Die Entdeckung der Freundschaft ist die Entdeckung der Zuneigung zu einem Menschen außerhalb der Familie. Treueschwüre und Trennungsschmerz, Anker und Flügel: Freunde teilen viel. Dieses Band zu knüpfen ist ein großes Abenteuer, sein Gelingen ein Balanceakt.

Vor etwa einem Jahr trafen sich in ihrem Heimatdorf in der Oberlausitz drei Mädchen wieder, die mittlerweile Frauen geworden waren. Mit sehr unterschiedlichen Lebensweisen und Berufen, örtlich weit entfernt von dem Dorf, in dem sie alle auf die Grundschule gegangen waren. Sie hatten dort schreiben, rechnen und lesen gelernt, waren im Sommer zusammen ins Freibad geradelt. Das erste Dorffest, die ersten Liebesquerelen, heimliche Ausflüge in der Nacht. Herrliche Stunden verschollen im Kinderkosmos. Auf den Geburtstagsfotos immer dieselben Gesichter – über viele Jahre hinweg. Bis das Leben sich verästelte und man nur noch gelegentlich zeitgleich in den Heimathafen gespült wurde.

Das verlorene Paradies

Es herrscht neugieriges Staunen. In den schlanker gewordenen Gesichtern und unter den neuen Frisuren erkennt man sich wieder und ist gerührt. Zehn Jahre gab es kein Treffen. Viele Erinnerungen, die man teilt, lassen die Wangen rot glühen, andere bringen zum Lachen. Ich erinnere mich, wie mein Großvater von seiner Kindheit erzählte. Das verlorene Paradies. Froschweiher und Rockzipfel, Burschenstreiche und Pferdediebstahl. So erzählen wir jetzt. Von Mondscheinspaziergängen über stoppelige Felder, vom Zelten am See, von Ziegenpetern und Zicken. Wir erzählen uns die Märchen, die wir selber erlebten.

Doch, was ist das, dieses Puckern im Herzen? Ist es Trauer darüber, dass dies alles vorbei ist? Oder puckert das, was man verschweigt? Die Hänseleien und Ängste, die eigenen erlogenen Heldentaten und das manchmal viel zu kleine Glück?

Man hat so vieles nicht vermutet. Nicht, dass man sich jemals aus den Augen verliert. Nicht, dass man sich irgendwann wieder trifft. Vierzehn Kinder waren wir in der Klasse. Mehr gab es nicht im Dorf. Wir wurden aufeinander geworfen und sollten in all unserer Unterschiedlichkeit über Jahre fast jeden Tag miteinander verbringen. Hausaufgaben machen, Hausaufgaben abschreiben. Zusammen Schabernack treiben und Buße tun – das schweißt zusammen mit glänzender Naht.

Es bildeten sich Pärchen und Grüppchen, prüften sich gegenseitig auf Mut und Vertrauen. Verschworene Gemeinschaften, verträumte Einzelgänger, tuschelnde Duos. Räuber und Gendarme, Pferdemädchen und Cowboys. „Willst du meine beste Freundin sein?“ Das Schieferkästchen als Wahlurne für bange Stimmzettel auf Löschpapier.

Ein Stück Sicherheit

Ja, man musste sich entscheiden. Oder glaubte, es zu müssen. Zwei beste Freundinnen? Für jeden nur ein Kreuz. Glücklich die Freundschaften, die beschlossen waren. So war klar, dass man jemanden hatte, der nach den Sommerferien, wenn der Umzug in ein anderes Klassenzimmer eine neue Sitzordnung erforderte, Sitznachbar sein wollte. Das war ein gutes, ein sicheres, ein stolzes Gefühl. Glitzersticker, getauschte Pausenbrote, Verteidigung gegen „die Großen“ aus der höheren Klasse gehörtem zum Unterpfandkanon der Freundschaft. Und natürlich geteilte Geheimnisse.

