Mit schwungvollen Bewegungen heraus aus dem Alltag
Capoeira mag aussehen wie der Inbegriff von Leichtigkeit, ist aber durchaus anstrengend. Wahnsinnig anstrengend! Aber das ist auch schon der einzig negative Aspekt, der mir zu diesem brasilianischen Kampftanz einfällt.
Kommen wir zu den guten Seiten: Capoeira ist so anstrengend, dass der Alltags-Stress komplett ausgeschwitzt wird und andere Herausforderungen des Lebens plötzlich nicht mehr so groß wirken. Der Sport belohnt dermaßen körperlich wie mental, dass man vor Freude am liebsten einen Seitwärts-Salto machen würde – was dank des ganzheitlichen Trainings sogar durchaus möglich ist.
Mit Händen und Füßen
Das Training hat es in sich: Eine vorfreudige Stimme kündigt nach intensiver Erwärmung das Folgeprogramm an. „Wir machen jetzt Aús, die Bahn runter“ – was übersetzt so viel bedeutet wie „Rad schlagen von der einen Seite des Raumes bis zur anderen“.
Und Rad schlagen ist ja wohl kinderleicht!
Nicht so für mich.
Als ich an der Reihe bin, denke ich daran, wie ich als Teenager im Sportunterricht athletische Übungen vermieden habe, die meinen Kopf in die Nähe des Bodens bringen. Nein, nein! Das kann einfach nicht gesund sein! Zurück in der gedanklichen Gegenwart ahme ich die ungefähre Rad-Bewegung nach und hoffe, dass die anderen Nachsicht mit mir haben.

Überwinde dich
Mit knapp 40 Jahren ist es aber auch keine Schande, blöd bei sowas auszusehen, das war in der Pubertät noch ganz anders. Also konzentriere ich mich auf die richtige Reihenfolge meiner Hände und Füße und purzel mich mit der Grazie eines Quasimodo durch den Raum. Als die Bahn durch ist, warte ich kurz auf kritische Worte seitens des Trainers, doch es kommt nichts dergleichen.
Auch die routiniert „radelnden“ Mitturner, eine handvoll sehr ausgeglichener Frauen und Männer mittleren Alters, scheinen nur zu gut zu wissen, wie sie einmal angefangen haben. Sie selbst sind schon ein paar Jahre dabei.
„Klasse! Als nächstes üben wir einarmige Aús und dann versuchen wir, die Hände ganz weg zu lassen“. Während ich noch versuche mir das bildlich vorzustellen und die anderen ungläubig mit einem „Das meint der jetzt nicht ernst, oder?!“-Blick anschaue, steht der Trainer auch schon vor mir und zeigt mir sinnvolle Vorbereitungs-Übungen für den normalen Radschlag, während im Hintergrund die Geräusche seicht auf den Boden fließender Füße erklingen.
Fließendes Wasser fault nicht, die Türangeln rosten nicht, das kommt von der Bewegung.
Lü Bu We
Bewegungsfreude für Anfänger?
Werde ich das auch irgendwann einmal schaffen? Egal! Wichtig ist doch, dass ich mich überhaupt erst einmal hineinfuchse und möglichst – FUMP! FUMP! Rotiert der Trainer ohne Boden-Hand-Kontakt zu den anderen – meinen Körper auf die neue Herausforderung einstelle. Denen scheint es ja riesigen Spaß zu machen, vielleicht teile ich diese Freude auch, sobald meine Kondition so weit trainiert ist, dass ich zumindest 50 Prozent der Stunde durchhalte.
Zehn Jahre Rückenfit-Kurs im Gesundheitssportverein und tägliche Radfahr-Routine reichen anscheinend nicht aus, um mithalten zu können. Dabei wird der Kurs vom gleichen Verein angeboten. Also denke ich: Wenn ich das diszipliniert ein paar Monate durchhalte und mir auch die ein oder andere Bewegung aneigne, dann bin ich wesentlich fitter, als jemals in meinem Leben zuvor. „Und jetzt, Bananeira, Jihaaah!“ Na das klingt doch mal nach einer einfachen Übung…
Der Ja-Sager
Dabei fing alles so harmlos an. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in einer mittelschweren Sinnkrise. Mein ganzes Leben war nur noch Alltag und ich suchte, wie so viele, nach irgendeiner Beschäftigung, die mich dort rausreißen könnte. So sagte ich wie einst Jim Carrey einfach zu allem „ja“, was mir angeboten wurde. Diese Strategie hat ihre Schwächen, aber sie funktionierte in dem Moment.
