Mein Text über das Loslassen war schon fertig und ich fand ihn eigentlich ganz gut. Dann kam, wie das ja manchmal so ist, das Leben daher und veränderte meinen Blickwinkel (nicht meine Einstellung!) zum Thema recht schlagartig. Man könnte sagen, ich durfte das Thema Loslassen prompt im echten Leben ausprobieren. Nur wusste ich zuerst nicht genau, was loslassen.

Ich fragte mich, was man denn in letzter Konsequenz loslassen kann und soll, wenn einem das Leben plötzlich Situationen, Menschen und Dinge vorsetzt, um die man nicht gebeten hat. Denen es völlig egal zu sein scheint, ob man sie gern loslassen möchte oder nicht. Die nicht verschwinden, auch wenn man total gut im Loslassen und mehr als bereitwillig dazu ist. Wenn es eben nicht darum geht, alte Klamotten auszusortieren, weil man sie eh nicht mehr braucht.

Erster Schritt: Aufhören zu kämpfen

Die Erkenntnis: Das Einzige, was wir wirklich loslassen können ist unsere Vorstellung davon, wie etwas oder jemand zu sein hat.

Das mag zunächst etwas unbefriedigend klingen. Wenn wir genauer hinschauen, können wir spüren, dass das sehr entspannend sein kann. Es kann uns hingegen unglaublich viel Energie und Nerven kosten, gegen etwas anzukämpfen, was wir nicht zu ändern vermögen, aus welchen Gründen auch immer. Da macht es doch Sinn, erst einmal unsere Gedanken zu hinterfragen. Zu reflektieren, bevor wir Attacke schreiend losrennen, oder?! Wenn ich etwas partout nicht ändern kann, kann es gut für mich sein, es trotzdem immer wieder und womöglich stetig verzweifelter zu versuchen? Oder mich an die Vergangenheit zu klammern, in der es vermeintlich besser gewesen ist?

Der Unterschied zwischen loslassen und loswerden

Ich denke, es geht nicht darum, durch loslassen etwas Unangenehmes so schnell wie möglich loszuwerden. Es geht vielmehr darum, die eigenen Gedanken zu transformieren. Ich benutze den Ausdruck transformieren, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es kaum möglich ist, negative, unangenehme und belastende Gefühle und Gedanken einfach nur zu löschen. Dann entstünde eine Art Vakuum, wobei die Gefahr wäre, das bisher gewohnte Muster erneut anzuziehen. Es ist also gut, gleichzeitig eine neue Haltung zu entwickeln, die uns zuträglich ist. Das geschieht oft nicht von heute auf morgen. Vor allem ist es jedes Mal ein neuer und sehr individueller Prozess. An dieser Stelle kann eine Technik helfen, die Reframing oder auch Umdeutung genannt wird. Dabei geht es darum, dem was mir zu schaffen macht, durch Betrachten aus einem anderen Blickwinkel eine positive Bedeutung und damit einen Sinn in meinem Leben zu geben. Also wie könnte man es noch sehen?

Es braucht, so lange es braucht

Das Loslassen ist nichts, dass wir rein rational abhandeln könnten. Wir alle kennen, dass wir etwas vom Kopf her verstanden haben aber Bauchgefühl und Herz derweil noch schmollend und mit verschränken Ärmchen in der Ecke stehen, eine Schnute ziehend gegen die Wand starren und keinerlei Anstalten machen mitzuarbeiten. Die beiden sind aber nun mal nicht zu vernachlässigen. Nur wenn wir als Ganzes den Schritt gemacht haben, ist eine Situation wirklich gemeistert.

Auf dem Weg zum Loszulassen können wir durchaus übermannsgroßen Gefühlen von Hilflosigkeit, Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein begegnen, um nur drei zu nennen. Das ist völlig normal. Mir hilft oft allein ebendiese Erkenntnis. Also lassen wir uns von unseren Gedanken nicht einreden, es sei ein Drama. Es geht jedoch nicht darum, diesen unangenehmen Teil gänzlich wegzuwischen, um schnell wieder positiv zu sein. Nö, manchmal kann man etwas schlicht bescheuert finden, basta. Jedoch sollten wir nicht an dem Punkt stehen bleiben.

Ungeahnte Möglichkeiten

Die Tatsache, dass wir keine Ansprüche daran stellen können, wie etwas oder jemand zu sein hat, beinhaltet, neben der entspannenden Erkenntnis, nicht für alles und jeden verantwortlich sein zu müssen, die wunderbare Möglichkeit, uns vom Leben überraschen und beschenken zu lassen. Wenn wir loslassen, können Dinge geschehen, weil wir unsere starre und eventuell blockierende Haltung aufgegeben haben. Kein Widerstand mehr. Wie beim Seidentuch, welches an einem Ast hängt. Wenn man versucht, Gegenstände nach ihm zu werfen, weicht es mit dessen Energie aus. Es wird nicht getroffen. Wir lassen geschehen und geben uns dem Fluss des Lebens hin. Wir sind dabei keineswegs völlig passiv, sondern erkennen lediglich an, was ist. Aus dieser Position heraus können wir in Ruhe entscheiden, was es als nächstes zu tun gibt und wie wir uns am besten einbringen können. Das ist kein trauriges und resigniertes, ich mache halt jetzt das Beste draus.

Wenn wir schaffen, unsere Gedanken darüber, was anders sein sollte als es tatsächlich ist -besonders in schwierigen Situationen- zumindest ein Stück weit und von da aus immer mehr loszulassen, können wir sogar freier und glücklicher werden als zuvor.

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