Sie sind klein, schnell und ganz schön frech: Wer die Chance hat, ein Eichhörnchen zu beobachten, kann sich auf so manche Überraschung gefasst machen. Und wenn der Frühling kommt, kommen die kleinen Nager erst richtig in Schwung.

Es ist meist nur ein Zufall, eine vielleicht geplante aber doch völlig ungewisse Begegnung, die sich oftmals nur mit einem leichten Rascheln, einem knackenden Ast oder einer flinken Bewegung im Augenwinkel ankündigt: Da Eichhörnchen doch eher scheue Zeitgenossen sind, muss man schon ein wenig Glück mitbringen, um einen der pelzigen kleinen Nager beobachten zu können. Denn sieht man von einigen Parkbewohnern ab, die den von uns Menschen verursachten Trubel gewöhnt sind, zeigen sie sich in erster Linie nur, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Dann wagen sie sich aus ihrem Nest, hoppeln auf der Suche nach Futter über die Wiese, klettern an Baumstämmen auf und ab, über unglaublich dünne Äste, die bei jedem Schritt so stark mitwippen, als würden sie das Gewicht kaum noch tragen können.

In der kalten Jahreszeit gibt es davon allerdings nur sehr wenig zu sehen, denn wie wir Menschen auch, lassen es Eichhörnchen in der Winter eher ruhig angehen. Mit viel Schlaf und nur gelegentlich einem kleinen Ausflug an die frische Luft. Die Vorstellung mutet dabei doch eigentlich entzückend an, sich während der kalten Jahreszeit einfach so lang im warmen Bett zusammenzurollen und darauf zu warten, bis die Welt im Frühling wieder bunter und wärmer wird. Doch der Mensch ist nunmal nicht für den Winterschlaf gemacht. Unser Körper würde eine so lange Ruhepause ohne Nahrung gar nicht überstehen. Wir schalten einfach bloß ein paar Gänge zurück – genau wie das Eichhörnchen, dass sich auch nicht gänzlich aus der Welt zurückzieht, sondern nur Winterruhe hält.

Neuer Schwung

Kommt dann allerdings der Frühling, drehen auch die kleinen Pelzknäuel mit dem buschigen Schwanz wieder richtig auf. Als würden die wärmenden Sonnenstrahlen, das überall sprießende Grün und das Gezwitscher der zurückgekehrten Vögel ihnen neue Energie verleihen, sieht man die rotbraunen Nager dann wieder häufiger bei einem Spaziergang in Wald oder Park hinter einem Baum hervorlugen. Aus ihren dunklen Knopfaugen spricht dabei stets die Neugier: „Wer bist du? Wo willst du hin? Hast du etwas zu essen?“, scheinen sie regelrecht zu fragen.

Wer sich in solchen Momenten ganz ruhig verhält, hat sogar die Chance, dem kleinen Knäul, dass es meist nur auf ein Gewicht von 200 bis 400 Gramm bringt, noch näher zu kommen. Denn wenn sie sich nicht gedrängt fühlen, wagt sich so manches an den Mensch gewöhnte Eichhörnchen auch ganz nah an den Beobachter heran. Mit flinken, stoßartigen Bewegungen tasten sie sich nach vorn, beschnuppern den Fremden vor sich und tasten vielleicht sogar nach dem Schuh, der vor ihnen auf dem Boden steht. Ist dann auch noch etwas Essbares im Spiel, packt den ein oder anderen sogar der Übermut: Mit einer schnellen Bewegung stibitzen sie das Objekt der Begierde und bringen es flink in einiger Entfernung in Sicherheit.

Gerade im Frühling scheint das Verlangen nach Abwechslung groß. Und das ist nur verständlich, immerhin haben die kleinen Kerle über den ganzen Winter nur von den Vorräten gelebt, die sie im Herbst sammeln und im Boden vergraben konnten. Neben Nüssen dürften das in erster Linie diverse Samen und Körner sein. Wie verlockend muss da der süße Geschmack der ersten Beeren sein? Oder die zarten Knospen und Blüten, die dank ihrer Jugend noch ganz weich und voller Saft sind? Uns Menschen geht es ja im Grunde genauso. Müssen wir uns – aus welchen Umständen auch immer – eine Weile nur von wenig verschiedenen Lebensmitteln ernähren, können wir es meist kaum erwarten, wieder aus den Vollen schöpfen zu können. Der Gedanke an eine besondere Leckerei treibt uns an.

