Leuchturm auf Klippe von Wasser umringt als Aquarell

Wo komme ich her – Von Wurzeln und davon, wie sie mich halten

Als kleiner Junge konnte ich stundenlang mit meinem Roller ums Karree sausen und meinen Gedanken nachhängen. Nicht selten formte sich dabei in meinem Kopf eine Welt, in der ich alles Mögliche war und alles Mögliche konnte. Keine Pläne, nur Träume. Und erst viel später habe ich darüber nachgedacht, wo das eigentlich alles herkam. Aus welchen Wurzeln wuchs das, was mich tief in meinem Innern ausmacht?

Ich habe oft darüber nachgedacht, warum in meinem Leben alles so gekommen ist, wie es letztendlich eintrat. Als sechsjähriger Junge habe ich unten auf der Treppe unseres Mehrfamilienhauses gesessen und die Zeitung gelesen, bevor ich sie meiner Mutter hochbrachte. Als unsere Nachbarin mich eines Tages ganz erstaunt fragte, ob ich überhaupt verstehe, was da drin steht, hab ich das aus vollster Überzeugung bejaht.

Und ich wusste auch schon, was ich später werden wollte – Baumeister natürlich, neue Städte bauen, hohe Häuser, drumherum viel Grün. Naja, Baumeister wurde ich nicht. Aber mein bisher gegangener Weg ist so voller unterschiedlicher Facetten und Farben, dass im Lebenslauf auch dafür noch ein Platz gewesen wäre. Es gab immer wieder Momente, in denen ich mich entscheiden musste, in welcher Richtung es jetzt weitergeht.

Oder es wurde für mich entschieden, manchmal ziemlich radikal. Trotzdem würde ich es nicht Schicksal nennen – auch wenn im Nachhinein klar wurde, es war nicht alles Zufall, nicht alles die freie Entscheidung. Vieles passierte, weil ich so war, wie ich war. Und das hat natürlich eine Vorgeschichte, die sich aus ganz verschiedenen Wurzeln speist.

Geborgenheit

Ich habe eine Kindheit gehabt, die für mich aus heutiger Sicht quasi ein Synonym für Geborgenheit bedeutet. Klar, wer insgesamt eine gute Kindheit hatte, verklärt sie möglicherweise auch etwas. Wer sie eher als Folge von Traumatas erlebt hat, findet dann im Gegenteil überhaupt nichts Gutes mehr, wenn er auf diese Zeit zurückblickt. Dazu kam, dass viele Menschen in der DDR die Grenzen dieser Geborgenheit viel eher erleben mussten, als ich. Auch aufgrund ihres politischen Umfelds waren sie in einer ganz anderen, oft frustrierenden und zum Teil bedrohlichen Lebenssituation. Lebenssituationen, mit denen ich erst gegen Ende des ostdeutschen Staates auch persönlich konfrontiert war.

Natürlich habe ich als Kind in der Familie auch Ärger gemacht, und auch welchen bekommen. Ich habe mich mit meinem Bruder ab und an im wahrsten Sinne des Wortes in den Haaren gelegen, war in manchen Momenten unsagbar wütend auf meine kleine Schwester, die ein richtiges Biest sein konnte. Vielleicht muss man das auch, mit zwei größeren Brüdern. Aber all das waren nur kleine Ecken und Kanten eines sehr starken und glücklichen Zusammenhaltes.

Ich selbst habe mich aufgeregt, wenn ich die Entscheidungen meiner Mutter als ungerecht empfand, und ich weiß noch, wie ich ihr als Zehnjähriger Lehrsätze der Pädagogik zitiert hatte und mich damit im Recht sah. Meine Mutter muss in diesem Moment ziemlich fassungslos geschaut haben, und wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Wir alle haben in unserer Kindheit wohl mehr als einmal trotzig gedacht: Ich werde wenn ich groß bin alles anders machen als meine Eltern, meine Kinder ganz anders erziehen. Viele Jahre später waren die meisten von uns froh darüber, soviel von den eigenen Eltern im Herzen und auf dem Kompass behalten zu haben.

herbstlicher Baum auf Waldlichtung als farbiges Aquarell

Die Wurzel

Aus dem Grasmeer der Wiese hebt sich der blühende Mast
Eines einsamen Baumes. Von zornigem Sturm gefasst.

