Meist fängt es schon morgens an: Der Wecker klingelt wie immer viel zu früh, die Kinder sind quengelig und trotz des frühen Aufstehens rennt der Uhrzeiger mit einer Geschwindigkeit, die Du ihm unter normalen Umständen nicht zugetraut hättest.
Der Alltag ist allgegenwärtig, die wenigen Momente der freien Zeit können wir nicht genießen, da unsere Gedanken abschweifen und schon wieder bei der nächsten Sache sind, anstatt im Hier und Jetzt zu bleiben. Spätestens beim Zähneputzen weißt Du – so richtig pünktlich und entspannt wird dieser Tag für Dich nicht beginnen, trotz dessen, und das ist das faszinierende, dass Du so früh wie nur möglich dem warmen Bett entsagt hast. Gedanklich bist du schon längst auf dem Weg zur Arbeit, zählst die Aufgaben, die Dich heute erwarten zum wiederholten Male durch und kannst Dir gefühlt doch nicht alle merken. Ein Zettel und ein Stift kann Dir in diesem Moment dabei helfen, die „nahe Zukunft“ aufzuschreiben, sie quasi „festzuhalten“, und Dich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Doch was, wenn der Zettel nicht der einzige ist, viele Stücke Papier auf dem Esstisch liegen und jede Notiz brüllt Dich an: „Lies mich, ich bin heute dran!“ Meist ist es so, dass auf vielen Zetteln dasselbe steht. Einfach alle wegzuwerfen, wage ich nicht, denn es könnte ja etwas dabei sein, von dem ich mich gedanklich nicht lösen will oder gar kann. Doch es gibt Sinn einfach mal gedanklich aufzuräumen und sich von Dingen zu trennen. Das klappt bei mir sehr gut, indem ich mir bewusst Zeit nehme, die Zettel zu durchforsten und notfalls zusammenzufassen. So wird aus 100 Notizen (ich übertreibe) eine. Der Rest verschwindet im Papiermüll. Das entlastet mich, gibt mir das Gefühl doch nicht „zu viel auf dem Zettel“ zu haben und ermöglicht es mir, mich auf den Moment zu konzentrieren. Viele dieser Momente machen den Tag aus und ich möchte diese nicht damit verschwenden, stets über den Horizont hinaus zu blicken und das Schöne im Jetzt nicht erlebbar zu machen. Dabei empfinde ich den guten alten Zettel als sehr brauchbares Mittel, meine Sorgen und Zwänge tatsächlich loslassen zu können. Natürlich kann ich das auch mit meinem Iphone – ich klicke einfach eine Aufgabe als erledigt an und sie verschwindet. Das ist schön, hat aber nichts von dem befreienden Prozess, etwas zusammenknüllen zu können und mit Schwung in den Müll zu befördern. Das tut gut und macht deutlich mehr Spaß und hat tatsächlich etwas Befreiendes.

 

Es hat etwas Befreiendes, etwas zusammenzuknüllen und mit Schwung in den Müll zu befördern.

 

Kommen wir zurück auf das Zähneputzen und den kalten Schauer, den das rennende Uhrwerk schon allein bei dessen bloßen Anblick auslöst. Klar lasse ich meine Bürste nicht fallen und meine Kinder auf der Toilette sitzen, nur um meinen eben als wichtig und notizwürdig bestimmten Gedanken zu Papier zu bringen. In solchen Momenten atme ich tief durch, putze weiter und vertraue darauf, dass wichtige Dinge immer wieder kommen – nicht umsonst bezeichnen wir solche Gedanken ja oft als „kreisend“. Nehmen wir das wörtlich, so kommen sie irgendwann wieder. Wichtig ist dabei, sich selbst nicht als Zentrum des Gedankenkreises zu begreifen, sondern als Teil davon. Denn wenn Du im Zentrum von allen stehst (oder stehen willst), schwirren die Gedanken zwar um Dich herum, sind aber nie wirklich ein Teil von Dir. Das heißt nicht, dass Dich Gedanken, die tatsächlich um Dich herum kreisen nicht auch treffen können. Im Gegenteil: Du wirst mit Deiner Einstellung, für alles und jeden verantwortlich zu sein sogar, ähnlich einem schwarzen Loch immer mehr an Dich ziehen: Menschen,, Gedanken, Aufgaben. So viel, dass es Dir zunehmend schwer fallen wird, dich selbst aus der Mitte zu lösen. Also, tritt einen Schritt zurück, hinein in die Kreisbahn. Es hat ja auch etwas erlösendes zu erfahren, dass du nicht immer im Mittelpunkt stehen musst oder auch brauchst. Und wenn der Wiederkehrradius, so nenne ich den Gedankenabstand, größer ist, ist das auch OK – dann braucht dieser Gedanke noch ein wenig mehr Zeit, um wieder zu mir zu finden.
Ich weiß, dass es schwer ist, dies im Moment zu akzeptieren. Das gilt für das Zähneputzen genauso wie für die gefühlte Stunde, die ich manchmal brauche, um einzuschlafen. Das Vertrauen darauf, dass ein Gedanke wieder zu mir kommt, und zwar im für mich günstigen Moment, ist ein Lernprozess und gelingt auch mir nicht immer, aber doch schon öfter als noch vor ein paar Jahren. Das Vertrauen, dass in diesem Kreis alles Wichtige und Erfahrbare für mich steckt, ohne mich selbst ins Zentrum zu stellen, das Vertrauen darauf, dass alles seine Zeit hat aber auch braucht, ist dabei für mich der Schlüssel für ein tägliches Lächeln in einem unbeschwerteren Alltag.

Im besten Falle könnt ihr so beruhigt Euren Tag starten, wirklich mal drei Minuten Zähneputzen, ausgiebig frühstücken und fröhliche Kinder in die Kita oder die Schule begleiten.

Über den Autor

Profilbild von Stefan

Ich heiße Stefan, bin 40 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Ich habe einen erfolgreichen Verlag, der sich mit Technik beschäftigt (www.av.de) und ich liebe mein Hamsterrad. Gleichwohl bin ich überzeugt, dass es ab und zu mal gut ist, auf die Bremse zu treten. Manchmal auch ganz kräftig. Denn wenn ich das nicht selber mache, übernimmt das mein Körper für mich. Meist mit Erkältung oder Rückenschmerzen. Und das will ich nicht mehr. Meine regelmäßigen Auszeiten finde ich im Kampfsport, hier bin ich ganz bei mir und kann mit meinen Gedankenkreise brechen. Dabei hilft mir die körperliche Erschöpfung.

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