Früher gehörte es dazu, sich in Poesie-Alben mit lieben Sprüchen, Bildern und Fotos zu „verewigen“. Damit war das Anliegen verbunden, im Gedächtnis zu bleiben, erinnert zu werden. Nehmen wir heute nach Jahren oder Jahrzehnten solch ein Poesie-Album in die Hand, dann trägt es uns fort auf eine eigentümliche Reise nach innen.
Wir erinnern uns und sind in einer anderen Welt. Bilder und Gefühle steigen auf. Der Körper reagiert, zum Beispiel, indem sich Tränen bilden oder das Herz klopft oder indem ganz unwillkürlich ein Lächeln über unser Gesicht huscht. Was aber genau geschieht dabei, wenn wir uns erinnern?
Das Wunder in uns
Unsere Erinnerungen formen unsere Lebensgeschichte und damit unsere Identität. Sie bilden somit einen wichtigen Teil unserer Persönlichkeit. Gespeichert sind sie im Gedächtnis, das durch die neuronale Struktur des Gehirns organisiert wird.
Schon immer haben Philosophen, Denker und Wissenschaftler versucht, das Geheimnis des Gedächtnisses zu entschlüsseln. Der antike Philosoph Platon legte es in die Seele. Dort sollte nach seiner Vorstellung die Erinnerung in Wachstäfelchen eingedrückt sein. Später verglich man das Gedächtnis mit einer Bibliothek.
Heute hören wir, dass es mit einer Festplatte im Computer Ähnlichkeit habe. Aber es ist ja noch viel wunderbarer und geheimnisvoller, unser Gehirn leistet Unvorstellbares. Unermüdlich sammelt und sortiert es Informationen und Sinneseindrücke, ordnet sie und formt sie in 100 Milliarden Nervenzellen und Billiarden von Zellverbindungen zu dem, was wir Erinnerungen nennen.
Unser Gedächtnis – die Wundermaschine
Um das besser zu verstehen, haben Wissenschaftler dafür verschiedene Speicher beschrieben: Die ersten Eindrücke landen im sensorischen Gedächtnis. Dort werden sie für wenige Bruchteile von Sekunden analysiert und aussortiert. Es wäre unmöglich, alle Infos zu behalten. Was erst einmal wichtig ist, wird ins Kurzzeitgedächtnis verlagert und verharrt dort einige Sekunden. So können wir Sätze formen, ohne gleich zu vergessen, was wir sagen wollten.
Dann aber landen endlich die wichtigen Eindrücke und Informationen im Langzeitgedächtnis. Manche sind bewusst, andere unbewusst gespeichert. Das Unbewusste ist das, was uns dann auch Probleme bereiten kann. Unliebsame Erinnerungen im Unterbewusstsein können quälen und krank machen. Manches Unbewusste ordnet das Gehirn in Träumen. Das hat sich die Psychoanalyse zunutze gemacht. Und auch moderne Psychotherapien legen Wert darauf, die unbewussten Strukturen präsent zu machen, um sie als Ressourcen zu nutzen oder Verletzungen zu heilen.
Und wo sind nun die persönlichen Erinnerungen gespeichert?
Wichtig für unser Thema ist die Einordnung in das episodische Gedächtnis, denn dort sind uns wichtige, persönliche Erinnerungen gespeichert: vom schönen Essen bis zum ersten Date … Das semantische Gedächtnis dagegen speichert Fakten ab.
Nun sind Erinnerungen aber nicht komplett und als Ganzes an den Speicherorten angelegt. Denkst du an den ersten Kuss, dann gibt es kein komplettes Abbild von diesem Ereignis. Vielmehr sammeln sich die Neuronen des Gehirns die Infos von allen möglichen Seiten zusammen und formen das Bild.
Wir fühlen uns dabei an die Vorstellungen des Gedächtnisses als Theater erinnert, die u.a. von Robert Fludd in der Renaissance entwickelt worden ist: Viele Schauspieler betreten nach und nach die Bühne und daraus entsteht die Geschichte …
Was ist eine Erinnerung?
