Fehler machen? Das ist doch kein Problem. In meinem Leben war ich immer bereit, Fehler anderer unter menschlich abzulegen. Fehler darf jeder machen. Aus Fehlern lernt man. Doch welche Erwartungen habe ich an mich selbst und an andere?

Ich habe mich immer gezügelt, von anderen zu viel zu erwarten. Von mir habe ich im Gegenzug immer sehr viel erwartet. Kaum hatte ich eine Leistung vollbracht, war ich auf dem Sprung zur nächsten Herausforderung. Heute weiß ich: Ich war Perfektionist und bin es immer noch am Rande.

Perfekt sein bedeutet, über den allgemeinen Anforderungen zu leben, immer mehr zu geben als erwartet wird. So blieb ich länger bei der Arbeit, nahm Arbeit mit nach Hause und sehe mich noch heute bei literarischen Texten nach den richtigen Wörtern ringen. Es kann Stunden dauern, bis ich eine halbe Seite geschrieben habe. Manches darf selbstverständlich perfekt sein. Gerade wenn es um Literatur geht, liegt mein Anspruch sehr hoch. Immer perfekt sein zu wollen, hat allerdings sehr viel mit einem Sicherheitsdenken zu tun. Es gibt nichts zu beanstanden – es ist ja alles perfekt.

Ist es wirklich erstrebenswert perfekt sein zu wollen?

Oder kann es sein, dass schlechte Laune, Lustlosigkeit, Stress und Enttäuschung aus dieser hohen Anspruchshaltung an sich selbst resultieren?

Die Erwartungshaltung bringt mit sich, dass bei Eintreffen des Unerwarteten, Enttäuschung folgt, Unzufriedenheit, Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Erwartungen haben zwei Gesichter. Gewisse Erwartungen an das Leben sind wichtig. Sie geben Orientierung, sorgen für eine gewisse Verlässlichkeit. Niemand ist in der Lage, sich jeden Tag auf Neues einzustellen. Zu hohe Erwartungen sorgen für inneren Stress. Außerdem engen sie ein. Es bleibt ja wenig Möglichkeit, dem Zufall ein bisschen Raum zu verleihen.

Vorgefertigte Erwartungen wie sich der Chef, wie sich Kollegen, Kinder, Partner verhalten sollen, sind Annahmen aus dem Reich der Fantasie. Real sind sie nicht. Das Verhalten anderer Menschen ist nicht planbar. Es kann sich jederzeit ändern.

Wie wäre es, die Erwartungen fallen zu lassen, sich von ihnen zu befreien, weil sie wenig mehr können als Glück, Freude und Neugier Fesseln anzulegen? Ich bin auch so ein Erwartungsmensch gewesen. Insbesondere im Umgang mit meinen Kindern ist mir das aufgefallen. Sollte zum Beispiel der Müll raus gebracht werden, staute sich mit jeder halben Stunde Wartezeit, weil es keiner machte, ein bisschen mehr Wut in mir an. Wir müssen uns nicht darüber unterhalten, dass der Müll nicht tagelang in der Wohnung lagern kann. Nur kommt es tatsächlich darauf an, ob die Tätigkeit in einer oder in vier Stunden ausgeführt wird? Eher selten.

Ich schreibe deshalb selten, da ich mich an den Fall einer Fliegenplage erinnere, da jemand vergessen hatte, im Hochsommer den Kuchen in den Kühlschrank zu stellen. Das war ein Einzelfall und es hat zwei Tage gedauert, die Wohnung von unzähligen Fliegen zu reinigen. Tatsächlich hätte ich hier und wohl berechtigterweise von meinen Kindern ein bisschen mehr Nachdenken erwartet. Aber nicht jeden Tag gibt es Ernstfälle im weitesten Sinn.

Loslassen

Erwartungen loszulassen, macht frei, sogar dann, wenn ich den Müll selbst entsorgen muss. Mein Ärger baut sich gar nicht erst auf oder er verfliegt sehr schnell.

