Duschen und Baden sind in unserem Alltag banale Selbstverständlichkeiten. Ein Bad ist aber mehr als das schlichte Entfernen von Schmutz. Es ist ein kulturell geprägtes Ritual, das auf der ganzen Welt gleichermaßen gepflegt und genossen wird.

Gebadet wird seit Anbeginn der Menschheit: allein und öffentlich, kalt und heiß, zum Vergnügen, aus sportlichem Ehrgeiz, im Rahmen religiöser Zeremonien und im sprichwörtlichen Sinne. Das Bad ist untrennbar mit seinem sozialen und geschichtlichen Kontext verbunden – und kam zwischendurch immer mal wieder aus der Mode. So vertrieben sich die Römer die Zeit in aufwändig gestalteten Thermen, während barocke Adlige lieber die Puderquaste als den Waschlappen benutzten.

Wasser pur

Heute erfordert ein Wannenbad eine ganze Reihe kniffliger Entscheidungen: Badeperlen oder schäumende Badebomben, Eukalyptusessenz oder quietschbuntes Pulver mit Bonbonduft? Die Kommerzialisierung des Badespaßes ist eine Wanne ohne Stöpsel. Angefangen hat die Geschichte des Badens allerdings mit etwas so Klarem wie Essentiellem: dem puren Wasser. Bevor es Wasserleitungen und Badewannen gab, wuschen sich die Menschen in Seen, Flüssen und Bächen. Große Hochkulturen wie die der Ägypter verdanken ihren Glanz der Nähe zum Wasser, das nicht nur Felder begrünte, sondern den Menschen den Vorteil sauberer Haut und Kleidung verschaffte. Der Zugang zu frischem Wasser ist seit jeher ein Indikator für Lebensqualität und Hygiene. Was Herrscher und Adlige betraf, so tauchten diese schon im alten Mesopotamien und Griechenland luxuriöser ab: in eigenen Badezimmern ließen sich Könige in Wannen aus gebranntem Ton die Köpfe waschen. Während das Fußvolk seit dem 5. Jahrhundert v. u. Z. in öffentlichen Bädern entspannte, plauschte und sich die Zeit vertrieb, verbargen die Herrscher ihre königliche Blöße im Privaten. Schließlich ist ein König ohne Kleidung nur ein nackter Mann.

Das alte Rom bewies Wissen und Baukunst auf vielen Gebieten, so bekanntermaßen beim Bau von Wasserleitungen. Diese ermöglichten den großangelegten Bau von Thermen. Die Römer bewiesen dabei Erfindergeist und schufen Anlagen, die den heutigen Spa-Tempeln in nichts nachstanden. Durch tönerne Leitungen wurde die Luft mit heißem Dampf beheizt, es gab Schwitzbäder, warme Aufenthaltsräume und Umkleidekabinen. Bronzene Ventile verbanden die Rohre miteinander. Hier ließ sich im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit vertreiben. Mit dem Untergang des Römischen Reiches kam auch die kostenintensive und aufwendige Badekultur aus der Mode. Das Wissen der Römer geriet in Vergessenheit. Jetzt hieß es wieder Wassereimer schleppen … Das Mittelalter glänzte mit rustikalem Minimalismus: hier schrubbte sich die Elite in Klöstern und Burgen in hölzernen Badezubern. Damit sich die empfindlichen Teile des Körpers keine Splitter zuzogen, wurden die Wannen mit Brokattüchern oder – eine Nummer kleiner – mit Leinen ausgelegt. Ein Brauch, der auf Mittelaltermärkten sein abenteuerliches Revival findet. Der Reinlichkeitssinn der Untertanen hielt sich in Grenzen, bis die Kreuzzüge neben Tod und Verderben neue Erkenntnisse brachten.

Die gute Badestube

Die Ungläubigen des Morgenlandes stellten sich nicht nur in Sprache, Wissenschaft und Kunst als unerwartet zivilisiert heraus, sondern auch bei der Körperpflege. Nach islamischem Vorbild schossen Badestuben wie Pilze aus dem Boden. Zünftige Orte nicht nur der Reinlichkeit, sondern auch von Gelage, Gezeche und Gesang. Der Bader war den ganzen Tag damit beschäftigt, heißes Wasser zu schleppen. Um ein vorschnelles Auskühlen zu verhindern, wurden Tücher über die Zuber gedeckt. Gleichzeitig kamen ihm medizinische Aufgaben zu. Das Schröpfen war zu dieser Zeit so schwer in Mode, dass sich Kritiker lautstark um die Gesundheit der Patienten sorgten. Zu dieser Zeit versprach besonders das blutige Schröpfen Abhilfe bei diversen Zipperlein, was bei häufiger Anwendung zu einem nicht unerheblichen Blutverlust führte. Außerdem war der Bader zuständig und kundig bei Massagen mit Öl oder Kräutertinkturen, setzte Blutegel, stellte Badelauge, schnitt Haare, rasierte und pedikürte.