Als Erinnerungen bezeichnen wir die im Gehirn an bestimmten Speicherorten abgelegte Summe aller Erfahrungen und Informationen. Erinnerungen formen das Gedächtnis. Im Langzeitgedächtnis, genauer im episodischen Gedächtnis, sind die biografischen Informationen gespeichert, zum Teil bewusst, aber auch unbewusst.
Durch bestimmte äußere Bedingungen wie Musik, Gerüche, Bilder, Menschen, Situationen usw. können diese Erinnerungen aktiviert werden. Musikalische Erinnerungen gehören zu den frühesten und werden auch am längsten behalten, wie man zum Beispiel bei dementen Personen feststellen kann. Erinnerungen sind wichtig, da sie uns erden und eine Heimat bilden sowie unsere Persönlichkeit mitbestimmen.
Gefühle bleiben
Nehmen wir das Beispiel vom ersten Kuss. Das kann eine schöne oder eine eher unliebsame Erinnerung sein oder eine gar nicht so wichtige, beiläufige. Wie war das bei dir? Erinnerst du dich?
Das Gehirn hat seine Infos zusammengesammelt und nun entsteht in dir ein Bild. Doch ist es kein genaues Abbild dessen, was damals geschehen ist. Es gibt Lücken und die werden von dir ausgefüllt. Das liegt zum einen daran, dass unser Gedächtnis stark mit dem emotionalen System, mit Gefühlen, verbunden ist. Das kannst du gut beobachten: Sprechen Menschen über ihre schönen Erinnerungen, dann lächeln sie. Negative Erinnerungen lassen sie erstarren oder traurig wirken. Je stärker die Gefühle, desto länger verbleibt die Erinnerung im Speicher. Je weniger Emotionen damit verbunden waren und sind, desto eher verblasst die Erinnerung.

Die Peak-End-Rule
Nun kannst du vielleicht etwas besser verstehen, wie sich deine Erinnerung an den ersten Kuss darstellt. Der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann hat in diesem Zusammenhang die Peak-End-Rule, deutsch die Spitze-End-Regel, entwickelt. Das besagt in etwa, dass für die Erinnerung kein Durchschnitt oder Mittelwert der Gefühle gebildet wird, sondern dass der intensivste Moment und das Ende in die rückblickende Erfahrung einfließen.
Nehmen wir eine Urlaubsreise. Vernünftig wäre es, den gesamten Urlaub Revue passieren zu lassen und viele einzelne Situationen zu bewerten. Doch in der Regel bilden wir unser Urteil genau nach dem, wie es Kahnemann beschreibt: dem intensiven Erleben und dem Schluss. Der Mensch ist eben irrational, wenn es um Erinnerungen geht. Denn leider kommt am Schluss nicht immer das Beste …
„Die Erinnerungen sind gepresste Blumen
Peter Sirius
im Buche unseres Lebens.“
Was uns „triggert“
Wenn aktuelle Situationen Erinnerungen wachrufen, dann sprechen wir vom „Triggern“. Das hat gerade in der Traumatherapie große Bedeutung. Es kann geschehen, dass Patienten jahrelang ihre Traumata im Unterbewussten zugeschüttet hatten – und dann, aufgrund einer aktuellen Erfahrung in einer bestimmten Situation, empfinden sie plötzlich Angst und zeigen körperliche Symptome. Und sie können sich das oft nicht erklären.
Aber soweit braucht man gar nicht zu gehen. Stets werden Erinnerungen getriggert: durch Musik, bestimmte Gerüche, Bilder, Farben, Situationen, menschliches Gegenüber. Dabei ist das, was getriggert wird, so individuell und vielfältig wie die Menschen es sind.
Da unser emotionales System eine große Macht hat, können wir uns erst einmal auch gar nicht dagegen wehren. So werden wir immer wieder auf eine Reise in die Erinnerungen mitgenommen, ob wir wollen oder nicht. Doch gibt es da gute Methoden der Steuerung. Sicherlich hast du längst davon gehört: von der Achtsamkeit und dem Leben im Hier und Jetzt, im gegenwärtigen Augenblick.