Entdecker unterwegs

Doch auch für Eichhörnchen geht es im Frühling nicht nur darum, den Speiseplan wieder zu erweitern und sich satt zu essen. Nach den langen Ruhephasen des Winters lockt die immer weiter erblühende Natur dazu, sich wieder mehr im Freien aufzuhalten. So vieles gibt es zu entdecken. Was hat sich Mutter Natur für dieses Jahr ausgedacht? Sind alle Futterquellen noch da? Und was hat der Mensch von nebenan Neues in seinem Garten stehen, auf dem es sich prima herumturnen oder sogar etwas leckeres abzustauben gibt? Weder Vogelhaus noch Hundenapf oder gedeckter Kaffeetisch sind vor den kleinen Allesfressern sicher.

Doch es gilt genauso sich auf das Jahr vorbereiten. Eichhörnchen haben keinen festen Wohnsitz. Sie haben mehrere Nester, auch Kobel genannt, die sie in Astgabeln bauen und zwischen denen sie nach Bedarf hin und her wechseln können. Ist ein Kobel nicht mehr sicher, von Parasiten befallen oder einfach kaputt, muss gegebenenfalls ein neuer Standort gesucht und ein neuer Unterschlupf gebaut werden. In der Regel sind Eichhörnchen Einzelgänger, die sich nur während der Paarungszeit zusammentun. Doch es gibt auch regelrechte Wohngemeinschaften, bei denen sich mehrere Hörnchen ein Nest teilen und zusammenleben. Wer in der Gruppe dann den Ton angibt, bestimmt sich durch das Alter und die Größe der Tiere.

Hilferuf

Eichhörnchen in Parks treibt oft die Neugier zum Mensch, in freier Wildbahn kann es aber auch ein Hilferuf sein. Gerade Jungtiere, die einen Spaziergänger verfolgen und sich vielleicht sogar an ihn klammern, sind oft auf der verzweifelten Suche nach Nahrung oder Wasser. Da sie sich selbst noch nicht versorgen können, suchen sie Hilfe bei Menschen. Ein solches Findelkind sollte man nicht ignorieren und möglichst zu einer Auffangstation oder zum Tierarzt bringen. Auch die Polizei kann helfen.

 

Eine kurze Liebe

Wenn die Welt aus ihrem Winterschlaf erwacht, liegt Liebe in der Luft. Das gilt für uns Menschen genauso wie für das Tierreich. Bereits im Februar beginnt bei den pelzigen Hörnchen die Paarungszeit. Erste Annäherungsversuche werden gemacht, doch wenn das umgarnte Weibchen noch nicht so weit ist, kommt es auch schonmal zu körperlichen Auseinandersetzungen. Stimmt dagegen die Chemie, kommen zwischen März und April die ersten Jungtiere zur Welt. Im späten Frühjahr setzt dann auch schon der zweite Paarungszyklus ein, bei dem dann mit einem Wurf zwischen Mai und August gerechnet werden kann.

Sind die Jungen auf der Welt, ist es mit der Liebe spätestens wieder vorbei. Die Mutter kümmert sich allein um die Aufzucht der Kinder, ist der Vater dann immer noch zugegen, setzt sie ihn vor die Tür. Meist ziehen die männlichen Tiere aber schon vorher weiter, um sich neue Partnerinnen zu suchen.

Lebenslust

Wer dieser Tage ein Eichhörnchen zu Gesicht bekommt, braucht sich also nicht zu wundern, wenn er einem kleinen Energiebündel gegenübersteht. Zu aufregend und betriebsam ist die Zeit, die auf die ruhigen Wintermonate folgt. Als müsste all die Energie hinaus, die sich während der kalten Tage angestaut hat. Die pelzigen Nager verbreiten eine ungemeine Lebenslust und begegnen der Welt jedes Jahr aufs Neue mit einer Neugier, von der wir uns ruhig anstecken lassen sollten.

 

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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