Unser Hörsinn ist unser am meisten differenzierter Sinn. Die Signale, die er aufnimmt, gehen nicht selten mitten ins Herz, lösen die verschiedensten Emotionen aus. Gerade die Welt der Klänge zeigt, wie sehr Außen und Innen aufeinander reagieren.

Was erregt vor allem weibliche Zuhörer am hohen C eines Operntenors? Warum ist der Klang einer Stimme beruhigend, und warum gehe ich manchmal in Abwehr? Klänge, und damit gewisse Schwingungen werden schon lange als Mittel der seelischen Manipulation des Menschen eingesetzt. Manche Klänge wirken harmonisierend und heilend, andere bringen Wahnsinn, wie etwa die Gesänge der Sirenen, denen sich Odysseus nicht ohne Vorkehrungen aussetzen wollte. Er ließ sich an den Segelmast binden, um den verlockenden Klängen nicht zu erliegen. Auf diese Weise segelte er an den gefährlichen Klippen vorbei.

Klänge sind machtvoll, gefährlich und heilend. Es kommt darauf an, wie sie eingesetzt werden. Die destruktiven Frequenzen, mit denen militärische Institutionen arbeiten, sind der Gegenpol jener Schwingungsbereiche, die nicht behindernd, sondern unterstützend wirken. Unterstützend zum Beispiel im psychischen Bereich. Wird die Seele mithilfe von Klängen wieder in eine harmonische Schwingung gebracht, und kann sie sich in dieser halten, wirkt sich die Klangtherapie sehr positiv auf die Gesundheit aus. Lärm und Krankheit sind miteinander verbunden, aber auch Heilung mit einer bestimmten Musik.

Während einer Phase meines Lebens genoss ich eine Stimmausbildung bei einem Tenor. Ich selbst bin Bass und lernte, Kehle und Brustraum weit zu öffnen, und den ganzen Körper als Stütze und Resonanzboden zu nutzen. Durch diese Ausbildung kam ich wieder in Kontakt zu meinem Körper. Später erschloss sich mir die vedische Klangwelt altindischer Mantren und ihrer heiligen Klänge wie das berühmte OM. Heilig werden diese Art Frequenzen genannt, weil sie behilflich sind, den Menschen wieder heil zu machen, denn viele haben, wie ich einst, sich von ihrem innersten Wesen entfremdet, sie spüren sich nicht mehr oder nur noch bestimmte Bereiche ihrer Gefühlswelt.

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Kann Gefühlskälte durch Klänge positiv beeinflusst werden? Ich bin davon überzeugt. Ich habe Besucher der Bayreuther Festspiele erlebt, die sich an den mystischen Klängen Richard Wagners regelrecht berauschen konnten. Einige meiner Begleiter, die ich als eher reserviert kannte, gerieten regelrecht aus dem Häuschen, wenn Tristan und Isolde im Liebestod miteinander verschmolzen. Die musikalische Ekstase steckte sie an. Plötzlich war der steife Rechtsanwalt aufgetaut wie nie zuvor. Er schwärmte, lobte, war im wahrsten Sinn des Wortes begeistert. Von der Inszenierung? Nein, aufgrund der Erhöhung seiner Schwingungsfrequenz. Für kurze Zeit fühlte er Begeisterung. Sie erhob ihn.

Nicht nur die Stimmung in einem Fußballstation kann auf einen reservierten Zuschauer überspringen. Spielt das Orchester die Musik langweilig, wird auch das Publikum in einem Opernhaus gelangweilt und es folgt ein enttäuschtes „Buh“ wenn der Vorhang fällt. Wird die geniale Musik vom Dirigenten dem Orchester richtig vermittelt, springt der Funke von diesem auf die Sänger und schließlich auf das Publikum über und erzeugt ein Schwingungsfeld der Begeisterung im Opernhaus, das sogar sture Böcke zu anhaltendem Applaus hinreißt. Wie sagte einst ein Musikkritiker: Die Zuschauer des Klangspektakels sind auf ihre Kosten gekommen. Klassiker wie Wagner haben die Fähigkeit, den Menschen zu entrücken!