Bebt Blüte an Blüte in Furcht vor dem Tod,
der wild aus Wolkenwelt der Frühlingserde droht.

Und die klagenden Blätter an dem verknüpften Gezweige
zittern in bebender Furcht, ducken sich ängstlich und feige.

Nur die Wurzel ruft tief im Land:
Rase, Sturm und Tod; ich halte das Leben umspannt!

Alfons Petzold

Respekt vor dem Leben

Die Schule ist mir ziemlich leicht gefallen, und ich verbrachte meine Freizeit zum großen Teil folgerichtig auf irgendwelchen Matheolympiaden, Sportwettkämpfen oder Talentwettbewerben, durchaus mit Erfolg. Aber ich hatte Glück, dass ich bei den Mitschülern nicht als Streber gemobt wurde – vielleicht weil ich auch ganz passabel und mannschaftsdienlich Fußball spielen oder als Diskjockey mit einer beachtlichen Musikkassetten-Sammlung punkten konnte. Vor allem aber habe ich meinen Respekt anderen gegenüber nie von ihrem Notendurchschnitt oder ihrer Stellung in den Gruppenhierarchien abhängig gemacht. Das war für mich keine „Anti-Mobbing-Taktik“, sondern so selbstverständlich, dass es selbst bei pubertierenden Rabauken irgendwie entwaffnend wirkte.

Diese Art von Respekt hat mir zu einem ganz großen Teil meine Mutter auf den Weg gegeben. Sie selbst hatte Krieg und Flucht miterlebt und hatte schon in jungen Jahren eine große Last auf ihren Schultern tragen müssen. Oft hat sie wie nebenbei von den Jahren erzählt, in denen sie als Flüchtlingskind bei den Bauern gearbeitet hat, um ihrer Mutter und ihren Geschwistern eine Kanne Milch und ein Brot mitbringen zu können. Davon, wie sie ihrem Vater half, das Pferd spätabends zur Tränke zu bringen und noch vor Sonnenaufgang das Tierfutter zuzubereiten. Manchmal erzählte sie auch von den viel zu wenigen Schultagen, an denen sie dann auch noch oft eingeschlafen war, die harte Landarbeit vom Vortag in den Knochen. Und es klang kein bisschen danach, als würde sie verlorener Zeit nachtrauern. Es klang nach Bodenständigkeit, nach Verbundenheit mit allem, was die Natur hervorbringt und uns anvertraut. Es klang nach einer Lebenslust, die nicht davon abhängt, wie komfortabel man eingerichtet ist. Und von Komfort konnte in ihrer Kindheit keine Rede sein.

Aber spätestens wenn sie die Fotos von ihrer Zeit im Klampfenchor herausholte oder dann sogar der Mandoline ihrer Enkelin ein paar sehr gefällige Töne entlockte, spürte man sie: diese bodenständige und bedingungslose Liebe zum Leben, die den großen Respekt und auch ein Stück Demut gegenüber der Welt einschloss. Auch heute noch, mit fast 85, ist sie immer noch so voller Lebenslust und Herzlichkeit, und gleichzeitig jemand, für den Liebe und Ehrlichkeit mehr bedeuten, als Zeugnisse und Zertifikate.