Wollen wir zu Sascha Grammel gehen? Ja!
Wie wär’s heute mit Nepalesisch? Ja!
Noch ein Ouzo? Japsch!
Lass uns einen Tanzkurs besuchen. Ja, ja und nochmals ja!
Capoeira? Ja!
Als ich den Handzettel anstarrte, den mir unsere Kursleiterin vom Rückenfit in die Hand drückte, dachte ich nur: Capoeira – das wollte ich doch schon während des Studiums machen. Außerdem ist dieser Verein auf Gesundheitssport spezialisiert, also werde ich mich dort gewiss genauso sicher fühlen, wie in dem anderen Kurs auch. Uuund sie reichen zur Schnupperstunde selbstgebackenen Kuchen!
Probestunde? Klar doch!
Samstag früh ging’s also pflichtbewusst zum angebotenen Probe-Training. Ein paar Leute hatten sich angemeldet, doch nur ich war gekommen nebst Trainer und einem Stamm-Kursteilnehmer, den ich anfangs für seinen Vize hielt. Ein paar einführende Worte zum kontaktlosen, rhythmischen Kampfsport (mein bisheriges Wissen dazu beschränkte sich auf den „Tekken“-Kämpfer Eddie) später ging es bereits ans Eingemachte. Ich war ausgeruht, frisch und fühlte mich wirklich fit. Kurz vor dem Kreislauf-Zusammenbruch legte ich mich auf die Couch im Vorraum und trank das dargebotene Zuckerwasser.
Auf der Uhr waren gerade mal zehn Minuten vergangen und die beiden hatten soeben mit der Erwärmung im Vierfüßlergang bei durchgestreckten Armen und Beinen angefangen. Das mit dem kostenlosen Kuchen konnte ich jetzt wahrscheinlich knicken.
Grundschritt und Standardkick
Anders als bei den meisten Kampfsportarten befinden sich die Capoeiristas ständig in Bewegung. Der tänzelnde Schritt, aus dem sämtliche anderen Bewegungen entwickelt werden, nennt sich Ginga (Jinga). Diesen Dreiecksschritt übt man für gewöhnlich am Anfang so lange, bis er im Muskelgedächtnis hängen bleibt und zu etwas Unbewusstem wird.
Die Standard-Kicks erscheinen auf den ersten Blick nicht so spektakulär, sind aber schwerer durchzuführen als man glaubt. Da wäre der Bênção (Benzo), ein direkter, gerader Tritt. Auch mit der seitlich durchgeführten Chapa lässt sich der Gegenspieler neu positionieren. Der Martelo ist ein Hammerschwung mit dem ausgestreckten Bein von der Seite. Drehkicks wie die Queixada (Kischada), die Armada und der Meia-lua de Compasso bringen da schon mehr Schwung mit sich.
All dies lässt sich variieren, kombinieren und in verschiedenen Höhen, sogar in der Hocke oder auch im Sprung durchführen.
Minderwertigkeits-Komplexe?
Dieses Erlebnis zeigte mir, dass ich weder die Kondition noch die Muskelmasse besaß, um diesen wunderbaren Sport mit seinen rotierenden, schwungvollen und ästhetischen Kreisbewegungen auszuüben. Das war sehr ernüchternd. Am liebsten hätte ich mich eingebuddelt.
Minderwertigkeits-Komplexe! Die hatte ich schon lange nicht mehr. Das letzte Mal, als ich bei der Mathe-Prüfung an der BWL-Fakultät durchgefallen bin. Ein halbes Jahr später hatte ich sie mit einer Eins bestanden. Ist es dieses bittere Gefühl der Niederlage, die einen so stark motiviert, dass man die Hürde überwindet?
