Es gibt inzwischen unzählige Ratgeber zum Thema „Fasten“. Aber sie alle können nicht die praktische Erfahrung ersetzen, die man selbst beim Fasten macht. Wie komme ich über die ersten Tage? Was, wenn die Familie nur skeptisch zuschaut? Und was bleibt, wenn ich „fertig“ bin? Ich starte einen Selbstversuch ...

Im Frühjahr scheinen alle das gesunde Leben für sich zu entdecken und verordnen sich eine Fastenkur. Wenn ich ehrlich bin, interessiert mich Fasten nicht. Aber neugierig macht es mich doch. Schließlich scheint es dabei nicht nur ums Abspecken, sondern um gesünderes Leben zu gehen. Zudem ist Fasten in vielen Kulturen verankert. Das fasziniert mich. Also beschließe ich, auch zu fasten. Und zwar ganz individuell.

Einsam oder gemeinsam?

Mit meiner Idee bin ich bei meiner Familie nicht wirklich gut angekommen. Fasten ist eben nicht attraktiv, weil es immer etwas mit Verzicht zu tun hat. Meine Tochter meinte dazu immerhin begeistert: „Cool, Papa – mach das!“ Was übersetzt hieß, dass sie nicht mit an Bord sein würde. Aufmunternde Worte kamen auch vom meiner Frau. Allerdings nicht an mich gerichtet: „Wetten, das hält der Papa nicht lange durch.“

Aller Anfang ist schwer

Unter solchen Voraussetzungen klein beizugeben ohne angefangen zu haben, kommt nicht in die Tüte. Also geht es erstmal alleine in den Supermarkt, um fastengerechte Lebensmittel einzukaufen. Das Regal mit den Süßigkeiten und die Fleischtheke bleiben notgedrungen links liegen. Auch bei den Milchprodukten bin ich mir nicht sicher, was ich nehmen soll. Nach Obst ist mir gerade nicht und das Gemüse kann ich vor lauter Grünzeug nicht finden. Was bleibt mir also übrig, als mit dem leeren Einkaufswagen an der Kasse vorbeizufahren. Zu Hause begrüßt mich mein Töchterchen mit einem schelmisch klingenden: „Und? Was kochst Du Dir heute Gutes?“ „Nichts!“ schnaube ich zurück. Meine Frau hat dann doch Erbarmen mit mir und kredenzt mir zu Mittag Wasser und Brot. Fasten schlägt voll aufs Gemüt. Meine Stimmung ist jedenfalls auf dem Tiefpunkt. Der zuckerlose Tee am Abend schmeckt auch nur nach warmem Wasser. Also weg damit. Stattdessen trinke ich einen großen Krug Kaltes. Das erfrischt wenigstens und macht den Bauch auch irgendwie voll. Einen heimlichen Blick in den Kühlschrank werfen? Das kann ich mir nicht leisten. Ich will schließlich nicht als Schwächling vor meinen Mädels dastehen. Die entdecken schließlich alles, was sie nicht sollen.

Verzicht mit System

Der Sinn des Fastens ist, auf etwas zu verzichten. Das Frühstück auszulassen, fällt mir noch am leichtesten. Kein Kaffee, kein Nichts. Einfach nüchtern bleiben. Das einzige was mich stört, ist, meiner Frau und meiner Tochter beim Frühstücken zuzusehen. Da ziehe ich einen morgendlichen Spaziergang vor. Raus in die Natur und sie beobachten, wie der Tag anbricht und wie es mit den ersten Sonnenstrahlen allmählich in den Bäumen lebendig wird.

Diese Spaziergänge werde ich auch während meiner restlichen Fastenzeit machen. Sie haben nichts mit Morgensport zu tun, tun aber meiner inneren Ausgeglichenheit richtig gut. Sonderbar. So wohl habe ich mich um diese Tageszeit schon lange nicht mehr gefühlt. Schnell beginne ich zu erkennen, dass das Fasten allein um des Fastens willen, nicht die optimale Ausgangsbasis für ein solches Vorhaben ist. Fasten ist seit Jahrhunderten in vielen Kulturen verankert und ist nicht nur religiös motiviert. Fasten im Frühjahr dient etwa der Darmreinigung. Fastenzeiten können auch großen Festtagen vorausgehen. Vielleicht auch deshalb, um Platz für das festtägliche Schlemmen zu schaffen. Meist jedoch ist das Fasten unter dem Begriff „gesünder leben und sich wohler fühlen“ zu verstehen.

