Immer war ich Grenzgängerin. Meine Pforten geöffnet, konnte der geringste Luftzug mich und mein Denken erschüttern. Vermutlich trug ich so eine Art sichtbarer Einladung mit mir herum, die den dafür offenen Kandidaten signalisierte: Ich habe keine Grenze – kommt nur herein.

Eine Geschichte aus meinem Leben sollte ich besser nicht erzählen und ich mache es trotzdem. Nach meiner Trennung von meinem Mann war ich für ein halbes Jahr mit einem Arzt befreundet. Dieser Arzt hatte einen krankhaften Bezug zu Haaren. Eine nette Beschreibung, um nicht das Wort Fetisch in den Mund zu nehmen. Im Verlauf dieser merkwürdigen Beziehung ließ ich mich darauf ein, mir von ihm eine Glatze rasieren zu lassen. Falls jemand an dieser Stelle einwirft: Wie kann man das zulassen?, bin ich geneigt, diese Frage, auf die es nur eine Antwort gibt, nämlich „gar nicht“ voll und ganz zu akzeptieren.

Niemand kommt über diese Grenze

Absurderweise arbeitete ich zur damaligen Zeit als Coach, hatte demnach die Aufgabe, Menschen zu beraten. Offenbar gelang es mir selbst nicht, wohl überlegte Entscheidungen in meinem Leben zu treffen und mir der Konsequenzen meines Handels bewusst zu sein.

Wie weit kann sich ein Mensch von sich selbst entfernen? Nachdem ich mir einredete, die ganze Angelegenheit lustig zu finden, mich aber Entsetzen bei der Sicht in den Spiegel überkam, musste ich mich im Verlauf der Wochen mit der Wahrheit befassen.

Mein Ziel war, ihm zu gefallen und damit hatte ich mich selber verraten, hatte die letzten schützenden Mauern meines Selbstwertes in Stücke geschlagen. Diese Entscheidung war kein dummer Fehler, es war eine Entscheidung mit Konsequenzen, die auch meine Kinder betraf. Hat deine Mama Krebs?, war nur eine der Fragen, denen sie sich stellen durften.

Nicht jeder geht so weit und doch sind Grenzverletzungen in zwischenmenschlichen Beziehungen weniger selten als eher normal. Nur wo liegt die eigene Grenze? Woran lässt sie sich erkennen?

Grenzverletzungen hinzunehmen, sind nicht nur der Beweis für einen Mangel an Selbstwert, sie vergrößern diesen Mangel auch noch und lassen ihn ins Ungewisse wachsen.

Ich habe nichts gegen Glatzen bei Frauen und mit ein bisschen mehr an Schminke stand sie mir sogar. Das Problem war, dass es niemals meine eigene Entscheidung gewesen wäre. Hätte mich jemand zwei Wochen vorher gefragt, ob ich dazu bereit wäre, ich hätte lachend den Kopf geschüttelt.

Grenzüberschreitungen sind auf zwei Wegen möglich. Der erste Weg ist passiv und lässt zu. Der zweite Weg ist aktiv und führt zu einer selbstschädigenden Handlung.

Warum habe ich mir das gefallen lassen?
Warum habe ich mir das angetan?

Zwei Fragen, die beantwortet werden möchten, wenn die Grenzen dauerhaft geöffnet sind. Menschen, die einem sympathisch sind, auf deren Anwesenheit man nicht verzichten möchte, haben von jeher bessere Chancen, Mauern zu durchbrechen. Das darf nicht zugelassen werden, auf jeden Fall niemals dann, wenn das Ergebnis der Attacke zu einer Verletzung führt.

Es gibt tatsächlich Menschen, die auf dem Gebiet „ich komme dir zu nah“ Spezialisten sind. Diesen Menschen ist mit Vorsicht zu begegnen, da sie auf Kosten anderer ihren Selbstwert aufbauen. Sie erlangen Macht und übernehmen das Regiment. Sie versuchen, einen zu fragwürdigen Handlungen zu bewegen oder machen andere durch Worte wie „das kannst du nicht“ klein, um sich dadurch selbst zu vergrößern, weil ihr eigener Selbstwert nur so erhalten bleibt.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass aus meiner Sicht Achtsamkeit für sich selbst, auch einen vorhandenen Selbstwert erfordert. Wer keinen Schlüssel hat, die Tür zu verschließen, darf mit ungebetenen Gästen rechnen.

Wie baut sich dieser Selbstwert, die Basis für einen achtsamen Umgang mit sich selbst, auf? Wie kann sich jeder Einzelne schützen, um sicher in sich zu leben, frei von Angriffen?

Das ist schwierig. Menschen, die über wenig Selbstschutz nach außen verfügen, zeigen auch nach innen wenig Selbstschutz. Es gibt im Netz unzählige Ratschläge wie der Selbstwert zu stärken ist, von banal bis einigermaßen hilfreich. Im Netz gibt es ganze Fragenkataloge mit den nötigen Antworten, die den Weg zur stabilen Persönlichkeit ebnen sollen. Ich denke allerdings gerne reduziert.

Niemand lernt von heute auf morgen, Grenzen zu ziehen und niemand ist in der Lage, einen Fragenkatalog abzuarbeiten und Stunde für Stunde darauf zu achten, ob dieses und jenes von ihm umgesetzt wird.

Wer ein Selbstwertproblem hat, kämpft immer mit der Achtung um die eigene Persönlichkeit, die es aufzubauen gilt. Ich finde die Idee schön, den eigenen Zweifeln mit Zweifeln zu begegnen.

Diese Aufgabe kann ich nicht übernehmen und vermutlich versage ich. Das macht aber nichts. Ich gehe das Risiko ein.

Es ist wichtig, sich zuerst den kleinen Dingen zu stellen

Das soll nicht dazu ermuntern, sich in reißende Fluten zu stürzen. Es ist wichtig, sich zuerst den kleinen Dingen zu stellen, so banal sie anderen erscheinen mögen. Es gibt außerdem kein banales Problem. Jedes Problem muss isoliert betrachtet werden. Ein Kind, das Kuchen im Sandkasten backt, kann vielleicht noch nicht erkennen, dass ihm Wasser fehlt, um den Sand in eine stabile Form zu bringen. Ein Mensch, der in Panik gerät, wenn er sich unter andere Menschen begibt, vermag nicht zu erkennen, dass er im Trubel gar nicht wahrgenommen wird und sich viel freier bewegen kann als er annimmt.

Der worst case ist eine gute Strategie, um zu entscheiden, ob ich bereit bin etwas zu tun oder nicht, vorausgesetzt die Bereitschaft ist vorhanden auch wirklich zu agieren. Selbstwert erfordert Erfolge, kleine Erfolge für den Anfang.

Wenn ich das mache, könnte das passieren. Sich die Situation behutsam vorzustellen, die im Extremfall auf einen zukommen könnte, schafft eine erste Basis von Sicherheit. Wird eine schwierige Situation gemeistert, ob mit oder ohne Extremfall, ist Lob gefragt. Selbstwert ist wie ein Kind, das gestreichelt werden möchte, das eine gezielte und liebevolle Aufmerksamkeit benötigt.

Dieses Kind möchte auch dann gestreichelt werden, wenn es gerade keine Höchstleistung vollbracht hat. Es möchte nämlich nicht immer Leistung erbringen, um gemocht zu werden.

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