Die Erste-Hilfe-Methode bei zu viel Stress ist meiner Meinung nach, ins Hier und Jetzt finden. Das Auge des Sturms zu suchen, denn das gibt es in der Regel immer, um dort inne zu halten und wieder zu sich zu finden. Leider ist dieser geflügelte Begriff „im Hier und Jetzt sein“ unterdessen etwas ausgelatscht, was ihm aber, meiner Meinung nach zu Unrecht wiederfahren ist, denn seine Wichtigkeit ist unvermindert.

But first Stamperl

Hier in Oberbayern gibt es eine nette Hier und Jetzt – Methode, die so anderswo sicherlich auch gut und gern praktiziert wird -mit der man es aber keinesfalls übertreiben sollte: „Komm, darauf müssen wir jetzt erstmal ein Stamperl (einen Kurzen=zumeist in Alkohol konservierte Kräuterkraft) nehmen und dann sehen wir weiter.“ Das erwähne ich deshalb, weil ich mit der Zeit zu der Erkenntnis gelangt bin, dass es gar nicht immer irgendwelche spirituellen Praktiken und/oder schicken Rituale braucht, um das gleiche Ziel zu erreichen. Was ist es denn anderes, als die Aufforderung, erstmal kurz inne zu halten, durch zu atmen und dann hoffentlich etwas gelassener weiter zu machen? Sich einen Moment dafür zu nehmen, gewahr zu werden, wo ich gerade stehe.

Natürlich möchte ich jetzt nicht zum kollektiven Alkoholgebrauch aufrufen, sobald wir irgendwo Stress wittern, dieses Muster gibt es auch aber das nennt sich Alkoholismus und ist nicht mehr so hilfreich. Also bitte nicht falsch verstehen!

Multitasking gibt es nicht!

Auch an dieser Stelle möchte ich erneut auf die Individualität jedes Einzelnen hinweisen und die damit einhergehende Notwendigkeit aufzeigen, dass es gilt, seine ganz eigene Methode zu finden, die hilft, kurz inne zu halten. Um selbst im größten Stress ins Hier und Jetzt zu gelangen. Wie die großen spirituellen Lehrer oft zu sagen pflegen und pflegten: In Wahrheit gibt es ja gar nichts anderes, als genau diesen Augenblick, also das Hier und Jetzt. Ich habe gemerkt, wenn ich mir allein das immer wieder ins Gedächtnis rufe, kann das den Stress schon erheblich mindern. Denn in einem Augenblick können gar nicht -unter anderem, weil zeitlich begrenzt- so viele Dinge über mich hereinbrechen, dass ich sie nicht handhaben könnte. Auf der anderen Seite gibt mir das die Möglichkeit Schritt für Schritt immer das anzugehen, was gerade dran ist und das ist nie alles auf einmal.

Ich las einmal, dass Wissenschaftler herausgefunden haben, dass es Multitasking überhaupt nicht gibt. Eine Erfindung unserer Leistungsgesellschaft, möchte ich hinzufügen. Das Gehirn ist schlicht nicht im Stande zu Multitasking. Wir machen höchstens mehrere Dinge in kurzer Abfolge durcheinander aber eben hintereinander, nicht gleichzeitig. Wenn ich das so schreibe, muss ich wohl nicht weiter darauf eingehen, dass damit lediglich die Wahrscheinlichkeit eines heillosen Durcheinanders deutlich steigen kann. Was ist damit gewonnen?

„Ich kann mich nicht zweiteilen“

Auf einer Kräuterwanderung, an der ich teilnahm, erzählte der Dozent gerade etwas über die Birke, als aus der Ferne -auch das war in Bayern- ein Alphorn ertönte. Wunderschön und so passend, zu der friedlichen Stimmung, die in diesem Sommermoment, draußen in der Natur herrschte. Der Dozent fragte, ob wir kurz innehalten mögen, um dem Spiel zu lauschen. Da sagte eine Teilnehmerin, wir könnten ja beides, dem Alphorn und ihm zuhören. Da fing er an zu lachen, schüttelte heftig den Kopf und sagte, nein, das könnten wir sicher nicht. Die Griechen hätten ein schönes Wort dafür: Schizophrenie. Da musste die Gruppe lachen und wir genossen still und andächtig das Alphornspiel aus der Ferne, dessen Klangteppich sich klar und wunderschön über die satte grüne Landschaft legte. Wir standen in der warmen Sonne und es war, als würden unsere Seelen reichhaltig genährt, von den Bildern und dem Klang. Was für ein schönes Geschenk.

Das mit der Schizophrenie klang und klingt im ersten Moment etwas hart. Daher möchte ich kurz erläutern, was genau gemeint war. Kann man bei Wikipedia nachschauen. Schizophrenie, aus dem Altgriechischen kommend, bedeutet nichts anderes als: σχίζειν s’chizein = „spalten, zerspalten, zersplittern“ und φρήν phrēn = „Geist, Seele, Gemüt, Zwerchfell“. Dass das nicht gesund sein kann, wird jetzt sehr klar, oder?! Ich denke dabei an den Ausruf: „Ich kann mich nicht zweiteilen!“

Oft braucht es nur eine kurze Erinnerung oder einen kurzen Trigger, um sich zu erinnern: Ich bin jetzt gerade hier und nirgendwo anders.

Humor hilft mir

Früher, in dieser spirituellen Buchhandlung, in der ich arbeitete und von der ich im letzten Beitrag erzählte, brach ab und an schon mal ein wenig Chaos aus. Das lag wohl in unser aller Natur und Zusammenspiel, dort. Einer meiner Kollegen stellte sich dann oft, wenn alle durcheinander quasselten sehr präsent und im positiven Sinne theatralisch vor uns hin, formte mit den Armen und gespreizten Fingern eine Art Kugel vor sich und verkündete strahlend: Alles wird gut! Dann hielten wir inne und mussten ebenso lächeln oder gar lachen.

Ins Hier und Jetzt finden

Ich liebe diese Momente. Humor kann eine unglaubliche Hilfe sein, so empfinde ich das jedenfalls. Auf meiner Arbeitsstelle in St. Gallen -eine Bürotätigkeit, bei der die Organisation von Abläufen und Veranstaltungen eine größere Rolle spielte- sagte unser Vorgesetzter einmal zu meiner Kollegin, als diese gar nicht mehr wusste, wohin vor lauter Arbeit: „Wir schaffen das“. Sie kam daraufhin sofort zu mir und wir mussten herzlich darüber lachen, denn von „wir“ konnte nun wirklich keine Rede sein. Von da an war das unser Satz. Immer wenn es hoch her ging, schaute die Eine die Andere an und sagte: „Hey, wir schaffen das“. Jedes Mal ein Grund, wenigstens zu schmunzeln. Schwups, wieder im Hier und Jetzt gelandet. Humor relativiert die Dinge, lässt anders auf die Situation blicken und entspannt. Wenn wir lachen, sind wir ganz im Hier und Jetzt.

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