Wie sieht ein Leben ohne Erwartungen aus? Ein Leben ohne Erwartungen bedeutet, die Realität zu akzeptieren, wie sie ist und damit auch die Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Niemand muss mehr so sein, wie er in der eigenen Vorstellung existiert. Enttäuschung, Frustration und Verärgerung wird der Boden genommen.

Keine Erwartungen zu haben, hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun. Nicht alles, was passiert, erfordert Zustimmung. Erwartungsfrei zu leben ist eine neue Haltung, ein neuer Wert, der das eigene Verhalten positiv beeinflusst.

Keine Erwartungen mehr zu haben, kann im Alltag gelernt werden. Ich erwarte nicht, dass der Bus unpünktlich kommt. Ich erwarte kein Lob für erbrachte Leistungen. Ich erwarte kein danke, für das, was ich tue. Ich erwarte nicht, im Restaurant schnell bedient zu werden. Ich erwarte nichts, außer vielleicht, dass mein Herz morgen noch schlägt, aber vermutlich sollte ich nicht einmal das erwarten.

Bei mir schleichen sich immer wieder Erwartungen ein. Ich nehme sie wahr und lasse sie gehen. Meine Erwartungen sind kein Abbild der Wirklichkeit, es sind lediglich meine Vorstellungen von einer Welt, die auf meiner Fantasie beruht. Ein Rechtsanspruch auf Verwirklichung ist nicht vorhanden.

Damit verabschiede ich mich gleichzeitig ebenfalls von der Erwartungshaltung, die andere an mich haben. Ich lebe nicht auf dieser Welt, um das Bild zu sein, dass andere von mir malen. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich an die absurde Haargeschichte, auf die ich mich eingelassen habe. Ich habe mich den Erwartungen eines anderen Menschen gebeugt und dafür meinen Selbstwert riskiert oder ihn auf jeden Fall erheblich beschädigt. Was nicht passt, das passt nicht. Ich möchte keinen Partner an meiner Seite, der Dinge von mir erwartet oder verlangt, die mit mir nichts zu tun haben. Ich möchte keine Arbeit machen, die mich Tag für Tag unglücklicher macht. Ich will diesem Bild nicht entsprechen, dass nur eine bunte und brüchige Fassade von meinem Wesen ist. Ich möchte ich sein und gemocht werden für das, was ich bin.

Und möchte das nicht jeder? Es gibt zahlreiche Schablonen, in die wir hineingepresst werden sollen. Nur was hat das noch mit Freiheit zu tun? Es wird an jeder Stelle reglementiert. Wir erwarten an die Hand genommen zu werden. Wir erwarten vom Staat, dass er darauf achten soll, dass wir nur Gesundes essen. Mit all den Erwartungen, die wir haben, fesseln wir uns Tag für Tag ein kleines Stückchen mehr.

Freiheit zu leben, ist nur ohne eine Erwartungshaltung möglich. Freiheit zu leben, hat eine Menge mit Akzeptanz zu tun. Ich muss bereit sein, anderen ihre Freiheit zu lassen, ob sie grüne Haare tragen oder tätowiert sind von oben bis unten. Ich muss sogar akzeptieren, wenn Menschen Dinge machen, die ich nicht tolerieren möchte. Ich muss bereit sein zu verstehen, dass menschliches Verhalten einer Normalverteilung entspricht. Da gibt es den Durchschnitt und es gibt extreme Abweichungen von diesem Durchschnitt.

Freiheit darf aus meiner Sicht nur da eingeschränkt werden, wo sie andere einschränkt oder bedroht. Je mehr Erwartungen in dieser Gesellschaft an uns gestellt werden, desto unfreier werden wir. Vielleicht sollten wir lernen, klug und verantwortungsbewusst zu handeln. Vorschriften sind nur da nötig, wo Verantwortungsbewusstsein Einzelner fehlt. Achtsamkeit mir und anderen gegenüber für eine Welt in Frieden. Ist das Utopie oder Fiktion?

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