichten können. Notieren Sie drei bis fünf Ihrer nicht-verhandelbaren Gebote und halten Sie diese selbst gesteckten Vorgaben ein.

Niemand behauptet, dass es einfach sein wird, dies zu tun. Das Herz will, was es will, und die Chemie kann eine starke Kraft sein. Vielleicht ist es genau das, worüber wir alle nachdenken sollten, wenn wir das nächste Mal die Wahl zwischen Chemie und Fürsorge haben.

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