Der Beruf des Baders erfreute sich im 12. Jahrhundert in Österreich, Süddeutschland, Italien und Frankreich großer Beliebtheit. Es war nicht unüblich, Tagelöhnern ein Badgeld zu bezahlen oder seine Angestellten zu einem Bad einzuladen. Aus Zürich ist bekannt, dass die Einladung in die Badestube nach der Predigt von der Kanzel ausgesprochen wurde – wobei Geistlichen ein Gang ins Bad nicht gestattet war. In der Geselligkeit der Badestuben lag schließlich ihr Niedergang begründet. Wo sich viele Menschen schwitzend und nackt tummeln, halten die Krankheitserreger Fettlebe. Zumal das Zuber-Wasser nicht nach jedem Gast gewechselt wurde. Pest, Syphilis und Tuberkulose fanden rasche Verbreitung. Hinzu kam, dass Holz durch voranschreitende Rodung und einen hohen Verbrauch zunehmend mehr kostete. So gehörten die Badestuben des Pöbels der Vergangenheit an, während Adlige die Mineralquellen für sich entdeckten. Die Aufklärung brachte Europa schließlich die ersten öffentlichen Badeanstalten. Die feinen Herren und Damen dagegen schätzten das Bad als geselliges Erlebnis im Salon. Leichte Kupfer- und Bronzewannen lösten die klobigen Zuber ab. Echte Luxusprodukte waren marmorne Wannen: der Stein wurde erhitzt und gab seine Temperatur an das kalt eingefüllte Wasser ab. In den Städten erhielten die einzelnen Wohnungen Wasseranschlüsse, wobei es in einer durchschnittlichen Wohnung anfangs noch kein eigenes Badezimmer gab, sondern Schüsseln, Krüge und Waschtisch in einem Wohnraum untergebracht waren.

Es wird geduscht

An Bedeutung gewann auch das ‚Brausebad‘, ein Vorgänger der Dusche. In einer flachen Wanne stehend, ließ der Badende Wasser aus einer Leitung oder einem Behälter auf sich regnen – eine fortschrittliche Erfindung, die von Vereinen in Parks und auf öffentlichen Plätzen gefordert und schließlich in Kasernen und Schulen obligatorisch wurde. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, der Ära der Hygiene, des Volkssports und der Massengymnastik, erlangten die öffentlichen Bäder ihren Durchbruch und die privaten Badezimmer wurden ausgefeilter und, ja, privater. Das Badezimmer ist ein sensibler Ort der Intimität, der Platz, an dem Hüllen fallen, Makel und Schönheit gleichermaßen entblößt werden. Der Zustand des Bades ist nicht selten ein Gradmesser für die Reinlichkeit des Besitzers – ein Grund, weshalb die Erlaubnis zur Benutzung eines fremden Badezimmer einer Vertrauensgeste entspricht. Der Schlüssel in der Badezimmertür garantiert Abgeschlossenheit und Unbeobachtetsein – und dies ist wohl die wichtigste Zutat für ein gelungenes Bad. Neben heißem Wasser natürlich. Kacheln, angelaufene Spiegel, das Schlappen von Badelatschen, gechlortes Wasser – nicht jeder findet seinen Badegenuss in der heimischen Duschzelle oder dem örtlichen Freibad.

Ab nach draußen

Das Baden in freier Natur ist, wie vor Jahrtausenden, immer noch ein Erlebnis ganz eigener Güte. Aufregend ist es, über die dunklen, kühlen Untiefen eines Sees zu schwimmen im Bewusstsein, ein Gast in diesem Gewässer zu sein Oder das Meer, in dem das Wasser nicht gezähmt in einem Behältnis der Benutzung harrt. Wo sich seine stürmische Seele zeigt und man als Schwimmender Weite empfindet, und eine Kleinheit, die beängstigend und beruhigend zugleich sein kann. Das Bad ist ein besonderer Akt. Wir setzen unser größtes Organ – unsere Haut – und uns Selbst dem Wasser aus. Baden ist nicht nur hygienische Praxis. Es bedeutet Kommunikation mit dem eigenen Körper und ist eine Begegnung mit dem Element, das für die Existenz der Menschheit die entscheidende Rolle gespielt hat.

Dies ist ein Artikel aus dem AUSZEIT-Magazin.

Über den Autor

Schreiben ist Denken auf dem Papier - gemäß diesem Motto werfe ich mein Oberstübchen mittlerweile regelmäßig für das AUSZEIT-Magazin an. Spannend ist dabei jede Form des Perspektivwechsels. Es lohnt sich, unter immer wieder anderen Aspekten die eigenen Gedanken auf die Reise zu schicken, sie anecken und sich entfalten zu lassen. Das Magazin fordert meine philosophische Seite, die ich mit einem Studium der Germanistik und Geschichte möglicherweise etwas vernachlässigt habe. Aber im Leben ist es nie zu spät. Wie man sieht.

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