Als Lottofee aus dem Fernsehen symbolisiert man geradezu das Glück - zumindest für die Gewinner. Aber Glück ist viel mehr, sagt die Lottofee ...

 

Wie oft werden Sie eigentlich als Lottofee zum Thema Glück befragt?

Franziska Reichenbacher: Gefühlt waren es bestimmt an die paar tausend Mal, in Wirklichkeit natürlich nicht ganz so oft. Aber gerade in diesen Tagen – Lotto feiert seinen 60. Geburtstag und die TV-Sendung im Ersten feiert ebenfalls ein Jubiläum – werde ich wieder häufiger gefragt. Glück ist im Grunde das Thema meiner wöchentlichen Sendung, insofern gelte ich wohl inzwischen ein wenig als „Expertin“ oder vielleicht als Botschafterin für das Glück.

Halten Sie selbst sich denn für eine „Expertin“ in Sachen Glück?

Reichenbacher: Ja und nein. „Nein“ unter anderem auch deshalb, weil im Grunde niemand Experte für das Glück anderer Leute sein kann. Die individuellen Unterschiede sind so groß, da kann es kein allgemeingültiges Rezept zum Glück geben. Schön wär’s ja! Aber natürlich gibt es ein paar Grundsätze und Weisheiten, die ich für richtig halte, die ich befolge und die ich auch weitergebe, wenn ich danach gefragt werde. Insofern also auch „Ja“. Im Grunde bin ich durch meine Arbeit als Moderatorin der Lottosendung im Ersten ein bisschen zur Forscherin in Sachen Glück geworden.

Franziska Reichenbacher ist als Moderatorin und Lottofee für die ARD und den Hessischen Rundfunk im Einsatz HR/Andi Frommknecht

Franziska Reichenbacher ist als Moderatorin und Lottofee für die ARD und den Hessischen Rundfunk im Einsatz

Dieses Thema, diese Rolle als „Glücksfee“, hat mein Leben natürlich geprägt und es ist ja auch ein interessantes und spannendes Thema. Ich beschäftige mich gerne damit. Hinter den Lottozahlen steckt im Grunde immer die Frage nach dem Glück. Welche Vorstellung, welchen Traum vom Glück habe ich? „Was mache ich, wenn ich den Jackpot knacke? Wie kann ich glücklicher werden? Was brauche ich überhaupt, um glücklicher zu sein?“

„Geld allein macht nicht glücklich.“ So lautet einer der gern gemachten Sprüche. Aber ist es nicht nur die halbe Wahrheit?

Reichenbacher: In solchen Redensarten steckt meist ein wahrer Kern, aber sie verkürzen die Dinge. Denn natürlich kann Geld glücklich machen. Der Wunsch, den Jackpot zu knacken, ist doch nur ein Synonym für die Hoffnung auf ein glücklicheres, sorgenfreieres Leben – auf ein womöglich selbstbestimmteres Leben, weil man plötzliche finanziell unabhängig ist. Das kann mit einer ausreichend gefüllten Portokasse – um es mal salopp auszudrücken – sehr wohl möglich werden und damit wären doch die allermeisten Menschen schon sehr glücklich. Das alles versuche ich in meinen TV-Moderationen ein wenig zu reflektieren. Knapp 800 Sendungen habe ich hinter mir, also 800 Moderationen, in der ich immer wieder auf das Thema eingehe. Da die Sendung inzwischen relativ kurz ist, natürlich nicht als langer, philosophischer Diskurs.

Nicht selten heißt es, der Weg zu mehr Glück führe vor allem über den Verzicht, über das Los- und Weglassen. Ist das nicht das Gegenteil von einem Lottogewinn?

Reichenbacher: Auch darin liegt durchaus eine Wahrheit. Nur ist dieser Standpunkt besonders für jene leicht zu formulieren, die finanziell gut da stehen, die aus der Fülle heraus das dann für sich entdecken können. Wer schon relativ viel erreicht hat, wer materiell aus dem Vollen schöpft, kann viel einfacher beschließen, auf etwas zu verzichten. Ganz sicher ist es möglich und wunderbar, Glück im Verzicht, in der Reduktion, empfinden zu können. Dabei entdeckt man oft den Wert der Langsamkeit, der Entschleunigung und der Nachhaltigkeit.

Aber ich habe immer ein Problem mit solchen Aussagen, weil die allermeisten Menschen eben nicht aus den Vollen schöpfen können, keinen großen, materiellen Reichtum haben oder materielle Sicherheit erleben dürfen. Sondern sie erleben oft eben genau das Gegenteil, das heißt unsichere, sogar bedrückende Lebensverhältnisse. Wer gerade so über die Runden kommt, wird sich viel schwerer am Verzichten erfreuen können. Dennoch, ich persönlich glaube daran, würde es aber keinesfalls als „allein selig machend“ behaupten.

Wie kann man diesen Aspekt im praktischen Leben umsetzen?

Reichenbacher: Man kann im Kleinen damit anfangen. Ich achte im Alltag, bei kleinen Dingen auf Nachhaltigkeit. Ein einfaches Beispiel: Beim Einkaufen lasse ich mir möglichst keine Plastiktüte geben, habe also eine Tasche dabei. Dann bemühe ich mich, beim Einkaufen so wenig Verpackungsmüll wie möglich mit heimzutragen, um weniger Müll zu produzieren. Ich shoppe natürlich auch gerne, kaufe aber sehr bewusst ein, frage mich vorher immer, was ich oder andere wirklich brauchen, suche schöne und qualitätsvolle Produkte aus. Mit der Zeit entdeckt man, dass man gar nicht so viel braucht; das fühlt sich gut an und das genieße ich. In dieser Reduzierung oder in der Konzentration auf die wesentlichen Dinge, bin ich glücklicher, als in einem Konsum, der mich nur kurz erfreut und schnell enttäuscht. Alle die Sachen, die mich nicht wirklich lange anlächeln, sondern bald in irgendeiner Ecke stehen, die spare ich mir. Das versuche ich auch meinen Kindern beizubringen, aber wenn ich deren Kinderzimmer sehe, sehe ich, dass ich bisher wenig erfolgreich damit war (lacht).

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