Ich habe schon als kleiner Junge mit dem Judosport angefangen. Genauer gesagt mit sechs Jahren. Damals haben mich meine Eltern das erste Mal zum Training gebracht, weil ich mich in der Schule zu viel rumschupsen ließ.  Heute weiß ich: Es war mein Weg.

„Du machst jetzt Judo“ war der Satz, an dem ich eine Weile zu knabbern hatte – schließlich wollte ich doch meine freie Zeit lieber auf dem Hinterhof mit meinen Freunden in Leipzig-Schleußig verbringen, als mir in irgendeiner stickigen Halle erklären zu lassen, wie ein O-Goshi funktioniert. Es war Sommer, ich in der ersten Klasse und mit meinen Eltern unterwegs mit der Buslinie 60 in die Alfred Kästner Straße in der Leipziger Südvorstadt. Meine Eltern hatten schon alles organisiert und übergaben mich am Eingang den Trainern der Betriebssportgemeinschaft „Dynamo Süd, Sektion Judo“. Mein Weg zur „Halle“ führte durch den damaligen Knast, denn die BSG Dynamo Süd war der „Betriebssportgruppe“ der Polizei und die Halle diente auch der Fitness der Staatsdiener in der trainingsfreien Zeit.

Das war mir egal

Das war mir damals natürlich alles egal bzw. wusste ich es auch gar nicht, um dem irgendeine Bedeutung beimessen zu können. Ich fand den Weg „nach oben“ nur ziemlich abenteuerlich. Es ging durch zwei Schleusen nach oben – bewacht durch Beamte im grün/taubenblauen Look der Volkspolizei – heute undenkbar für die sportliche Betätigung von Kindern. Die „Halle“ war im zweiten Stock und atmete den Schweiß aber auch die Aura der Sportler aus, die in ihr trainierten. Zwei Umkleiden mit rauen Menschen rechts von mir, in der Halle zwei Mattenfelder, eiserne, hundeschwere Mattenwagen und die obligatorische Kraftecke mit Seilen und Gewichten sowie – na klar –  jede Menge lärmende Kinder und Jugendliche in lustigen weißen Anzügen und bunten Gürteln.

Rein oder raus?

Ein älterer Junge mit Udo Lindenberg Hut sprach mich an und wollte mich mit reinnehmen, aber ich blieb lieber an der Türe stehen, wo mich die Trainer irgendwie vergessen hatten. Dort, im Vorraum, neben dem blechernen Teekessel, aus dem wir später gemeinsam mit einer Kelle ungesüßten Tee in unsere wiederverwendbaren Hartplastiktassen schöpfen sollten. Jahrelang. Gemeinsam. Genau darum sollte es mir später gehen. Gemeinsam etwas zu tun. Gerne natürlich Sport, sehr gerne Judo. Aber wichtig war mir dieses „gemeinsam“. Das konnte ich vor fast 40 Jahren natürlich noch nicht wissen.

Mein Weg als Entscheidung fürs Leben

Dennoch – als ich also so das erste Mal an ihrer Eingangstüre stand, wusste ich trotz meiner sechs Jahre irgendwie und von irgendwoher, dass ich in diesem Moment eine Entscheidung für mein Leben treffen werde. Und – was soll ich sagen: Ich hatte Angst. So richtig die Hosen voll. Vieleicht kennst du das ja auch. Du stehst am Anfang eines Weges, siehst, dass diesen Weg schon viele andere gegangen sind, Menschen, die dir bereits von der ersten Biegung, gefühlt vom Ziel zuwinken. Und du stehst noch ganz am Anfang, voller Ehrfurcht am Eingang und hast schon keinen Bock weiterzugehen, weil Du nur sehen kannst, wie lang der Weg ist und dass du im Gegensatz zu „den Großen“ noch so viel Schweiß vor Dir hast. Du hast keinen Blick für die Schönheit des Weges. Nur für „die Großen“, die Dir aus der Ferne zuwinken und die sich in deinen Gedanken zu Riesen mit übermenschlichen Fähigkeiten formen, weil sie diesen Weg schon vor Dir gingen und soooo weit gekommen sind während Du noch ganz am Anfang stehst.

Entscheide Dich…

Du siehst wie diese Menschen sich gegenseitig durch die Luft werfen und wieder auf der Matte aufkommen und aufstehen als ob nichts gewesen wäre. Du siehst Magie. Und das gilt ganz sicher nicht nur für diese Türe – denn tief in Dir wirst du deine Türe kennen, an der Du einst standest und überlegt hast, ob du hindurchgehst. Dabei laden Dich die meisten der großen Menschen freundlich ein, mitzukommen, machen dir Mut und reichen Dir eine helfende Hand, wenn das ein oder andere Hindernis am Anfang zu groß erscheint. Gut, es gibt auch Idioten, die selbst mit einem 5-Liter Wasserkanister im Gepäck einen Verdurstenden am Wegesrand zurücklassen würden.

Es ist mein Weg und ich entscheide mich ihn zu gehen

Aber solche Menschen brauchen dich eh nicht kümmern, denn es kommt schließlich nur darauf an, ob DU den Weg gehen willst. Aber erklär das alles mal einem sechsjährigen Kind, das noch so herzerfrischend aus dem Bauch heraus entscheidet. Da kommt sowas schlicht nicht an! Also hieß es damals für mich nur: Puuh, Durchatmen, Entscheidungsmoment. Rein oder raus. Mitmachen oder gehen, weißer Anzug oder Spielen im Hof. Ich könnte Dir jetzt erzählen, dass ich mich schon damals in Liebe und Weisheit für den Weg hinein entschieden habe. War aber nicht so. Ich wollte nämlich einfach nur gehen, zu meinen Freunden in den schattigen Hinterhof der Brockhausstraße. Wobei ich heute glaube, dass ich mich gar nicht bewusst für das Spielen entschieden habe, sondern vielmehr „gegen“ das Unbekannte.

