Egal ob Jung oder Alt, Mann oder Frau – kaum jemand kann sich der Verlockung von Schokolade entziehen. Sie versüßt uns das Leben, gibt Energie und ist auch in schwierigen Momenten ein tröstender Freund. Doch sie kann noch viel mehr.

Schokolade gibt es heute in unzähligen Variationen, doch ganz gleich, in welcher Form oder geschmacklichen Komposition sie daherkommt, eines bleibt immer gleich: Ihr Ruf als süße Sünde, die uns glücklich macht, wie es so oft heißt. Und an diesem halten wir nur allzu gern fest, ignorieren alle Warnungen, die die dunkle Leckerei als gefährliche Dickmacher anprangern. Immerhin fühlen wir uns nach dem Biss in ein Stück Schokolade gut. Irgendetwas muss doch also am Mythos des Glücklichmachers dran sein. Doch das hat keineswegs so viel mit den Inhaltsstoffen der Leckerei zu tun, wie wir gern glauben wollen.

Mit allen Sinnen

Verantwortlich für das wohlige Gefühl in unserem Inneren ist das Glückshormon Serotonin, das im Köper freigesetzt wird, wenn bestimmte Stoffe aus der Schokolade abgebaut werden. Prinzipiell wird dabei unser Stimmungsbarometer auch gesteigert, doch die Konzentration der vor allem im Kakao enthaltenen Stoffe reicht bei Weitem nicht aus, um der braunen Köstlichkeit real eine stimmungsaufhellende Wirkung zu attestieren. Für unseren Körper ist sie aus dieser Perspektive also nichts Besonderes, denn auch andere Nahrungsmittelregen die Serotonin-Freisetzung an.

Dass wir uns dennoch so gut dabei fühlen, hat vielmehr etwas mit unserer Wahrnehmung zu tun, denn der Biss in ein Stück Schokolade ist eine äußerst sinnliche Angelegenheit. Schon der Anblick dieser glänzenden, oftmals auch mit einem Muster geprägten Oberfläche spricht unser Gefühl für Ästhetik an, ihr betörender Duft verleitet uns nur all zu leicht dazu, den entscheidenden Schritt zu wagen, dessen Tragweite uns erst auf der Zunge richtig bewusst wird. Da Schokolade bei Körpertemperatur zu schmelzen beginnt, zerrinnt uns die süße Leckerei sprichwörtlich auf der Zunge und offenbart ihren intensiven Geschmack. Sie weckt den Genießer in uns.

Mehr als ein Snack

Daher zählt Schokolade hierzulande auch zu den Genussmitteln. Sie hinterlässt zwar ein sättigendes Gefühl, doch ihr Verzehr soll keineswegs unseren Hunger stillen, wie es beispielsweise Brot oder Nudeln als Grundnahrungsmittel tun. Naschen ist vielmehr eine Form des bewussten Genießens, die oftmals mit dem Gedanken an eine Belohnung verbunden wird. Wer sich vornimmt, sich heute mal etwas zu gönnen, greift nicht selten an der Schokoladentheke zu. Und die ist dank viel Kreativität und kompositorischer Experimentierfreude so prall und farbenfroh gefüllt wie nie zuvor. Ohnehin ist Schokolade nicht einfach nur irgendein Snack, denn Naschen hat oftmals etwas mit einer Gefühlsregung zu tun. Sei es Freude, Motivation, Frust oder auch tiefe Traurigkeit – die dunkle Süßigkeit steht uns in jeder Lebenslage zur Seite wie eine gute Freundin.

Vor allem in schwierigen Momenten versteht sie es wie kein anderer, die verletzte Seele zu trösten. Sie kann zwar das Problem nicht beseitigen, doch sie sorgt dafür, dass wir uns wenigstens ein bisschen besser fühlen. Auch wenn es dafür manchmal einer ganzen Tafel auf einmal bedarf – oder auch zwei. Die Welt sieht danach gleich nicht mehr ganz so finster aus, wie sie es vorher tat. Denn Schokolade ist ein Trostpflaster, das nicht nur gut schmeckt, sondern oftmals auch positive Gefühle in uns weckt.

Statt seinen Kummer im Dickmacher Schokolade zu ertränken, der nicht nur unser Herz erreicht, sondern sich auch gern auf die Hüften legt, wäre ein Apfel oder auch bunter Obstsalat die gesündere Alternative. Auch sie sind lecker und schmecken süß. Doch seien wir ehrlich: Kein Apfel dieser Welt kann unseren Gaumen und unsere Seele so verwöhnen, wie es Schokolade kann. Doch was genau essen wir da eigentlich so leidenschaftlich?

Wunderwerk Kakao

Schokolade bekommen wir heute zwar überall zu kaufen, doch bis sie ihren Platz in irgendein Regal findet, legt sie einen weiten Weg zurück. Ihr wohl wichtigster Bestandteil ist der Kakao, der in den wärmsten Regionen der Erde, vor allem in Afrika, Asien oder auch Amerika, angebaut wird. Die Pflanzen sind dabei recht anspruchsvoll: Sie wollen es warm und auch eine konstante Boden- sowie Luftfeuchtigkeit sind unerlässlich, wenn ihre Früchte gut gedeihen sollen. Sind diese reif, werden sie von den Kakaobauern in mühevoller Handarbeit geerntet und für die Weiterverarbeitung vorbereitet. Ihr Schatz, die Kakaobohnen, liegen im Inneren, umgeben von weißem, süßlich schmeckendem Fruchtfleisch, von dem sie nun getrennt werden müssen. Denn nur die Bohnen kommen in die Schokolade.