Seepferdchen und Frau stehen sich gegenüber als abstraktes Aquarell

„Die Sonne scheint, die Sonne scheint,
das ist der Zauber,
die Blumen wachsen,
die Wurzeln strecken sich,
das ist der Zauber.
Leben und stark sein,
das ist der Zauber,
er ist in mir,
er ist in uns allen.“
Frances Hodgson Burnett

Gut und Böse

Das ist eine Einstellung, die mir selber auch hilft, den Menschen etwas tiefer in ihr Herz zu schau‘n, ein Verständnis und eine Menge Respekt dafür zu entwickeln, wie unterschiedlich Lebenswege verlaufen können und wie sehr sich diese Wege dem Versuch entziehen, sie eindimensional bewerten zu wollen. Klar, auch ich kann mich ab und an so richtig ärgern, finde vieles falsch und verurteilenswert. Aber ich hasse nicht, ich versuche, nicht selbstgerecht und respektlos zu sein. Aus dieser „Wurzel“ speist sich auch meine „Unfähigkeit“ zu hassen, und meine Abneigung gegen ideologische Abgrenzung oder „Framing“, wie es heute heißt.

Hier wir, die Guten, da die anderen, die Bösen. So einfach ist die Welt nicht, und sein Leben nach einem Wertekompass auszurichten, heißt ja nicht zwingend, alles andere auszugrenzen und die eigenen Werte für unfehlbar und vollkommen zu halten. So wie das Glück oft im Kleinen liegt, so tut es auch die Wahrheit. Eine Einsicht, die nun ihrerseits tief in mir verwurzelt ist.

Wurzel und Krone

Aus einem Samen und Boden
Springt Wurzel und Wipfel hervor,
Die Wurzel rankt in die Tiefe,
Die Krone schwingt sich empor.
Sie saugen nur eine Nahrung,
Und wenn du dazwischenfährst
Und zersägst sie, sterben sie beide,
Der Wipfel aber zuerst.
Ludwig Seeger

Das Meer im Herzen

Zu unseren Wurzeln gehört ja auch das, was neben unserer Familie unsere „Heimat“ ausmachte und uns prägte. Für mich war es das Meer. Na gut, eigentlich war es der Strelasund, das Stück Wasser zwischen der Insel Rügen und dem Festland. Nicht weit vom Strand hatten wir in einer Bungalow-Siedlung ein kleines Häuschen, in dem ich viele Sommer meiner Kindheit verbrachte. Allerdings waren wir die meiste Zeit draußen, zum Beispiel auf „Abenteuerreise“ die Steilküste entlang, an den von Wind und Wasser freigelegten Wurzeln großer, alter, sturmgebeugter Bäume.

Bäume, die nicht zuletzt wegen ihrer schleichenden Entwurzelung nicht mehr allzulange zu leben hatten. Aber solche Gedanken erreichten uns in unserem Abenteuerdrang nicht, oder zumindest nur nach und nach. Oder wir waren stundenlang im Wasser, dort wo ich auch als notorischer Nichtschwimmer noch stehen konnten. Oder wir stromerten im Fischerhafen herum, eingetaucht in den Duft nach Tang und Teer, nach Räucherfisch und Salzwasser. Das prägt, das hat sich eingebrannt als Stück von einem selbst, und ich genieße es heute noch, immer mal wieder dort zu sein, selbst wenn es die Fischer von damals nicht mehr gibt.

Blaue Blume als Aquarell

Wurzeln aus Wasser

Aber nicht nur das Fischerdorf hat mir das Meer ins Herz gepflanzt, sondern auch die Tatsache, dass mein Vater viele Jahre Seemann war. Jeden Mittwoch haben wir Kinder ganz stolz in der „Ostsee-Zeitung“ unter „Schiffspositionen“ nachgelesen, wo das Schiff unseres Vaters grad auf den Meeren der Welt unterwegs war. Wenn er dann wieder zuhause war, gab es erst mal gefühlt Unmengen frischen Fisch zu essen. Und wenn der Hochseefisch alle war, ging es zum Angeln auf den Strelasund.

