Einsam und allein zu sein gehört zu den schlimmsten Gefühlen. Der Grund dafür, ist die dramatische Mischung aus Angst, Hoffnungslosigkeit und Trauer. Vor allem, wenn du dich nicht freiwillig für die Einsamkeit entscheidest, sondern in sie hinein gezwungen beziehungsweise in der Einsamkeit zurückgelassen wirst.

Einsamkeit ist ungerecht

Der deutsche Jurist und Schriftsteller Hans Krailsheimer formulierte es einst wie folgt:

Allein sein zu müssen, ist das Schwerste. Allein sein zu können, das Schönste.

Grundlegend könnte man also sagen, dass es durchaus möglich ist, sich bewusst für die Einsamkeit zu entscheiden, diese als solche sogar zu genießen – und auf Wunsch wieder zu verlassen. Die erzwungene Einsamkeit jedoch, die verschluckt dich gnadenlos und steckt dich in ein tiefes Loch, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Ein Zustand, den du dir nicht aussuchst. Ja, noch nicht einmal selbst verschuldet hast. Und doch gibt es so viele Menschen, die davon betroffen sind.
Das wirklich Ungerechte an der Einsamkeit ist allerdings, dass wir sie als Strafe empfinden, obwohl wir keine Schuld daran tragen. Wir glauben, wir hätten es verdient, wir bemitleiden uns dafür, halten uns für nicht mehr liebenswert, für nicht willkommen und schrecklich einsam und allein.

Einsam und allein – eine Kindheitserinnerung

Was ist deine frühste Erinnerung? Unbedachtes Herumtollen auf dem Spielplatz? Basteln im Kindergarten? Oder ein besonderes Spielzeug? Hoffentlich ist es keine Erinnerung daran, wie du im zarten Alter von fünf Jahren deine Mutter fragst, wo denn dein Papa sei, und sie dir antwortet, er habe euch verlassen, weil er kein Mädchen haben wollte.

Diese kurze Phrase, die sich in das Gedächtnis brennt – tiefer als jede Narbe, ohne je zu einer zu verheilen – wird das ganze Leben lang Einsamkeit im Herzen hinterlassen. Womöglich war die eigentliche Antwort noch etwas umfangreicher und hat versucht das Mädchen wieder zu beruhigen. Doch einmal ausgesprochen, können derartige Worte weder zurückgenommen, noch wieder gut gemacht werden.

Das Schuldgefühl ist immer Teil der Einsamkeit

Vor allem als Kinder fragen wir uns dann. „Was können wir denn anders machen, um geliebt zu werden? Mehr anstrengen oder zurückhalten?“ Das kleine Mädchen, dass sich dadurch für unerwünscht hielt, hat versucht sich möglichst burschikos zu benehmen, dem großen Bruder nachzueifern und lehnte aus eigenen Stücken die Freundschaft mit anderen Mädchen ab.

Doch auch der große Bruder sah durch die Antwort der Mutter die Schuld bei seiner Schwester, war er doch selbst noch ein Kind, nur wenige Jahre älter. Und die anderen Jungs wollten schon gar nichts mit Mädchen zu tun haben.

Obgleich die alleinerziehende Mutter ihren Kinder möglichst viel Liebe und Aufmerksamkeit schenken wollte, entglitt ihr die Antwort, weil sie sich ebenfalls allein und zurück gelassen fühlte. Aus ihrer Perspektive war natürlich der Ex-Partner Schuld, der die Familie im Stich gelassen hat. „Weil er kein Mädchen wollte“ klingt für sie derart absurd, dass sie es gegenüber ihrer Tochter auch so meinte. Diese verstand aber noch nichts von Sarkasmus, geschweige denn von den Problemen einer Erwachsenen-Beziehung.

Was bleibt

Bei allen Mitgliedern der Familie blieb das Gefühl, einsam und allein zu sein. Statt sich gegenseitig zu bestärken, wiesen sie einander die Schuld zu. Statt einen festen Platz im Herzen des anderen zu finden, fühlten sie sich nicht willkommen. Deplatziert im Leben. Nicht nur überflüssig, sondern regelrecht störend.

Kinder haben das „Talent“, seelische Konflikte lange Zeit unerwähnt in sich zu tragen. Sie weinen heimlich, werden immer stiller und gelten als vermeintlich schüchtern. Dabei haben sie nur Angst, wieder abgelehnt zu werden. Erst nach vielen, vielen Jahren gräbt sich das Trauma der ersten Kindheitserinnerung wieder an die Oberfläche, trifft auf eine junge Frau, nun nicht mehr burschikos, aber immer noch mit gebrochenem Herzen, einsam und allein. Verlustängste, Bindungsprobleme, mangelndes Selbstvertrauen und Überempfindlichkeit sind nur einige der möglichen Begleiterscheinungen.

Vielleicht hat die junge Frau sogar selbst eine Familie gegründet. Ihr sehnlichster Wunsch war es bestimmt, einen liebevollen Partner zu finden, der treu zur Familie hält und kinderlieb ist. Dafür hat sie wahrscheinlich bei der Partnerwahl auf andere Attribute weniger Wert gelegt und vor allem ihren eigenen Kindern verstärkt das Gefühl vermitteln wollen, dass sie willkommen sind, egal wie sie sind.

Lässt sich Einsamkeit überwinden, besiegen oder wenigstens ertragen?

Leider halten uns unsere Kindheitstraumata nicht davon ab, andere Fehler zu begehen. Aber sie lassen uns achtsamer werden, mehr Empathie empfinden und soziale Kontakte wertschätzen. Ja, die frühkindliche Einsamkeit ist tragisch und zerstört das Kind im Herzen. Aber sie wappnet dafür vor dem Gefühl der Einsamkeit im Alter. Einsamkeit selbst verhindert keinen erneuten Rückschlag, aber auf eine fast schon unheimliche Art und Weise macht sie uns stärker, weiser und vorausschauender.

 

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