Was geschieht aber psychologisch – nicht nur beim hohen C des Heldentenors? Es entsteht eine Auszeit vom Alltags-Ich, vom Ego. Das Denken wird ausgeschaltet, ekstatische Gefühle werden freigesetzt – fühlbar in Begeisterung.

Nun hatten die alten Inder im Vergleich zu Wagners Riesenorchester eher bescheidene Mittel. Doch waren sie – was die ekstatischen Erlebnisse angeht – ebenso effektiv. OM – der kosmische Klang ist durch häufige Wiederholung in der Lage, das Bewusstsein aus dem alltäglichen Denken in kosmische Sphären zu entrücken. Erwachte Meister haben schon vor mehr als zweitausend Jahren Verhaltensmaßnahmen (Singen, Beten, Tanzen, Yoga, Chi-Gong usw.) entwickelt, die das alltägliche Bewusstsein transformieren können. Buddhas, die Erwachten, handeln aus Mitgefühl für jene Seelen, die sich dunklen Schwingungen und damit leidvollen Erfahrungen aussetzen. Auch Wagner blickt aus der Perspektive des erwachten Menschen auf jene, die in den niederen Schwingungsebenen verfangen sind und Hinweise zur „Heimreise“ benötigen.

Wacht auf! Seine Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ hat diese Botschaft. Verfangen im Alltag, gehalten in Kümmernissen und Sorgen verbringt dieser alltägliche Geist seine Zeit in Angst. Das ist eine niedere Schwingung, die der Gesundheit nicht förderlich ist. Diesen niederen Frequenzen, die vom sich sorgenden, ängstlichen Verstand ausgehen, können kompensiert werden durch Klänge der Oberwelt.

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Für mich war die Entdeckung der Macht der Klänge eine Offenbarung und eine dankbare Hilfe auf dem Weg durch mein Jammertal. Um mich herum herrschte großes Klagen über die Schlechtigkeit der Welt und ich stimmte mit ein. Ich lebte lange im Protest, im Lärm, im Geschwätz, der Hetze und der Verleumdung. Dann wurde mir bewusst: All diese Schwingungen gehören zur Unterwelt. Alle Gefühle von Mangel, Ungerechtigkeit, Ohnmacht und die Wut über sie. Die dunklen Gefühle zu erfahren und zu erleiden ist aber nur eine Seite des Spiels des Lebens. Die Klänge der höheren Sphären sind ebenso mächtig und real wie die der Unterwelt.

Wer sich bewusst die Klänge der Oberwelt erschließt, hat ein mächtiges Instrument in der Hand, die Anspannungen, die Negativität zu neutralisieren. Wenn der Körper verspannt ist, hilft eine Körpermassage. Wenn der Geist verspannt ist, hilft eine Klangmassage ebenso wie das Intonieren heiliger Klänge. OM.

Über den Autor

Profilbild von Hartwig Kopp-Delaney

Ein Lebenskünstler mit Erfahrungen unterschiedlichster Jobs. Ich wurde groß in der Tischlerei meines Vaters und setzte meine handwerklichen Fähigkeiten beim Renovieren von alten Häusern um. Ein Reitunfall veränderte mein Leben. Während ich in Büchern nach dem Sinn des Lebens stöberte und Antiquitäten im eigenen Geschäft verkaufte, begann ich Gedichte zu schreiben, einen Roman und schließlich psychologische Sachbücher, Vom Handel mit Gemälden zog ich mich zurück und leitete 12 Jahre ein Seminarhaus. Nach und nach entwickelte sich meine Freude an der Bildkunst, wie sie hier zu sehen ist. Bildgestaltung mit Hilfe von Computerprogrammen. Im Mittelpunkt stehen der Sucher und die Entdeckungen auf dem Pilgerweg, der seit vielen Jahrhunderten als Quest oder die Suche nach dem heiligen Gral bezeichnet wird.

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