Vor Kurzem habe ich meine Mama verloren. Obwohl ich wusste, dass ihre Lebenszeit ablief, war es am Ende doch unerwartet. Wohl eine Erfahrung, auf die wir uns nicht vorbereiten können und die uns immer wie ein Schlag trifft.

Wir hatten in den letzten Tagen die Möglichkeit, einiges zu klären und uns offen über den Tod und auch das Leben zu unterhalten. Ein grosses Geschenk, das nicht jedem vergönnt ist. Ob es den Abschied leichter macht, sei dahingestellt. Doch darum geht es nicht. Vielmehr geht es mir in diesem Artikel um unsere Lebensziele, die wir uns irgendwann einmal gesteckt haben. Vielleicht reflektieren wir diese von Zeit zu Zeit und nehmen eine Kurskorrektur vor. Vielleicht bleiben sie ein Leben lang dieselben – insbesondere dann, wenn es uns schwer fällt, sie zu erreichen.

Sind Lebensziele da, um sie zu erreichen?

Was ich rückblickend auf wehmütige Art spannend finde, ist, dass wir uns selten über die Dinge freuen, die uns geglückt sind. Vielmehr grämen wir uns der Lebensziele, die unerfüllt blieben oder die wir nicht „geschafft“ haben. Da ist plötzlich noch so viel, was wir erleben, sehen, tun oder erledigen wollten.

Nun endet unser Leben nicht in dem Moment, in dem wir alles erledigt und erreicht haben. Es geht nicht um Perfektion oder den idealen Abschluss von allem. Das Leben hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigenen Regeln und auch seinen eigenen Zeitpunkt für das Ende.

Währenddessen befinden wir uns auf einer Berg- und Talfahrt, streben nach Glück, Liebe und eben der Erfüllung unserer Lebensziele. In unserer Leistungsgesellschaft liegt der Fokus dabei auf dem Erfolg. Die Wertschätzung anderer wird uns zuteil, wenn wir erfolgreich sind. Über Misserfolge und Fehlschläge versucht man hinwegzusehen oder sie gar unter den Teppich zu kehren.

Anerkennung für unsere Bemühungen

Bereits in der Schule erfahren wir viel Lob für die Fächer, in denen wir glänzen. Für meine Aufsätze wurde ich stets gelobt und allgemein erfuhr ich Anerkennung für meine Sprachfähigkeiten. Mit Mathe hingegen habe ich immer gekämpft – was spreche ich in der Vergangenheit, es ist noch heute so. Da hiess es dann bloss: Beim nächsten Mal ist die Note sicher besser! Diese Floskel war weder Belohnung noch Trost für all die Mühe, die ich investiert hatte.

Ist es aber nicht so, dass wir an den Dingen, die uns Mühe bereiten, viel schwerer tragen? Den Aufsatz schrieb ich lockerflockig aus dem Handgelenk. Vor Matheprüfungen habe ich stundenlang gebüffelt, Blut und Wasser geschwitzt und trotzdem kaum einmal eine genügende Note erreicht. Müsste daher die Anerkennung nicht vielmehr auf meinen Bemühungen in Mathe liegen? Müssten wir nicht für das gelobt werden, was uns schwer fällt und wir trotzdem versuchen?

Wie sehr sich meine Mama ab den Dingen grämte, die sie in ihren Augen nicht perfekt gemacht hat, weiss ich. Was, wenn ich mich nun nicht dieser Gram anschliesse oder Mitleid verspüre? Was, wenn ich stattdessen Hochachtung empfinde für all die Dinge, die sie nicht erreicht hat? So schwer ich selber immer noch an der Krux mit den Zahlen trage, so schwer trug meine Mama an ihren unerfüllten Zielen.

Mit Hochachtung für dich!

Für einmal möchte ich meiner Mama, mir und allen Menschen, die schwer an ihren Herausforderungen tragen, Hochachtung dafür aussprechen. Hochachtung für die Bürde, die wir tragen, den schweren Rucksack, den wir manchmal ein ganzes Leben lang mit uns herumtragen und für die Dinge, die permanent an uns nagen – und die wir trotzdem weiter verfolgen.

Im Leben geht es nicht um Perfektion oder darum, am Ende alles geschafft zu haben. Ich masse mir nicht an zu wissen, worum es wirklich geht. Diese Antwort muss jeder für sich selber finden. Aber klopfen wir uns einmal auf die Schulter für alle Herausforderungen, denen wir begegnen. Anerkennen wir uns für unsere unerreichten Ziele. Anerkennen wir uns für die Arbeit, die wir in diese Ziele stecken und dafür, dass wir es immer wieder versuchen.

Mit Hochachtung

Nadine

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