Elegant schwingende Tritte
Die beiden Capoeira-Meister, wie ich sie jetzt einfach mal nenne, bemitleideten mich weder, noch ließen sie sich stören bei ihrer Vorführung diverser Tritt-Kombinationen – ihrer körperlichen Konversation bestehend aus Frage und Antwort – während ich still in Selbstmitleid versank. Das nennen sie „Spielen“. Man tut so, als ob man gegeneinander kämpft, deutet aber nur an. Kontaktlos. Verstehe!
Das sieht schon elegant aus wie sie gegenseitig Tritte schwingen und ausweichen. Manchmal stoppt ein freundlicher Konter das flüssige Spiel. Doch der Rhythmus der Berimbau geht weiter. Die vom Handy abgespielte Musik des geschlagenen Saiten-Instruments gibt den Takt vor und macht einfach Lust mitzuwirbeln.
Genau! Das sollte die eigentliche Motivation sein, diese Freude, seinen Körper in die unmöglichsten Positionen zu bringen und aus denen heraus in die nächste zu schwingen. Volle Körperkontrolle zu jeder Zeit und stets am Rande der Kontrolllosigkeit – das hört sich widersprüchlich an, ergibt aber durchaus Sinn, wenn man die Sportler „tanzen“ sieht. Faszinierend!

Maculelê und Gesänge
Bei Capoeira gibt es wie in anderen Kampfsport-Arten auch ganz unterschiedliche Stile (zum Beispiel Angola und Regional). Ein verwandter Kampf-Tanz ist zudem Maculelê, bei dem einzeln, zu zweit oder im Kreis Holzstöcke in einem festen Rhythmus und während gewisser Tanzschritte aneinander geschlagen werden. Die Variante mit Macheten wird aufgrund der Verletzungsgefahr äußerst selten und nur von Meistern praktiziert. Zugleich ertönt vom Publikum ein Wechselgesang, bei dem der Vorsänger den Mainpart übernimmt und die Gruppe „antwortet“. Das begleitende Händeklatschen oder auch das Trommeln auf der Atabaque geben den Takt vor. Demnach gehören also Singen und Tanzen genauso zu Capoeira, wie der Kampfsport selbst und es wird häufig parallel praktiziert.
Volle Körperkontrolle bei Tanz-Kicks
Leichte Furcht und Übelkeit bestimmten die Fahrrad-Fahrt zur ersten offiziellen Capoeira-Stunde, weshalb ich mein Hirn ausschaltete und in den „Einfach schwimmen!“-Modus ging. Rad schlagen und Handstand (Bananeira hat natürlich rein gar nichts mit gemütlich Bananen essen zu tun) waren nicht die einzigen Basis(!)-Übungen, die mir außerirdisch vorkamen.
Nach der ersten Hälfte der Erwärmung überkam mich das alte Leid. Immerhin waren da schon fünf Minuten mehr als beim vergangenen Mal rum. Nach einer längeren Wasser-Pause auf der Matte gesellte ich mich wieder hinzu. Die Dehnung bewies, dass ein Büro-Job ideal ist, um seine Sehnen erfolgreich zu verkürzen.
Dann fing das richtige Training an. Bei Capoeira dreht sich alles um Kicks. Die Arme helfen meist lediglich bei der Durchführung, um das Gleichgewicht zu halten, Schwung zu holen oder um eine Handstand-Position einzunehmen. Dazu gehört eine Menge Koordination, was ein weiterer Plus-Punkt dieses Sports ist.
Um nämlich die einzelnen Capoeira-Bewegungen zu erlernen, bedarf es einer extremen Koordinationsarbeit, bei der das Hirn immens gefordert wird. Ein gedanklicher Knäuel, welches Bein sich als erstes vor bewegt, welches folgt und wie sich die Arme dazu verhalten sollen, ist hier keine Seltenheit. Diese Form der Konzentration verdrängt alles andere. Insbesondere schlechte Gedanken!
Ursprünge des Capoeira
Es heißt, dass afrikanische Sklaven im Brasilien des 18. Jahrhunderts Capoeira im Kreis trainiert hätten, um die Sklavenhalter glauben zu lassen, dass dies nur ein Tanz sei. Sobald man sich unbeobachtet fühlte, ging es deutlich härter zur Sache. Der Kampf für den potenziellen Aufstand wurde trainiert. Über die Wurzeln ist sich die Wissenschaft allerdings uneinig.