Damit sich dieser Effekt einstellt, braucht es ein System. Klar weiß ich, dass der Verzicht auf Süßes, zu viel Kaffee und so weiter zum Fasten dazu gehört. Aber reicht das schon, um erfolgreich zu fasten? Ganz persönlich für mich, neige ich dazu, diese Frage mit „ja“ zu beantworten. Es kommt lediglich auf die Konsequenz an. Ohne sich ein Ziel zu setzen, wird Fasten wohl kaum erfolgreich verlaufen. Mein Ziel heißt, drei Wochen durchzustehen. Süßes und Kaffee soll es währenddessen nicht geben. Auch den Fleischkonsum möchte ich weitestgehend einschränken. Wichtig ist mir zuletzt auch zu erfahren, was das Fasten mit mir machen wird. So hatte ich mir zu Beginn nicht träumen lassen, dass mich mein Vorhaben vermehrt in die Natur treiben würde.

Alles Gemüse

Im Internet entdecke ich, dass man sich bei uns allwöchentlich eine Gemüsekiste als Abo zustellen lassen kann. Frisches aus der Region. Geliefert wird das, was gerade Saison hat. Womit man nie genau weiß, was man bekommen wird. Da ich mich gerne überraschen lasse, schlage ich zu. Bereits am nächsten Morgen steht eine Schachtel voll von grünen Gewächsen vor der Haustür. Einen Beipackzettel mit Rezeptvorschlägen gibt es auch.

Ich bin begeistert. Gleich zu Mittag wird es was aus der Gemüsekiste geben. Den Rezeptzettel brauche ich dazu nicht. Der Bund grüner Blätter schaut wie Spinat aus. Den mochte ich schon immer. Zwiebeln sind auch drin. Beides rausgenommen, gewaschen und kleingeschnitten in einer Pfanne brutzeln lassen. Dazu noch etwas Gewürz, man nimmt, was man findet, und alles gut durchrühren. Mein Spinat schmeckt mir ganz ausgezeichnet. Da meine Lieben erst später nach Hause kommen, bleibt alles für mich alleine. Endlich kann ich mir so richtig den Bauch vollschlagen. Das sollte auch für den Abend reichen. Später fragt mich meine Frau, wo denn der Mangold sei. Der sollte in der Gemüsekiste gewesen sein.

Fasten vom Stress

Unser mitteleuropäischer Alltag ist von Stress geprägt. Termine jagen auf Termine. Man soll dieses und jenes und möglichst alles gleichzeitig erledigen. Dass wir dem Stress im Beruf nicht entgehen können, liegt auf der Hand. Wenn wir uns aber auch während unserer Freizeit unter Druck setzen, so ist das alleine unsere Schuld.

Schon vor Jahren habe ich einmal während eines Norwegen-Aufenthalts in einem Hafen einen Fischer beobachtet. Er wollte das Steuerrad seines Bootes abschrauben. Dazu hat er sich gemächlich seine Werkzeugkiste vorbereitet. Dann hat er sein Vorhaben von allen Seiten in aller Ruhe betrachtet. Erst dann hat er zum Schraubenschlüssel gegriffen, hat geschaut, ob er passen könne und ganz gemächlich überlegt, wie er ihn denn ansetzen könne. Während ich ihn eine Viertelstunde beobachtet hatte, war er über das Überlegen, wie er seine Arbeit denn am besten angehen solle, nicht hinausgekommen.

Ich hatte dann meine Hafenrunde fortgesetzt und war nach über einer Stunde wieder bei dem Boot angekommen. Da war der Fischer immer noch damit beschäftigt, abwechselnd das Steuerrad und seinen Schraubenschlüssel von allen Seiten zu betrachten. Zu arbeiten hatte er bis dahin nicht begonnen. Er war einfach die Ruhe selbst. Der alte Mann und das Meer, der laue Wind und immer wieder kreischende Möwen. Vielleicht hatte er seinen Schraubenschlüssel nur in die Hand genommen, um diese Idylle auf sich wirken zu lassen? Während meiner Fastenzeit erkenne ich, dass nicht alles sein muss, was für mich früher normal war. Muss ich mich etwa jedes Wochenende zum Fernseher hetzen, um bei der Bundesliga live dabei zu sein? Mein Lieblingsverein verliert schließlich auch ohne mich.