Ihr charakteristisches Aroma bekommen sie dabei während der Fermentierung, einem Gärprozess, bei dem die herben Gerbstoffe oxidieren und sich die Bohnen langsam dunkel färben. Zudem werden sie mehrere Tage getrocknet, bevor sie ihre nächste Reise-Etappe antreten. Damit die dunklen Bohnen ihren Weg in die Schokolade finden können, werden sie im nächsten Schritt gereinigt, geröstet, aufgebrochen und gemahlen. Durch die Reibung bei der Zerkleinerung wird die Kakaobutter aus der Bohne gepresst, aus der diese immerhin zu mehr als 50 Prozent besteht.

Am Ende dieses Prozesses steht die zähflüssige Kakaorohmasse, die schließlich in die fette Kakaobutter und das trockene Kakaopulver getrennt wird – jene zwei Grundbausteine also, die für die Herstellung der verführerischen Leckerei unabdingbar sind. Ob schlichte Tafel, handlicher Riegel, Heißgetränk oder als kunstvoll drapierte Praline – ohne Kakao kommt keins von ihnen aus. Dabei hatte das dunkle Gold in Europa keinen leichten Start.

Royale Leckerei

Während der Kakao schon seit mehreren Jahrhunderten zur Speisekarte indigener Völker wie den Mayas oder auch der Azteken gehörte, fanden die aromatischen Bohnen erst im 16. Jahrhundert ihren Weg nach Europa. Namentlich war es der spanische Eroberer Hernando Cortez, der das dunkle Gold nach der Eroberung des Aztekenreiches mit in seine Heimat brachte. Lediglich mit Wasser angerührt stieß der fremde Trank aus der Neuen Welt zunächst allerdings auf wenig Gegenliebe. Denn das Getränk schmeckte eben so, wie es der Kakao in seiner rohen Form tut: herb und teils bitter.

Seinen Durchbruch in Europa feierte der Kakao erst etwa 100 Jahre später, als man begann, das Getränk mit Zucker oder auch Honig bekömmlicher zu machen. Dieses neukreierte Schokoladengetränk war aber keineswegs etwas für jedermann, denn Kakao war ein äußerst teures Produkt und damit ein Luxusgut, das dem finanzstarken Hochadel und den Königshäuser vorbehalten blieb. So galt es schnell als besonderes Privileg, beispielsweise von der Königin zu einer Tasse Schokolade eingeladen zu werden. Mit der Industrialisierung und der zunehmend maschinellen Produktion wurde Schokolade ab dem 19. Jahrhundert nach und nach auch für breitere Schichten erschwinglich. Ein Jahrhundert später hatte die süße Nascherei ihren Status als Luxusgut dann endgültig verloren, denn Vertreter aller gesellschaftlichen Schichten konnten sie sich leisten.

Freund oder Feind?

Mit dem Siegeszug der Massenproduktion rückte die Schokolade auch verstärkt negativ ins Rampenlicht: als Dickmacher. Denn die vermehrte Zusetzung von Zucker, zunichte gemacht. Der viele darin enthaltene Zucker führt bekanntermaßen schnell zu Übergewicht. Wer also glaubt, einem Herzinfarkt mit viel Schokolade vorbeugen zu können, befindet sich auf dem Holzweg. Wie viel Kakao wir beim Naschen zu uns nehmen, hängt dabei von der Sorte ab: Bitterschokolade enthält mit knapp über 50 Prozent den meisten Kakaoanteil, wobei die Möglichkeiten nach oben offen sind.

So gibt es auch Variationen mit 70, 80 oder gar 99 Prozent Kakaoanteil zu kaufen. Auch wenn die Bitterschokolade quasi die „Gesündeste“ ihrer Art ist, greifen die meisten Menschen am liebsten zur Milchschokolade. Sie enthält deutlich weniger Kakao, dafür aber einen ordentlichen Anteil an Milchpulver, der sie cremiger macht. Die dritte im Bunde ist die weiße Schokolade. Sie enthält gar keine Kakaomasse, dafür aber mindestens 20 Prozent reine Kakaobutter sowie Milchpulver und der in allen Sorten reichlich zu findende Zucker.

Das Gefühl entscheidet

Glücksbote, Dickmacher, Wundermittel – Schokolade hat viele Gesichter. Und keins davon ist falsch. Denn auch wenn die Medizin nicht immer klare Belege liefern kann, kommt es doch in erster Linie darauf an, welche Gefühle sie in uns auslöst, wenn wir der dunklen Verführerin nachgeben. Zu viel Schokolade macht zwar dick, in Maßen wirkt sie sich aber auch positiv auf unseren Körper aus. Zudem ist sie Balsam für die Seele – und da darf es auch gern mal das ein oder andere Stück mehr sein.

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

 

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