Es gibt Situationen im Leben, wo man schlagartig erlebt, wie wichtig eine Freundschaft ist und wie sie einen tragen kann. Aber was ist eigentlich eine „Freundschaft“ und was macht sie so besonders?

Nichts ist so kompliziert wie eine Frauenfreundschaft – oder etwa doch? Auch Männerfreundschaften beruhen auf Grundsätzen und Dynamiken, die gar nicht so leicht zu erklären sind. Geschweige denn Freundschaften zwischen den Geschlechtern. Warum freunden sich zwei Menschen überhaupt an? Warum bleiben manche jahrzehntelang eng befreundet, während aus anderen Bekanntschaften nie wirklich mehr wird? Und wieso halten manche Freundschaften aus, woran viele andere längst zerbrochen wären?

Freundschaft ist ein Grundgerüst der Menschheit, ein tiefes Bedürfnis eines jeden Menschen, denn jede Freundschaft ist eine einzigartige Beziehung, die uns etwas gibt, was wir aus keiner anderen zwischenmenschlichen Beziehung bekommen können.

Ganz bewusst

Viele Motive bewegen uns dazu, überhaupt Kontakt mit unseren Mitmenschen aufzunehmen, anstatt unser Leben allein in einer Höhle zu fristen – oder auf der Couch. Einige dieser Motive können sein:

  • nacktes Überleben (frühzeitliche Jäger wären allein schwächer gewesen als in der Gruppe)
  • Kommunikation und Gedankenaustausch
  • Gesellschaft
  • Arbeitsteilung entsprechend unserer individuellen Stärken
  • Rückhalt in schweren Zeiten
  • Liebe und Fortpflanzung
  • Zeitvertreib
  • individueller Nutzen

Nicht jedes dieser Motive führt gleich zu einer Freundschaft. Arbeitsteilung leben wir im beruflichen Alltag, ohne dass uns Freundschaft mit den Menschen verbindet, die unsere Stärken ergänzen und Schwächen ausgleichen. Liebe erfahren wir in unseren Familien, zur Erfüllung eines Kinderwunsches suchen wir einen Lebensgefährten. Bei Freundschaften geht es also eher um Gesellschaft, Gedankenaustausch und darum, füreinander da zu sein.

Freundschaften sind Kontakte, die wir selbst aussuchen und die wir wieder beenden können, wenn sie uns nicht gut tun. Deswegen heißt es auch oft: Freunde sind die Familie, die wir uns aussuchen. Denn sie geben uns ganz ähnliche Dinge wie die Familie, doch sie treten ganz bewusst und gewollt in unser Leben.

Drei Säulen der Freundschaft

Der griechische Philosoph Aristoteles machte sich viele Gedanken um Freundschaft, die auch heute noch Gültigkeit besitzen. Er kannte drei Arten der Freundschaft, die sich alle auf drei Säulen stützen. Ohne diese kann es zwischen zwei Menschen keine Freundschaft geben: Gegenliebe, Wohlwollen und Gesinnung.

Freunde mögen sich. Wer sich nicht riechen kann, wird kaum eine Freundschaft beginnen. Ob Freunde nun wirklich einander als Menschen lieben, unabhängig von Vorteilen, die sie sich durch einander erhoffen, oder ob sie etwas lieben, was sie durch diese Freundschaft bekommen, steht dagegen auf einem ganz anderen Blatt. Außerdem stehen sich Freunde wohlwollend gegenüber, sie wollen sich also nicht gegenseitig schaden und gönnen einander gegenseitig das Glück.

Zuletzt muss laut Aristoteles diese Gesinnung beidseitig bekannt sein. Es bringt nichts, aus der Ferne die neue Kollegin nett zu finden, ihr das aber nicht zu zeigen. Denn wie soll sie so darauf kommen, dass daraus eine Freundschaft entstehen könnte?

Arten der Freundschaft

Aristoteles hat drei Arten der Freundschaft erkannt, die genau wie seine drei Säulen auch heute auf viele Freundschaften zutreffen. Die beiden Typen, von denen jeder von uns sicherlich einige hat, sind Nutzen- und Lust-Freundschaften. Eine Nutzen-Freundschaft ist zwar echt, denn die beiden Freunde mögen sich aufrichtig und wollen nur das Beste für ihren Freund. Genau deswegen sind sie aber auch befreundet, sie wollen diesen Nutzen. Lust-Freundschaften erfreuen sich an dem guten Gefühl, das eine Freundschaft gibt. Da ist ein Mensch, der uns mag, und das gibt ein tolles Lebensgefühl. Auch das ist natürlich nicht verkehrt.

„Eine vollkommene Freundschaft ist selbstlos. Sie entsteht aber nicht über Nacht, sondern braucht Zeit, in der man einander kennenlernt.“

Und dann gibt es da noch die vollkommene Freundschaft. Es kann durchaus sein, dass sie einen Nutzen bringt oder Spaß macht, doch das Leitmotiv ist hier, dass beide miteinander befreundet sein wollen, weil sie das Wesen des Freundes schätzen. Es geht nicht um die Befriedigung persönlicher Bedürfnisse, sondern darum, dass wir mit diesem tollen Menschen befreundet sein möchten, ihn um uns haben wollen, weil er ist, wie er ist. Dass gute Freunde einander helfen, füreinander da sind und Rückhalt bieten, ist selbstverständlich, aber auch nur Nebensache. Eine solche Freundschaft ist selbstlos. Sie entsteht aber nicht über Nacht, sondern braucht Zeit.