Allerdings habe ich eine Weile gebraucht, die Angel-Manie meines Vaters und meiner Geschwister zu teilen. Ich habe lieber länger geschlafen. Während mein Vater und meine Geschwister sehr früh auf waren, um zum Angeln aufs Wasser zu fahren, hab ich mich im Bett nochmal umgedreht und habe mich in den Tag geträumt. Es war für mich eine Horrorvorstellung, quasi mitten in der Nacht aufzustehen, nur um den Fischen aufzulauern und auf das Glück zu hoffen, einige davon mit nach Hause zu bringen.

Aber irgendwann hatte es dann auch mich erwischt, auch weil mein Vater es schaffte, mir seine Liebe zum Wasser, zum Wind, der die Wellen vor sich hertreibt, in mein jugendliches Herz einzupflanzen. Eine Wurzel, die quasi aus Wind uns Wasser bestand. So langsam wirkte der von meinem Vater beschworene Zauber der sommerlichen Morgenstunden, und er zog mich mehr und mehr in den Bann. Es war für mich ein wundervolles Gefühl, quasi gemeinsam mit dem Tag wach zu werden, die ersten Vögel zu hören, deren Gesang in der Stille des Tagesanbruchs so deutlich und nah zu hören war, als säßen die Sänger auf meiner Schulter. Die Luft war herrlich frisch, der Sonnenaufgang stand noch bevor, aber er kündigte sich bereits an. Der dunkelblaue Himmel bekam schon einen orange-roten Rand, dort, wo bald die Sonne aufgehen würde.

„  Wenn wir keine Wurzeln haben, an denen wir uns im Dunkel dann nachher entlangtasten können, um ans Licht zu gelangen − was dann? Denn dazu sind Wurzeln da. Sie reichen bis ins Licht, wenn es
richtige Wurzeln sind.“
Friedrich Kayssler

Wurzelmomente

Ein Morgen, der sich mir besonders eingeprägt hat, begann wie viele dieser Angelmorgen. Wir packten unsere Utensilien zusammen, schmierten wie jedes Mal unsere Brote, erinnerten uns gegenseitig daran, die Sonnencreme nicht wieder zu vergessen. Denn es sollte ein prächtiger Sommer- und Sonnentag werden. Als wir dann am Boot waren und auf das Wasser blicken konnten, war dieses kaum zu sehen – eine dichte Nebelbank lag direkt vor der Hafenausfahrt, und das spiegelglatte Wasser schien sich förmlich in Nebel aufzulösen. Langsam fuhren wir mit dem Boot hinaus, unseren gewohnten Weg, ohne ihn wirklich zu sehen.

Der Nebel verbarg jede Markierung, die Bojen waren vom Nebel verschluckt, das Ufer der gegenüberliegenden Insel unseren Blicken entzogen. Je tiefer wir in den Nebel eintauchten, desto faszinierender wurde es. Ich hatte einen solch dichten Nebel noch nicht erlebt gehabt – wenn man seinen Arm in Richtung Wasser ausstreckte, begann die eigenen Hand im Nebel zu verschwinden. Es war, als führe man durch eine dichte Wolke. Und je weniger zu sehen war, desto eigentümlicher wurde die Stille um uns herum. Selbst das Tuckern des Motors schien Teil der Stille zu sein, es war überdeutlich zu hören, aber irgendwie schien es dennoch leiser zu sein als sonst. Der Motor schien sich Mühe zu geben, die Stille nicht stören. Als wir ihn dann ausstellten und den Anker warfen, wurde die Stille beinahe absolut, und alles Belastende, Laute, Unruhige schien von uns abzufallen.

Solche Momente werden mein ganzes Leben sinnbildlich dafür stehen, wo ich herkomme. Dafür, wer ich bin, dank meiner Eltern, dank der Menschen, die mir die Augen und das Herz dafür geöffnet haben, was wichtig im Leben ist, dafür, was mich hält, wie starke, lebensspendende Wurzeln.

„  Die Wurzel der Liebe soll das Innerste deines Herzen sein:
Aus dieser Wurzel kann nichts als Gutes hervorkommen.“

Augustinus Aurelius
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