Im 19. Jahrhundert wurde Capoeira als Straßenkampftechnik in brasilianischen Großstädten wie Rio de Janeiro etabliert und in Bandenkämpfen praktiziert („West Side Story“ lässt grüßen). Erst Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich daraus nach der Aufhebung des staatlichen Capoeira-Verbots (bis dahin wurde es mal wieder im Geheimen gelehrt und durchgeführt) ein friedlicher Sport, dessen Bewegungen etwas mehr Richtung Effizienz modernisiert wurden.
Therapeutische Wirkung
Nach einer gewissen Zeit übernimmt das Muskel-Gedächtnis die Basis-Bewegungen, sodass die Abläufe immer schneller werden und der Fokus auf neue Variationen, Kombinationen und Erweiterungen ebendieser liegen kann.
Am Ende hatte ich gefühlt ungefähr 20 Liter Wasser ausgeschwitzt, begab mich umgezogen und ächzend nach Hause … um meiner besseren Hälfte ausführlich vorzuschwärmen wie abgefahren das alles war und wie froh ich bin, es überlebt zu haben. Sie tat mir den Gefallen und hörte geduldig zu. Später sagte sie mir dann, dass sie mich schon lange nicht mehr so ausgelassen und locker erlebt hat.
Offenbar hätte ich meine Sorgen komplett ausgeschwitzt und auch sonst keine Energie mehr für depressive Gedanken gehabt. Den Rausch des sogenannten „Läufer-Orgasmus“ genießend, aß ich zu abend, schloss den Tag mit einer extrem entspannenden Dusche ab, fiel ins Koma und wachte erst am nächsten Morgen wieder auf mit der Gewissheit, schon lange nicht mehr so gut geschlafen zu haben. Dann kamen die Schmerzen.
Der Tanz ist ein Gedicht und jede seiner Bewegungen ist ein Wort.
Lü Bu We
Bin ich ein Masochist?
„Versuch’s mal mit basischer Ernährung, das könnte den Muskelkater mindern“, empfiehlt mir der Trainer in der nächsten Stunde. Solch exquisite Schmerzen habe ich meinen Lebtag noch nie gespürt. Mein ganzer Körper war ein einziger Pool des Leidens. Und das für den Rest der Woche. Das hatte zwei Effekte. Zum einen Jammern. Ich bin zu alt für diesen Scheiß! Zum anderen war jeder noch so geringe Muskelschmerz wie ein kleiner Orden für die bestandene Prüfung.
Bin ich deshalb gleich ein Masochist? Ich war einfach stolz auf meine Schmerzen, denn ich hatte sie mir unter Schwerstarbeit verdient. Das mit der basischen Ernährung war übrigens ein guter Tipp. Genauso wie das Abkleben der großen Zehen, um der Reibung der Drehbewegungen entgegenzuwirken, oder vorbeugende Heilerde gegen das Sodbrennen bei anstrengenden Kopfüberbewegungen. Ganz zu schweigen von der wichtigsten Empfehlung überhaupt: Mich rauszunehmen, wenn ich meine Grenze erreicht hätte – Sicherheit geht vor. Ich muss niemandem etwas beweisen.
Mehr Lebensfreude durch mein neues Hobby
Aus dem „Einfach schwimmen“ wurde Vorfreude, denn wo sonst kann man sich so akrobatisch und schwungvoll auspowern? Nach rund zwei Jahren Capoeira weiß ich: Ein echter Kampfkünstler werde ich wohl nicht mehr werden, aber ich lerne immer weiter dazu und merke, da geht noch was. Inzwischen lassen auch die Muskelschmerzen nach.
Und wenn man dann schon so etwas irrsinnig schweres wie Capoeira beherrscht, auf welchem Level auch immer, warum dann nicht auch mal andere verrückte Sachen ausprobieren? Die Schwelle dazu ist hiermit bedeutend niedriger geworden. Und das Leben ein großes Stück bunter. Die Sonne scheint! Auf in den Park! Fump! Fump!
Du suchst nach einem Ausgang aus dem Hamsterrad? Wir haben Inspiration!

