Mit all seinen Notwendigkeiten ist mein Alltag eine wirkliche Herausforderung im positiven Sinn, was Achtsamkeit betrifft. Ich bin ein Mensch, der es liebt, tausend Dinge annähernd gleichzeitig zu machen. Während ich koche, singe ich laut zur Musik in der Küche und zwischendurch mache ich Ballettübungen, sehe nach Vorräten im Schrank, telefoniere und mache mir Gedanken zum Thema der nächsten Kurzgeschichte. Dieser Satz ist lang, so lang wie die Stunden in meinem Leben, in die ich dies und das hineinpacken muss oder möchte.

Dieses Verhalten ist allerdings ein Verhalten aus meinem früheren Leben, das mir eine Menge an Problemen eingebracht hat. Mir sind gerade Bilder aus meiner Kindheit aus dem Gedächtnis gefallen und mir wird klar, dass ich als Kind bei vielen Handlungen stark intrinsisch motiviert war. Ich sehe nicht, dass ich Bestrebungen hatte, Dinge gleichzeitig zu erledigen und ich frage mich wirklich, wann ich damit angefangen habe, etwas zu machen, was ich mir heute wieder abgewöhne.

Achtsam sein

Oft stand ich früher stundenlang mit einem Mikrofon in der Hand im Wohnzimmer und habe gesungen. In mühsamer Arbeit habe ich Stirnbänder aus Perlen hergestellt, die alten Hemden meines Vaters auseinander geschnitten, um daraus Neues zu nähen. Aus dem Keller habe ich mir alte Kleider von meiner Mutter aus den 60ern geholt und mich verkleidet. Ich habe geschrieben, gemalt und ich war immer beschäftigt, allerdings immer nur mit einer Aufgabe. Diese Fähigkeit habe ich im Verlauf der Jahre verloren. Sie ist mir abhanden gekommen. Noch vor zehn Jahren konnte ich nächtelang schreiben, weil mich eine Geschichte so fasziniert hat. Ich saß Stunden vor dem Computer, tief versunken in meine Gedanken und wenn ich ein Ziel niemals hatte, war es mit dem Schreiben jemals Geld zu verdienen. Ich schrieb, weil das Schreiben meinem inneren Bedürfnis entsprach.

Irgendwann – vielleicht durch die Scheidung bedingt – trat bei mir der Wunsch auf, erfolgreich zu werden. Ab diesem Zeitpunkt wurde Schreiben nach und nach zu einer Arbeit, die gelingen sollte. Und ich nehme an, sicher bin ich nicht, dass mein intrinsisches Handeln zu dieser Zeit verloren ging. Aus einer geliebten Beschäftigung habe ich eine Notwendigkeit gemacht und meine Liebe zum Wort löste sich Stück für Stück auf. Auch meine Aufmerksamkeit in Bezug auf andere Dinge ließ nach. Ich hatte immer weniger Freude, an den Dingen, die ich tat. Das Meiste war überlagert von einem Zwang. Wie kann so etwas sein? Geld oder zumindest die Hoffnung auf Geld trieb mich an und ich entfernte mich immer weiter von meinem eigentlichen Ziel, schrieb immer weniger und vor allem keine Stunden mehr am Stück. Argwöhnisch sah ich auf meine Texte, meine Erwartungshaltung an ihre Qualität wuchs ins Unermessliche. Ich brauchte Stunden für eine einzige Seite. Ich bin heute in einer guten Position. Ich muss nicht mehr schreiben, um damit Geld zu verdienen, weil ich ein recht sorgenfreies Leben führen darf. 

Achtsamkeit beginnt im Alltag

Nirgendwo lässt sie sich besser üben und regelmäßiger anwenden. Es sind die kleinen Dinge am Tag, sei es Haare waschen, einen Apfel essen, spülen, Dinge, die Aufmerksamkeit verdienen, wie nichtig sie erscheinen mögen. Den Apfel im Mund in Bestandteile zu zerlegen, ihn wirklich zu schmecken, das eigene Haar zu betasten, seine Struktur zu erfühlen – es kommt einem merkwürdig vor, so was zu machen. Die Gesundheit ist ja noch soweit vorhanden, also ist der Bedarf zur Handlung gering. Lässt man sich allerdings darauf ein, wird den Meisten unweigerlich klar, dass das, was sie bei Achtsamkeitsübungen spüren, fühlen oder schmecken weitaus differenziertere Empfindungen sind. Berührungen werden intensiver, der Geschmack von Speisen nimmt andere Formen an, Geräusche verändern sich.

Wer sich mal am Rande mit den Heilmethoden aus der Traumatherapie befasst hat, stellt unweigerlich fest, dass es bei den Methoden gewisse Ähnlichkeiten gibt. Generell geht es um das bewusste Wahrnehmen des eigenen Körpers und natürlich auch der Umwelt. Traumapatienten verlieren das normale Körperbewusstsein. Dieser Zustand ist krass und kann von Gesunden kaum nachvollzogen werden. Macht sich der Gesunde allerdings deutlich, dass viele Körperwahrnehmungen von ihm im Alltag nicht empfunden werden, er also übertrieben gesagt, seinen Tag mehr oder minder außerhalb seines Körpers verbringt, mag er die Notwendigkeit erkennen, seine Wahrnehmung ein bisschen zu fördern und Seele und Körper und damit sich selbst, Achtung entgegenzubringen.

Ich nehme an, es gibt deutlich mehr Menschen als angenommen, die im Ansatz unter einem Körpertrauma leiden, weil Berührungen und Streicheleinheiten fehlen und egal wie banal es erscheinen mag: Der Körper braucht Berührung, unser Wahrnehmungssystem aus Sinnen möchte gefordert und gefördert werden und das nicht nur auf einem Kanal. Schmecken, riechen, hören, sehen, fühlen – all das ist Wahrnehmung und werden diese Sinne nicht mehr geschult, verkümmern sie. Sehen, hören und riechen sind Sinne, die noch am meisten eingesetzt werden, da sie kaum auszuschalten sind. Taktile Reize lassen sich dagegen sehr leicht auf ein Minimum begrenzen und auch die emotionale Ebene ist relativ leicht zu betäuben.

Kinder werden vor Fernseher gesetzt, anstatt in der freien Natur ihre Kompetenzen hinsichtlich motorischer Fähigkeiten zu schulen. Es gibt tatsächlich Kinder, die sich bei den geringsten Stürzen verletzten,weil sie den Umgang mit ihrem eigenen Körper nicht gelernt haben. Und es gibt auch Kinder, die emotional verkümmert sind, weil ihnen Streicheleinheiten und liebevolle Worte fehlen.

Ist es wirklich so schwierig, achtsam zu leben und diese Achtsamkeit auch anderen Menschen entgegenzubringen?

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