Checkliste: An was erinnerst du dich häufig?
Die Checkliste auszufüllen, kann dir helfen, deine Erinnerungskultur besser zu verstehen.
- Dominieren gute oder negative Erinnerungen?
- Welche Gefühle zeigen sich beim Aufschreiben?
- Wie reagiert dein Körper?
- Geht es dir danach besser?
Achtsamkeit heilt
Erinnerungen sind wichtiger Bestandteil unserer Persönlichkeit. Sie erden uns, geben Heimat, sind Ausdruck von Erfahrungen und bilden insgesamt unsere Lebensgeschichte. Aber sie bergen auch Gefahren. Verlierst du dich zum Beispiel oft in den Erinnerungen? Steigen Fragen auf wie: Wäre alles anders gelaufen … hätte ich damals bloß …? Diese Gedankenkreise können uns krank machen.
Die Achtsamkeit lehrt das Gegenteil: die Wahrnehmung des Hier und Jetzt, des aktuellen Seins im Augenblick. Das ist ein überaus heilsamer Prozess. Der Dichter Friedrich Rückert hat das schon vor langer Zeit poetisch ausgedrückt:
O wünsche nichts vorbei,
und wünsche nichts zurück!
Nur ruhiges Gefühl
der Gegenwart ist Glück.
Achtsamkeit heute
Die Achtsamkeitspraxis wird heute indes meist mit der buddhistischen Lehre in Verbindung gebracht, wie etwa in den Lehren von Thich Nhat Hanh. Augenblick für Augenblick, das ist unser Leben und die Quintessenz seines Werkes.
Doch die Achtsamkeitspraxis ist nicht nur in negativen Lebensphasen sinnvoll, sondern es ist gut, sie in dein gesamtes Leben zu integrieren. Du kannst sie leicht immer und überall üben, zum Beispiel allein beim Atmen. Es beruhigt, den eigenen Atem wahrzunehmen, so wie er ist. Ungesteuert und unbeeinflusst. Er trägt dich ja durch dein Leben, dein Atem.
Achtsamkeit beim Essen: Das berühmte Beispiel der Achtsamkeitspraxis ist das Kauen einer Rosine, um dabei die Vielfalt des Geschmacks wiederzuentdecken.
Achtsamkeit beim Gehen: Zum Beispiel die einzelnen Schritte wahrnehmen, die Verspannungen ebenso wie die Schönheit deiner Bewegungen.
Innere Bilder
Doch noch ein zweites Element der Achtsamkeitslehre hat für dein Wohlbefinden große Bedeutung. Erinnerungen können sich in inneren Bildern verfestigen. Sie müssen es sogar, damit wir Dinge wiedererkennen können und uns schneller zurechtfinden.
Nicht so gut ist es, wenn sich negative Bilder verfestigen: negative Selbstbilder oder negative Bilder von anderen in Vorurteilen. Früh werden solche Selbstbilder erzeugt und manifestieren sich in falschen Wahrheiten über uns selbst: Das schaffst du nie; du warst schon immer dick; das wirst du nie begreifen usw. usf.
Ob Bilder über uns selbst oder über andere: es sind Mauern. Mauern, die die eigene Entwicklung und Entfaltung hemmen und uns den Weg zum anderen Menschen verbauen. Es ist sinnvoll, sich über diese erstarrten Erinnerungen Gedanken zu machen, alleine oder mit professioneller Unterstützung, und diese Mauern niederzureißen.
Tipp: Halte deine guten Erinnerungen fest
Ein Dankbarkeits-Tagebuch ist zum Beispiel eine gute Methode, die guten Erinnerungen in den Vordergrund zu rücken. Abends, in aller Ruhe, aufzuschreiben, was sich Gutes am Tag ereignet hat und dafür dankbar sein. Denn es ist ja alles gar nicht so selbstverständlich.