Ich beginne zu erkennen, dass sich Stress eigentlich ganz leicht reduzieren lässt. So verzichte ich etwa darauf, jeden Samstag mein Auto zu waschen. Stattdessen zieht es mich zu unserem Dorfteich. Da lässt es sich schön wandern oder ich lasse mir einfach die Sonne auf den Bauch scheinen. Diese Fastenstunden genieße ich besonders.

Neuentdeckungen

Ach, was gibt es doch alles für Gemüsesorten! Mir war früher gar nicht klar, was man aus ihnen so alles zaubern kann. Manche Sorten sind auch nur gedünstet einfach fantastisch! Kohlsprossen, zum Beispiel. Da macht es mir gar nichts aus, wenn meine Frau und meine Tochter neben mir Fleisch essen. Ihren langweilig schmeckenden Blattsalat können sie auch behalten. Der schmeckt ihnen. Für mich ist er verzichtbar. Ich habe das Bessere auf dem Teller und freue mich, dass ich nicht teilen muss.

Obst gibt es nicht nur in Dosen, sondern auch frisch! In Supermärkten findet man es gleich neben dem Gemüse und belegt damit einen Bereich, den ich früher beim Einkaufen gerne umgangen habe. Schließlich liegt da ja viel rum, was mir nichts sagt. Jetzt aber finde ich an Birnen, Kiwi und dergleichen Gefallen. Nur Erdbeeren habe ich nach einem Versuch bleiben lassen. Sie waren zwar teuer, haben aber nur nach Wasser geschmeckt. Toll an diversen Obstsorten finde ich, dass ich mir damit so richtig den Bauch vollschlagen kann. Gleich mehrere Kiwis am Stück mit ihrem faszinierend säuerlichen Geschmack ziehen mich voll in ihren Bann.

Radikalfasten

Eigentlich habe ich mich mit der Zeit ganz gut ans Fasten gewöhnt. Viel Obst, Gemüse, etwas Joghurt und meine, aus der Sicht meiner Frau mehr als fragwürdigen, Kochkünste, lassen es mir eigentlich ganz gut gehen. Der Verzicht auf Fleisch macht mir nichts. Etwas schwieriger ist es da mit Süßem. Aber solange davon nichts in meiner Nähe ist, komme ich auch damit ganz gut klar. Aber irgendetwas fehlt mir noch bei meinem Fastenerlebnis. Richtig! Die Erfahrung, wie es ist, gar nichts zu essen. Also beginne ich damit gleich nach dem Abendessen. Bereits am nächsten Tag macht sich dieses Experiment unangenehm bemerkbar. Anstatt den Kochlöffel für mein gemüsiges Mittagessen zu rühren und immer wieder aus dem Topf zu kosten, habe ich plötzlich nichts zu tun. Aber egal. Gibt es stattdessen einfach mal geistige Nahrung in Form eines Buches.

Gegen Nachmittag beginnt mein Magen verdächtig laut zu knurren und das Hungergefühl ist weitaus stärker als erwartet. Ich versuche es mit reichlich Wasser zu ertränken. Das erfrischt und füllt den Magen auch irgendwie. Am Abend zeige ich Stärke und setze mich zu meinen beiden Mädels, während sie genüsslich ihr Abendessen verspeisen. Ich kippe einstweilen wieder Wasser in rauen Mengen runter. Danach geht’s schnell ins Bett. Denn wer schläft, denkt nicht ans Essen. Am nächsten Morgen, nach 34 Stunden Nullfasten, ist mein Hunger wie verflogen. Ich könnte vor geistiger Energie fast platzen. Dies scheint auf meinen Körper aber ganz und gar nicht zuzutreffen.