Danke, liebes Schicksal!

Also machte ich auf dem Absatz meiner Turnschuhe der DDR-Einheitsmarke „Germina“ kehrt und… kam exakt ein Stockwerk weit nach unten – bis zur ersten „Sperre“ (Danke, liebes Schicksal), bevor mir der Volkspolizist, der dort „Wache“ schob, erklärte, dass ich bis Trainingsende „oben bleiben müsse“, schließlich sei das ja ein Gefängnis und kein Ort für kleine Kinder, die auf eigene Faust die Welt erkunden wollen. Mit einem Stupps war ich wieder oben und stand wieder am Eingang der Halle. Und da ich nun schon mal die nächsten zwei Stunden an diesem Ort verbringen musste, habe ich mir mein Trainingszeug angezogen und bin durch diese Türe gegangen. Und ich bin geblieben. Mittlerweile fast 40 Jahre lang.

Freude auf meinem Weg

Denn ich habe ziemlich schnell festgestellt, dass mir diese Art von Gemeinschaft sehr gut gefällt. Wiederkehrende Rituale, menschliche Werte, die Freude am Training im weißen Anzug und ein Stück weit auch der Kampf, der direkte Vergleich mit anderen in einem fairen, sportlichen Wettbewerb. Dieser Sport hat mir seitdem viele prägende Momente beschwert. Der Moment, der mir damals so großen Respekt eingeflößt hat oder sogar Angst vor dem eigenen Versagen, war tatsächlich der Startpunkt eines wundervollen, mein Leben prägenden Weges, auf dem ich bis heute viele wundervolle Momente erleben durfte, wachsen konnte und meine besten Freunde kennengelernt habe. Aus den kleinen Jungs von damals sind Männer geworden. Statt Tee gibt es heute gerne mal ein Bier nach dem Training und ich musste mit der Zeit lernen, dass nicht mehr alles so funktioniert wie früher, meine Ansprüche an mich selber mit meinen Körper in Übereinstimmung bringen – eine der für mich wichtigsten Lektionen, die ich auf meinem Weg lerne (ja, Präsenz).

Aus Vergangenheit wird Zukunft

Ansonsten hat sich nicht viel geändert. Heute stehe ich selber am Eingang, wenn die kleinen Kinder das erste Mal an der Türe einer Halle mit solchen komischen Matten stehen. Mit großen Augen. Fasziniert von „den Großen“ in der Halle, die in ihren weißen und Anzügen scheinbar übermenschliche Übungen machen und andere Kinder durch die Luft werfen und diese wieder auf der Matte aufkommen, ohne sich zu verletzen. Ich sehe die Fragen in ihren Gesichtern, den inneren Kampf, die Neugier aber auch den Respekt vor dem Neuen. Und ich frage sie, ob ich sie durch diese Türe begleiten soll. Und dem ein oder anderen erzähle ich dabei eine Geschichte von einem Jungen, der vor vielen Jahren selber einmal an einer solchen Tür gestanden hat und sich unsicher war, ob er hineingehen würde.

Zufall oder Schicksal?

Ich bin froh, dass ich durch diese Türe gegangen bin. Nicht nur wegen des Sports. Ich weiß seitdem, dass ein Raum voller mir unbekannter Menschen und neuer Dinge, kein Grund ist, draußen stehenzubleiben oder gar wieder zu gehen. Neugier ist Leben und das Leben hält wundervolle Dinge für uns bereit. Jeder von uns hat ein solches Wunder, seine ganz eigene Türe, durch die er gegangen ist. Das Leben jenseits dieser Türen ist anders. Erfüllter. Wichtiger. Mutiger. Wenn ich heute zum Training meinen Judogi anziehe, ist das für mich immer wieder ein Schritt durch diese virtuelle Türe. In Fülle und Erinnerungen. Voller Sympathie. Voll Demut, Schweiß, Taten, Respekt, Lachen, Weinen, Schmerz, Erfolg und Scheitern, Liebe, Wut, Stolz, Zusammenhalt und Freundschaft. Es ist für mich die volle Dosis Leben verpackt in einem weißen Anzug, 

Ich wünsche Dir, deine Türe zu erkennen und die Kraft einzutreten.

Dein Stefan

PS.

Jeder hat in seinem Leben diese entscheidenden Momente – und es gibt so viele davon, dass wir uns oft des Augenblicks gar nicht bewusst sind, indem uns eine Schicksalstür einlädt, hindurchzugehen. Das ist so unglaublich schade, denn tief in uns wissen wir, dass gerade etwas wirklich Wichtiges passiert. Doch wir mit unserem großen Erwachsenenhirn machen uns lieber schon Gedanken, was wir heute Abend den Kindern zum Abendbrot machen und stellen die virtuelle Einkaufsliste für den Rewe zusammen. In unserem Alltag ist oft kein Platz für Neues und Türen, hinter denen scheinbar nur mehr Arbeit wartet. Deswegen gehen wir so gerne an ihnen vorbei, bleiben lieber in unserer Komfortzone. Natürlich ist das auch eine Entscheidung. Falsch ist sie nicht, sie ist nur anders – insofern – gib und nimm Dir Zeit für deinen Weg. Wenn Du nur etwas langsamer unterwegs bist, erkennst Du die Türen am Wegesrand auch besser.  Mein Weg war und ist der Judosport. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du deine Türen an deinem Weg erkennst und den Mut hast, hindurchzugehen.

Auf der Suche nach deinem Weg und deinen Schicksalstüren können dir diese Beiträge von mir helfen:

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