Atemlos ins Dunkel gesprochen im Zelt oder ins Ohr geflüstert in der Pause. Geheimnisse, deren eigentliches Geheimnis oft daraus bestand, dass sie erfunden waren oder mit sehr viel Fantasie ausgeschmückt. So wurde gemurmelt, wo es spukte, wo im Wald die Wunschsteine lagen, wer schon geküsst hatte und was der Weihnachtsmann bringen würde: Ein Puppenhaus so groß wie Nachbars Hundehütte. Übertreibung, der rhethorische Stoff, aus dem die Geheimnisse gewebt waren.

Für immer und ewig

Ich habe sie alle noch versammelt, die Helden meiner Jugend. Mit ihren Spitznamen und Passbildern. In einem himmelblauen Poesiealbum. „In allen vier Ecken soll Freundschaft drin stecken… Weißer Schwan auf blauer Flut … Rosen, Primeln, Nelken, alle Blumen welken …“ Die Linien mit Bleistift vorgezogen. In aller Ernsthaftigkeit den Federhalter auf das Papier gepresst, bis es Tintenflecke gab. Ich kann mir vorstellen, wie die Zungenspitze zwischen den Lippen klemmt.

Der Wechsel auf die Mittelschulen bedeutete neue Freunde, kompliziertere Kreuzchentests, andere Spielregeln. Keckere Streiche, schärfere Spitznamen. So viele Schüler auf den Gängen. Das Jahr war auch hier unterteilt in Vor- und Nach-den-Sommerferien. Sie waren der Prüfstein für die mit Herzchen umrahmten Für-immer-und-ewig-Schwüre in den Briefheften, die sich täglich zusätzlich auf dem Hausaufgabenberg stapelten. Jeder Beitrag schloss ab mit einer kryptischen Ansammlung von Abkürzungen, eingefasst in Sternchen * h.d.g.d.l *, * l.d.f.i.u.e *, * s.s.z. *.

Freunde sind ein Teil von mir

Nach den Briefheften kamen die Liebesbriefe. Die Lager hatten sich allmählich in Jungen und Mädchen geteilt, um punktuell wieder miteinander anzudocken, auseinanderzustieben, anzudocken. Wie hätte man den Herzschmerz überlebt ohne die beste Freundin, den besten Freund? Wer hielt die Hand? Wer überbrachte die Zettelchen? Wer hielt den Hustenanfall nach dem ersten Zigarettenrauch mit aus? Wer sprang auf den Konzerten neben dir auf und ab? Wer log für dich am Telefon? Wer half bei deinen Umzügen, sagte „Vergiss es, weiter geht’s“? Die beste Freundin, der beste Freund.

Sie kamen ohne Briefheft, sie blieben ohne Kreuzchentest. Von ihnen musste man sich ab und an trennen, um beieinander zu bleiben. Von ihnen musste man loskommen, um zu sich selbst zu finden – und fand zu ihnen zurück, als zu einem Teil von sich selbst.

Leuchtende Sterne

„Freunde sind wie Sterne. Du siehst sie nicht immer, aber sie sind immer da“ – ein Spruch aus den späteren Poesiealbenzyklen. Er wäre kitschig, wenn er nicht wahr wäre. Der Kinderkosmos erweiterte sich zu dem der eigenen Identität. Freunde sind Himmelskörper auf der eigenen Umlaufbahn. Manche bestimmen den Alltag, andere leuchten von ferner, an manchen schrammt man knapp vorbei, mit anderen kollidiert man. Manche Konstellationen ergeben sich nach zehn Jahren wieder.

Hier sitzen wir nun am Tisch, wir drei Trabanten. Wir stellen fest, dass wir ein großes Geheimnis miteinander teilen: Die Kindheit. Und dass es viele Geheimnisse gibt. Die noch erzählt werden müssen. Wir beschließen, uns zu besuchen und zu kochen und Filme zu schauen und zu reden.
Wie Archäologen legen wir die Wurzeln unserer Freundschaft frei, die im Sande verlief, und finden es wieder, das Band der Freundschaft. Es treibt noch aus. Wiedersehen macht Freunde.

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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