Ich verspüre in ihm alles andere als Kraft, Power und Dynamik. Stattdessen meine ich, beim Gehen Blei an den Füßen zu haben. Egal, was ich hebe, egal, was ich gerade trage, so schwer wie an diesem Tag fiel mir das noch nie. Mein Körper läuft auf Reserve. Jede auch noch so geringe Anstrengung scheint ihn hoffnungslos zu überfordern. Hunger verspüre ich keinen mehr. Obst und Co fehlen mir nicht im Geringsten. So gesehen könnte es mit nichts essen ganz gut weitergehen. Dass dieses Nullfasten aber alles andere als gesund ist, weiß ich. Deshalb beende ich diesen Versuch auch nach 48 Stunden und faste fortan normal weiter.

Gute Laune

Meine schlechte Laune war bereits nach wenigen Tagen verflogen. Ich hatte mich einfach zu unvorbereitet in das Abenteuer Fasten gestürzt. Dadurch hatte Schmalhans auch anfangs Küchendienst. Erst nach und nach wurde mir klar, dass Fasten nichts mit Hungern zu tun hat. Fasten hat schließlich auch nichts mit einer Diät zu tun, die das Ziel hat, an ihrem Ende vielleicht etwas leichter zu sein, als zuvor.

Gerade das wollen uns aber die unzähligen Diäten glauben machen, die allmonatlich in diversen Frauenzeitschriften abgedruckt sind. Nur zu oft versprechen sie Unmögliches, wie einen Gewichtsverlust von 10 kg in zwei Wochen. Abgesehen davon, dass solche Fastenkuren kaum gesund sein können, produzieren sie nur verzweifelte Leute. Wird das Ziel nicht erreicht, obwohl man sich streng an die Vorgaben gehalten hat, trägt das kaum zur Steigerung des eigenen Wohlbefindens bei.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Jo-Jo-Effekt. Schon zu oft habe ich von Bekannten gehört, dass sie mit ihren Fastenkuren letztlich –5 kg oder so abgenommen haben. Hätten sie nicht versucht, mit aller Gewalt abzunehmen, wären sie dünner geblieben. Nicht nur, dass sie sich während ihrer Kuren quälen mussten, leiden sie auch jetzt noch, eben weil sie gefastet hatten. Für mich war klar, dass das nicht mein Ziel sein konnte. Also stand Abnehmen auch nicht in meinem Fokus. Freilich würde etwas weniger Gewicht auch mir nicht schaden. Aber eigentlich fühle ich mich doch ganz wohl, so wie ich bin. Und die vorgegebenen Schönheitsideale diverser Hochglanz-Modemagazine können mir sowieso gestohlen bleiben. Die wahre Schönheit eines Menschen liegt schließlich nicht in seiner Oberfläche, sondern in dem, wie er ist. Nicht umsonst heißt es: „Die wahre Schönheit liegt im Herzen“.

Erfolgreiches Ende

Nach drei Wochen beende ich mein Fasten. Trotzdem ich brav durchgehalten habe, macht sich das nicht wirklich auf der Waage bemerkbar. Dennoch hat mir dieses Abenteuer viel gebracht. Ich habe nicht nur meine Liebe zu Gemüse und Obst gefunden. Vor allem aber fühle ich mich jetzt wesentlich ausgeglichener als zuvor. Wohl deshalb, weil ich während des Fastens versucht habe, mehr Ruhe in mein Leben einkehren zu lassen, das Fasten eben ganzheitlich zu praktizieren. Diese Ruhe habe ich vor allem in der Natur gefunden, die ich auch weiterhin dem Fernseher vorziehen werde.

Inzwischen esse ich übrigens auch wieder Fleisch und Süßes. Bewusster allerdings als früher und wohl auch etwas weniger. Ich bin eben doch nur ein Teilzeit-Vegetarier.

Was ist geblieben?

Wer hätte gedacht, dass sich meine Einstellung zu Sport während meiner Fastenzeit so radikal ändern kann? Die Bundesliga ist mir inzwischen herzlich egal und auch sonstiger Fernsehsport findet jetzt ohne mich statt. Indem ich mich mancher Nebensächlichkeiten entledigt habe, habe ich viel Zeit zum Wandern und zum Radfahren gewonnen. Das mache ich jetzt nicht, weil ich muss, sondern weil es mir einfach so viel Spaß macht. So gesehen hat mir das Fasten geholfen, das wirklich Wesentliche im Leben zu erkennen und Freude daran zu finden.

 

Dieser Artikel stammt aus dem AUSZEIT-Magazin, das noch viele weitere tolle Themen für Euch bereithält.

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