Ob das weibliche „Basta“ am Ende jedes Gespräches oder das „Mehr Licht!“ des dahinscheidenden Goethe, ob Klischee oder Mythos: Das allerletzte Wort ist immer etwas ganz Besonderes - und dennoch nur ein Wort.

Das geäußerte Wort, sei es verbal oder nonverbal, ist der Pinsel, mit dem der Mensch das Gemälde seiner Persönlichkeit schafft. Was wir mitteilen, schlägt die Brücke zu unseren Mitmenschen. Worte sind ein unerschöpflicher Quell der Bedeutungskreation. In unübersehbarer Vielfalt und Kreativität ist es dem Menschen gegeben, seine Sprache zu formulieren und einzigartig zu machen. Worte können zu Denkmälern werden, die das Leben ihres Erschaffers um ein Vielfaches überdauern. Ihre Weitergabe, man denke an Gedichte oder berühmte Äußerungen wie Martin Luther Kings „I have a dream“, erzeugt einen selbstständigen Mythos. Sie sind im wahrsten Sinne Schlagworte, die soziale und politische Bewegungen, Zeitgeist, Geschichte repräsentieren.

Alle wollen es haben

Nicht verwunderlich also, dass das letzte Wort einen exklusiven Status einnimmt. Unzählige Sammlungen widmen sich den letzten Äußerungen berühmter Persönlichkeiten vom Dichterfürsten bis zum Hotelier. Goethes letzte Sehnsucht nach „Mehr Licht!“ ist für das bis zum Schluss erkenntnishungrige Universalgenie eine ebenso treffende Charakter-Essenz wie Marie-Antoinettes geradezu lächerlich höfliches „Pardonnez-moi, monsieur!“, als sie dem Scharfrichter auf den Fuß trat. Ob diese Sätze wortwörtlich wahr, ja, ob sie überhaupt gesprochen worden sind, entzieht sich der Kenntnis der heutigen Leser oftmals ebenso wie den Autoren, die sie aufschrieben. Denn keiner von ihnen war nachweislich vor Ort. Der Wirkmacht der Worte tut dies keinen Abbruch. Die letzten Worte sind Edelsteine, die gerne nachpoliert oder sogar gegen Kronjuwelen eingetauscht werden. Sie sind ein Phänomen für sich und internationales Gemeingut.

Worte mit Gewicht

Das letzte Wort erlangt den Stellenwert einer Bilanz und nicht zuletzt eines Vermächtnisses. Die Endgültigkeit der Stille, die das letzte Wort nach sich zieht, erhebt es in seine achtunggebietende Sphäre. Was zuletzt geäußert wird, hat Sonderstatus und erregt daher besondere Aufmerksamkeit. Im Testament ebenso wie als (einseitiger) Schlussstrich unter einer Debatte, die nicht mehr weitergeführt wird. „Das ist mein letztes Wort!“ sagt jemand, der droht und bei Widerstand Konsequenzen androht. Der Ausruf „Immer musst du das letzte Wort haben“ schilt einen uneinsichtigen, rechthaberischen Menschen – oder offenbart die Verärgerung des Unterlegenen über die Tatsache, dass er in einem rhetorischen Duell wieder den Kürzeren gezogen hat. Das letzte Wort hat eine höhere Gültigkeit als ein „Wir sprechen später noch einmal“. Es signalisiert den Endpunkt eines Prozesses. Auch den des Lebens.

Das allerletzte Wort, das ein Mensch sprechen darf, ist durch seine Einmaligkeit die letzte Chance auf Schlichtung, Wahrheit oder ein Urteil. In wie vielen Narrativen flehen Umstehende den Dahinscheidenden um eine letzte Verfügung oder die Lösung eines Rätsels an? In vielen Märchen ist der Spruch des Vaters auf dem Totenbett die Entscheidung für das Schicksalslos der Söhne. Es kann Segen oder Fluch sein.