Eine Frage der Zeit

Aristoteles ist zwar schon lange nicht mehr hier, hat das Prinzip der Freundschaft aber so gut durchschaut, dass seine Gedanken auch heute noch Stoff zum Nachdenken liefern. Oft ist es so, dass wir mit jemandem anbandeln, der deswegen nicht gleich der neue beste Freund wird, sondern erst einmal eine Bekanntschaft. Dahinter steht ein Nutzen oder ein Lustmotiv. Wir wollen nicht alleine shoppen gehen, wollen beide den gleichen Film im Kino sehen oder sind gerade beide frisch getrennt.

Sympathie ist natürlich wichtig, aber im ersten Moment sind wir mit diesem Menschen zusammen, weil uns die aufkeimende Freundschaft einen Anlass dazu liefert. Freundschaft zweiter Klasse ist das nicht. Viel eher ist es einfach nur menschlich. Wenn der Zweck erfüllt ist, können solche Freundschaften wieder auseinander gehen. Auch das ist nichts Schlechtes, sondern gehört zum Leben dazu. Vielleicht stellen wir aber auch fest, dass dieser Menschen eine ganz tolle Person ist. Dann kann die Reise weitergehen.

Tiefgang

Menschen setzen persönliche Grenzen und eine davon besteht darin, noch fremden Leuten zunächst nicht allzu viel zu erzählen. Wir kundschaften zuerst aus, was und wie viel dieser neue Mensch verträgt und was die neue Beziehung überhaupt aushält. Jede Freundschaft zwischen zwei Menschen entwickelt früher oder später Tiefgang, manche mehr als andere.

Mit den besten Freunden teilen wir Gedanken, Gefühle und Erfahrungen, die sehr intim sind und keine Grenzen mehr kennen. Dieser offene Austausch ist lebenswichtig für uns und wir brauchen das, um zu verarbeiten, was wir erleben. Doch nicht jede Freundschaft wird sich so entwickeln und auch das ist gut so. Es wird Freundschaften mit weniger Tiefgang geben, in denen solche Gespräche keinen Platz haben.

Freundschaften erhalten

Eine Freundschaft zwischen zwei Menschen ist ein dynamisches Konstrukt und unterliegt Veränderungen. Alleine deswegen, weil sie sich stetig weiterentwickelt, ohne dass dafür erst etwas passieren muss, muss man mit Veränderung rechnen. Neuerungen im Leben der Freunde, Veränderungen der Persönlichkeit oder der individuellen Ansprüche an eine Freundschaft bringen weitere Hürden mit sich.

So manche Freundschaft wird nicht ewig halten, und das kann viele Gründe haben. Zieht beispielsweise einer weit weg, dann bleibt man zwar bestimmt in Kontakt, kann sich aber nicht mehr regelmäßig sehen. Die Freundschaft kann dann dieses Bedürfnis nicht mehr stillen und sie wird mit der Zeit weniger wichtig – auch wenn sich beide Freunde trotzdem sehr freuen können, wenn sie sich wiedersehen.

„Mit den besten Freunden teilen wir Gedanken, Gefühle und Erfahrungen, die sehr intim sind und keine Grenzen mehr kennen.“

Eine Freundschaft lebt also davon, dass man aktiv Kontakt miteinander pflegt, füreinander da ist und gemeinsam Erlebnisse und Erfahrungen schaffen kann. Sie lebt aber auch davon, dass sich beide Freunde gegenseitig verstehen. Ein gutes Gespräch mit jemandem, der immer anderer Meinung ist und grundsätzlich eine andere Lebenseinstellung hat, ist schwierig und unbefriedigend, kann aber auch inspirieren.Auch Werte wie Ehrlichkeit sind in einer Freundschaft wichtig, da sie oftmals die Basis für eine lange und erfüllende Freundschaft sind.

Wenn es endet

Freunde können sich aus den Augen verlieren, wenn beispielsweise räumliche Distanz entsteht. Man sieht sich seltener, hat weniger Gelegenheit für gemeinsame Erlebnisse. Zwar kann man sich übers Internet heute besser präsent halten als früher, doch auch diese Möglichkeiten ersetzen gemeinsame Kino-Abende, Shopping-Touren oder das spontane Treffen auf ein Glas Wein nach der Arbeit nicht. Vielleicht sind auch andere Freunde wichtiger geworden, eine neue Liebe ist auf die Bildfläche getreten oder die gemeinsamen Interessen haben sich verlagert, sodass weniger Zeit bleibt oder keine so starke gemeinsame Basis mehr wie früher gegeben ist.

Manche Freundschaften haben sich auch nur deswegen bilden können, da beide gerade dasselbe durchmachen und jemanden brauchten, der sie versteht. Es kann, muss aber nicht weitergehen mit der „Zweckfreundschaft“. Das muss nichts Schlechtes sein, ein Trennungsfreund ist eine wertvolle Bereicherung im Leben für diese Phase und vielleicht stellt sich dabei heraus, dass die Basis für eine Freundschaft ohne einen konkreten Zweck gegeben ist.

Freundschaften können aber auch aus anderen Gründen als denen enden, dass sie schlichtweg ihr „Ablaufdatum“ erreicht haben. Streit, verlorenes Vertrauen, eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit oder Verhaltensweisen und Lebensentscheidungen können das Ende einer noch so guten Freundschaft einleiten. Denn letztlich ist es ähnlich wie mit Liebesbeziehungen, denen man nachsagt, dass sich dabei eine Seele auf zwei Körper aufgeteilt hat: Sie halten viel aus, aber je nach Persönlichkeit der beiden Menschen auch nicht zwangsläufig alles.

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für dich bereithält.

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