Damit du dich besser an die guten Erfahrungen erinnerst, kann du irgendetwas Kleines in deine linke Jacken- oder Hosentasche legen, eine Nuss oder eine Erbse oder etwas Anderes. Abends schaust du in deine linke Tasche und siehst vermutlich mehr Dinge darin, als du erwartet hast. Du nimmst den Inhalt einzeln in die Hand und verbindest damit die guten Erfahrungen. Damit kannst du deinen positiven Gedächtnisspeicher täglich auffüllen und die negativen Gedankenkreise werden zurücktreten. Dein Gehirn schaltet um und die positiven Erinnerungen treten mehr und mehr in den Vordergrund.

Rituale des Erinnerns
Rituale sind wie kleine Anker in unserem Leben, die uns auch dabei helfen, schöne Erinnerungen lebendig zu halten. Sie geben uns einen Raum, in dem wir innehalten und besondere Momente aus unserer Vergangenheit würdigen können. Egal, ob es sich um ein jährliches Treffen mit Freunden an einem bestimmten Ort handelt, das Zubereiten eines Familienrezepts zu Weihnachten oder das gemeinsame Lesen eines Lieblingsbuchs an einem regnerischen Sonntag – all diese kleinen Traditionen verleihen unseren Erinnerungen Form und Farbe.
Ein Beispiel für ein solches Erinnerungs-Ritual ist es, eine besondere Kerze am Jahrestag des Verlustes eines geliebten Menschen anzuzünden. In dem Moment, in dem das Licht flackert, denken wir zurück an die gemeinsamen Erlebnisse, an das Lachen und die Tränen, an all die Gespräche, die für uns so bedeutend waren. Dieses einfache Ritual hilft uns, die Verbindung zu erhalten und die Liebe, die wir geteilt haben, weiterleben zu lassen.
Ein weiteres Beispiel ist das jährliche Familienfoto. Ob im Urlaub oder beim großen Familientreffen – jedes Jahr wird derselbe Platz gewählt und die Tradition festgehalten. Mit jedem Foto kommen nicht nur neue Gesichter dazu, sondern auch Geschichten, die wir miteinander teilen. Diese Bilder sind nicht nur Momentaufnahmen, sie sind lebendige Archive, die uns an die Liebe und Freude erinnern, die wir miteinander erleben.
Und selbst, wenn es immer ein wenig stressig ist, alle zu diesem Foto zusammenzutrommeln – Jahre später sind wir froh, dass wir es gemacht haben.
Negative Erinnerung befrieden oder „löschen“
Wenn du spürst, dass negative Erinnerungen dich vereinnahmen, dann kannst du sie erst einmal ohne weitere Bewertung wahrnehmen und ebenso die damit verbundenen Gefühle und Körperreaktionen.
Dann kannst du dich entspannen, die Augen schließen, dich eine Weile auf deinen Atem besinnen und dich auf eine Gedankenreise in eine schöne Umgebung begeben. In die Natur oder wohin es dich gerade zieht. Du kannst dabei diese Erinnerungen auf Wolke setzen oder auf ein Schiffchen und dir das intensiv vorstellen.
Und dann lässt du die Bilder vorüberziehen oder weiter schwimmen. Denn sie sind ja nicht real, sondern eben – Erinnerung. Nach und nach können so die negativen Erinnerungen verblassen.
Das Gute bleibt
Natürlich gehören auch die negativen Erinnerungen zu deinem Leben. Auch sie sind ein wirklicher Schatz, so unglaublich das im Moment der schmerzhaften oder anders negativen Erfahrung auch klingen mag. Vielleicht erkennst du, dass sie dich wachsen und reifen ließen oder dass aus ihnen Neues und Gutes erwuchs.
Traumatische Erfahrungen müssen indes geheilt und so im Gedächtnis abgespeichert werden, dass sie uns nicht mehr stören. Bei schweren traumatischen Erfahrungen solltest du auf alle Fälle die Hilfe von entsprechenden Fachleuten in Anspruch nehmen.
Vergiss nie, den wundervollen „Garten deiner Erinnerungen“ zu pflegen. Denn all diese Erinnerungen sind ein wichtiger Teil von dir und begleiten dich auf all deinen Wegen …
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