Versöhnende letzte Worte gelten als Zeichen für Seelenfrieden. Sie sind ein Synonym für ein „Mit-sich-im-Reinen-sein“ und bedeuten daher eine bis zur letzten Sekunde gelebte Selbstbestimmung und Selbst-Bewusstsein. Die wohl bedeutsamsten letzten Worte des christlichen Abendlandes werden in der Bibel Jesus am Kreuz zugeschrieben und unterliegen zahlreichen Interpretationen. Von entscheidender Bedeutung für das christliche Selbstverständnis ist Jesu erstes Wort von sieben, die er am Kreuz sprach. Die Bitte: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Für seine Mörder bittet Jesus um Gnade. Er vergibt ihnen und kennzeichnet damit das Verzeihen als wichtiger als die Vergeltung.

Im Umkehrschluss lassen sich wütende oder strafende Äußerungen als ein nicht erstrebenswertes Ende deuten. Etwas ist nicht abgeschlossen. Der Zeitpunkt des Todes kommt in dieser Sichtweise nicht zu seinem rechtmäßigen Zeitpunkt – wenn es einen solchen denn überhaupt gibt. Eine bekannte Mahnung im Volksmund ist, sich nicht im Streit zu trennen. Ein Unglücksfall könnte einer Schlichtung zuvorkommen und so endete ein gemeinsamer Weg in Unfrieden.

Das war es jetzt

Das letzte Wort ist eng verknüpft mit dem Tod. In Hugo von Hofmannsthals „Tor und Tod“ klagt Claudio: „Warum, du Tod, musst du mich lehren, erst das Leben sehen, nicht wie durch einen Schleier, wach und ganz – erst, da ich sterbe, spür’ ich, dass ich bin.“ Der Tod ist wohl der intimste Moment des Menschen, denn er durchlebt ihn, im Gegensatz zur Geburt, ganz allein. Mit der Betonung des letzten Wortes wird für den Dahinscheidenden das Sterbebett zur Bühne, seine Zeugen zum Publikum.

Die Überbewertung der letzten Worte birgt seine Tücken, denn, wie Ernst Jünger in seiner Sammlung feststellt: „Wohl mag die Meinung, dass der Mensch angesichts des Todes eine Vorhalle betritt, in der seine Worte eine neue Resonanz gewinnen, durch schöne Zeugnisse unterstützt werden – weit häufiger begegnen wir indessen der trivialen, der nichtssagenden und gar verworrenen Äußerung.“ Eine Aussage, die sehr tröstlich und menschlich erscheint vor dem Hintergrund, dass der Tod ein Ende bedeutet. Eben auch das der letzten sozialen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Korsetts. Es wäre schon sehr viel verlangt, auch noch beim letzten Auftritt eine perfekte Figur zu machen.

Letzte Worte können Verzauberung, Rührung, Andacht hervorrufen. Und sie können durchaus für Belustigung sorgen. Der komödiantische Umgang mit dem bedeutungsschwangeren letzten Stück entkrampft ungemein. Man denke an die Szene in Monty Pythons Film „Die Ritter der Kokosnuss“, in der die Ritter der Tafelrunde um König Arthus in einer Höhle den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib des Heiligen Grals finden sollen. Dort sind in den Fels geritzt die letzten Worte von Josef von Arimathäa: „Wir finden den heiligen Gral im Schlosse von AAAARGH.“ Der Schreibende starb just in diesem Moment und machte sich noch die Mühe, seinen letzten Seufzer einzugravieren. Komischer und skurriler kann so ein denkwürdiger Moment nicht durch den Kakao gezogen werden! Oder an die herzerfrischenden Verballhornungen letzter Worte vom U-Boot-Kapitän („Ich geh mal kurz lüften“) über Ötzi („Oh, ziemlich rutschig hier“) bis zum Computer („Sind Sie sicher?“). Und so endet dieser Artikel hoffentlich mit einem Lachen, auf das noch viele folgen werden.

 

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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